Herr Neumärker, als Wissenschaftler beschäftigen Sie sich tagtäglich mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Was genau versteht man darunter?

Unser Arbeitsmarkt wandelt sich radikal, und zwar weltweit. Roboter und künstliche Intelligenz werden schon bald einen großen Teil der Arbeit übernehmen, die heute Menschen verrichten. Viele haben Angst vor der Arbeitszeit-Verkürzung, die dadurch entsteht. Aber es liegt auch eine große Chance darin: Wenn wir weniger arbeiten müssen, entsteht Freiheit. Wir können Tätigkeiten nachgehen, die heute überhaupt nicht entlohnt werden: Kinder betreuen, Eltern pflegen, ein Ehrenamt übernehmen.

Fehlt nur das Geld, das man zum Leben braucht.

Hier kommt das bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel. Nehmen wir den idealtypischen Fall: Alle, die anspruchsberechtigt sind, bekommen jeden Monat eine bestimmte Summe ausgezahlt, ganz gleich, ob man bedürftig ist oder nicht. Also ein ganz anderes Konzept als das, was wir vom heutigen Sozialstaat kennen. Beim Grundeinkommen ist es egal, ob Sie ein Arbeitsloser oder ein Unternehmer sind – der Betrag ist für alle gleich.

Ist das nicht ungerecht, wenn Millionäre noch zusätzlich etwas geschenkt bekommen?

Auch Reiche können sehr arm sein: arm an Zeit, weil sie ihre Familie nie sehen. Oder arm an Gesundheit, wenn sie so viel arbeiten, dass es zum Burnout führt.

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Schon heute gibt es Arbeitslosengeld, Hartz IV, Kindergeld und andere Sozialleistungen. Warum braucht es da noch eine mehr?

Der große Unterschied ist, dass Sie heute erst arm werden müssen, um Hartz IV beziehen zu können. Sie müssen ihr Auto verkaufen, ihr Erspartes aufbrauchen. Beim Grundeinkommen könnte man fast alle anderen Sozialleistungen abschaffen. Wenn alle dieselbe Summe bekommen, würde das enorm viel Bürokratie sparen. Und damit auch Geld.

Wie hoch müsste der Betrag sein, damit man gut davon leben kann?

Da gibt es unter den Befürwortern unterschiedliche Ansätze. Ich halte ein umfassendes BGE für richtig, also eins, das echte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, über das reine Überleben hinaus. Ich würde für einen Betrag zwischen 1000 und 1500 Euro plädieren. Aber es gibt natürlich auch andere Ansätze, zum Beispiel das solidarische Grundeinkommen in Berlin: Das soll zum Leben reichen, gilt aber nur für Arbeitslose und ist an Gegenleistungen gekoppelt – also eben nicht bedingungslos.

Wenn alle anderen Sozialleistungen gestrichen werden, kann es dann nicht sein, dass die Menschen am Ende sogar weniger Geld auf dem Konto haben?

Das kommt darauf an, wie hoch man den Betrag ansetzt. Die meisten Hartz-IV-Familien können von 3000 Euro im Monat nur träumen. Aber wenn sie so viel zur Verfügung hätten – und dieses Konzept vertrete ich –, dann hätten sie so viel mehr Souveränität. Sie würden nicht nur ihre Zeit sinnvoll nutzen, sondern auch konsumieren. Und dadurch wiederum Steuereinnahmen generieren. Diese Tatsache vergessen die meisten Mainstream-Ökonomen.

Eine Familie bei einem herbstlichen Spaziergang. Durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens hätten Eltern wieder mehr Zeit für ihre Kinder. Bilder: dpa, MarcFerdinand – stock.adobe.com
Eine Familie bei einem herbstlichen Spaziergang. Durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens hätten Eltern wieder mehr Zeit für ihre Kinder. Bilder: dpa, MarcFerdinand – stock.adobe.com | Bild: Marc Ferdinand Koerneremefka.bewegtbildmanufaktur

Angenommen, es gäbe ein Grundeinkommen. Wer würde dann noch freiwillig Alte pflegen, den Müll leeren oder die Kanalisation reinigen?

Dann müssten diese Jobs anständig bezahlt werden – und zwar deutlich über dem Grundeinkommen. Manche denken, die Idee des Grundeinkommens sei eine Form von Kommunismus. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Es richtet sich nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Wenn der Müll vor der Haustür zu stinken beginnt, wird sich die Gesellschaft überlegen, wie viel sie bereit ist, für eine solche Tätigkeit zu bezahlen. Erst dadurch entsteht ein Marktpreis nach der Zahlungsbereitschaft.

Aber irgendwo muss das Geld ja herkommen.

Da gibt es mehrere Optionen. Der Klassiker wäre eine negative Einkommenssteuer: Jemand verdient 1000 Euro und muss darauf 20 Prozent Steuern zahlen. Die 200 Euro Steuern werden mit dem Grundeinkommen verrechnet; Sie bekommen also 1300 statt 1500 Euro ausgezahlt. Oder, ganz anders: Sie bekommen das Grundeinkommen immer zusätzlich, egal, was Sie verdienen. Dies könnte man zum Beispiel mit einer deutlichen Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes finanzieren. Sagen wir: auf 50 Prozent.

Trotzdem haben die Schweizer das Grundeinkommen per Volksentscheid abgelehnt; in Finnland wurde ein zweijähriger Feldversuch nicht weitergeführt. Wenn alles so gut funktioniert, wie Sie sagen, warum hat dann noch kein Staat das Grundeinkommen eingeführt?

Die Einschläge kommen näher. Die SPD denkt schon darüber nach, die Einnahmen der CO2-Steuer als Klimaprämie den Bürgern zurückzugeben. Auch das Kindergeld funktioniert nach diesem Prinzip: Das bekommen nicht nur Bedürftige, sondern auch die Gutverdiener – mit dem Unterschied, dass sie durch den Kinderfreibetrag noch steuerliche Vorteile daraus ziehen können.

Wie könnte man das BGE einführen, ohne dass dadurch die Wirtschaft zusammenbricht?

Das wird nicht passieren. Wir greifen die marktwirtschaftlichen Prinzipien ja gar nicht an. Wer möchte, kann auch weiterhin Kapital anhäufen und renditeträchtig einsetzen. Der Unterschied ist, dass niemand mehr ein Leben führen muss, das auf Lohnausbeutung basiert, um es mal marxistisch zu sagen. Das Argument „Das geht nicht“ hat man in der Geschichte immer wieder gehört: Auch die Sklaverei war angeblich nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Oder Kinderarbeit. Oder Ausbeutung durch Niedrigstlöhne. Als Bismarck die Sozialversicherungen einführte, hielten ihn viele für verrückt.

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Der Unterschied ist, dass es zum ersten Mal Geld fürs Nichtstun gibt.

Das ist das, was ich bestreite. Wir gewinnen sehr viel, nämlich ein selbstbestimmtes Leben. Das BGE wird paradoxerweise von allen Seiten angegriffen. Die Neoliberalen sagen: „Ihr verführt die Leute zur Faulheit.“ Die Linken sagen: „Ihr legt die Menschen still.“ Es kann aber nicht beides stimmen. Wer frei von monetären Zwängen ist, wird sich vielleicht eher dazu entscheiden, Künstler zu werden. Oder ein Unternehmen zu gründen. Oder seine Eltern zu pflegen. Und ja, natürlich wird es auch Leute geben, die keine Lust zum Arbeiten haben. Aber die gibt es auch heute schon.

Der Freiburger Ökonom Bernhard Neumärker befürwortet ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Der Freiburger Ökonom Bernhard Neumärker befürwortet ein bedingungsloses Grundeinkommen. | Bild: Patrick Seeger/Uni Freiburg

Würde das nicht zu einem extremen
Sogeffekt führen? Dann stünde am nächsten Tag die halbe EU vor der Tür, wenn ein Mitgliedsstaat das bedingungslose Grundeinkommen einführt.

Natürlich ist die Zuwanderung ein Faktor, den man beachten muss. Aber sehen wir es mal so: Wer mehr Geld zur Verfügung hat, wird auch mehr konsumieren. Jeder Staat hat eigene Möglichkeiten, das Ganze zu finanzieren. Nehmen wir Norwegen: Dort fließen die gesamten Erdöl-Einnahmen in einen staatlichen Fonds. In Großbritannien dagegen liegt alles in privater Hand. Wenn ich meine Studenten frage, in welchem Land sie lieber leben würden, raten Sie mal, bei was die meisten Hände nach oben gehen!

Was würden Sie mit 1500 Euro anfangen, die Sie frei zur Verfügung hätten?

Mit meinen 56 Jahren bin ich mit meiner persönlichen Entwicklung schon durch. Aber wenn ich noch mal jung wäre? Wahrscheinlich würde ich trotzdem Professor werden. Die grundgesetzlich geschützte Freiheit, die man in diesem Job hat, ist ja immer noch recht groß.

Befürworter des Grundeinkommens

  • Robert Habeck: Der Grünen-Chef will das bisherige Hartz-IV-System hinter sich lassen. Allerdings plädiert er für keinen radikalen Systemwechsel hin zum bedingungslosen Grundeinkommen, sondern für schrittweise Reformen. „Wir müssen Dinge ausprobieren und über verschiedene Module das System verändern“, sagt er. So will Habeck in einem ersten Schritt Sanktionen für Arbeitslose abschaffen, die nicht mit den Jobcentern zusammenarbeiten. Die Teilnahme an Beratung und Weiterbildung sollte freiwillig sein. Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Wohngeld und Bafög sollten nach und nach in die neue Garantiesicherung überführt werden. Auf diese Weise könne man den Betroffenen Hilfe aus einer Hand anbieten und Kosten für Bürokratie sparen, so Habeck.
  • Richard David Precht: Der Philosoph glaubt, dass uns im Zeitalter der Roboter und intelligenten Maschinen die Arbeit ausgehen wird. „Viele Menschen werden nutzlos, weil es für sie keine Arbeit beziehungsweise keine gut bezahlte Arbeit mehr gibt“, sagt er. Deshalb plädiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen von mindestens 1500 Euro. „Ich kenne keine andere Idee zur Rettung des Sozialstaates“, sagt der Querdenker. Kommen werde das Grundeinkommen, ganz egal wer Deutschland regiere, spätestens dann, wenn wir zwei bis drei Millionen mehr Arbeitslose haben, prognostiziert der Autor des Buches „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft“.
  • Joe Kaeser: Der Siemens-Chef gilt als der politischste aller Konzern-Bosse unter den Dax-Unternehmen. Manche sagen ihm sogar Ambitionen auf ein politisches Amt nach. Auch zum Thema Grundeinkommen hat Kaeser Stellung bezogen. Durch die Digitalisierung würden „einige auf der Strecke bleiben“, sagte er. Und die Gesellschaft müsse dafür sorgen, „dass die Menschen versorgt sind“. „Eine Art Grundeinkommen“ sei deshalb „völlig unvermeidlich“, so Kaeser. „Inklusiver Kapitalismus“ nennt Kaeser sein Gesellschaftsmodell.
Thomas Domjahn