Herr Göbel, welchen Wert hat Arbeit heute eigentlich noch?

Unterm Strich identifizieren wir uns noch immer stark über die eigene Arbeit. Das schnelle Geldverdienen spielt da eine eher nachrangige Rolle. Es geht vielmehr um die Art und Weise, wie wir unser Leben sinnvoll gestalten.

Aus welcher Perspektive schauen Sie als Soziologe auf die Arbeitswelt?

Wow, das ist eine große Frage. Natürlich kann man beim Blick auf die Arbeitsmarkt- und Lohnpolitik Tendenzen erkennen, die auch gesamtgesellschaftlich relevant sind. Wir wissen beispielsweise, dass der Strukturwandel die Arbeitsgesellschaft grundlegend verändert hat. Der Soziologe Richard Sennett hat dieses Phänomen analysiert und kam dabei zu folgendem Ergebnis: Nach Jahrzehnten, in denen der Mensch sein ganzes Leben an einen Beruf gebunden war und sich maßgeblich damit identifiziert hat, befinden wir uns heute in einer immer stärker fragmentierten Arbeitswelt. Die Leiharbeit hat sich etabliert und immer mehr Stellen werden befristet ausgeschrieben. Wir erleben, wie Berufsbiographien und damit auch Identitäten zersplittern. Es ist ein tiefes Gefühl der Verunsicherung, welches das moderne Arbeiten prägt.

Ist dieser Wandel das Ergebnis eines gesellschaftlichen Umbruchs?

Zumindest finden wir Parallelentwicklungen. Gesellschaftlich erleben wir seit den 1960er und 1970er-Jahren eine zunehmende Individualisierung persönlicher Lebensgestaltung. Das ist vor allem ein Phänomen westeuropäischer und nordamerikanischer Wohlstandsgesellschaften, denn Individualisierung setzt ein hohes Maß an sozialer Absicherung voraus.

Das klingt sehr abstrakt.

Ich zeige das gerne an einem Beispiel: Wenn Sie Ende des 18. Jahrhunderts als Sohn eines Schusters auf einem Dorf geboren sind, wären sie klassischerweise ebenfalls Schuster geworden und hätten später den Familienbetrieb übernommen. Wir sprechen hier von vorgezeichneten Lebensläufen. Individualisierung bedeutet dagegen eine Vervielfältigung persönlicher Optionen. Gibt es die entsprechenden staatlichen Rahmenbedingungen, kann der Schustersohn plötzlich darüber nachdenken, sein Abitur zu machen und später zu studieren.

Das ist doch erstmal eine gute Sache.

Grundsätzlich schon, aber die Individualisierung hat Licht- genauso wie Schattenseiten. Auf der einen Seite steht die Chance, die eigene Biografie zu gestalten, selbst zu entscheiden, wer man sein möchte. Darüber denkt der Schusterjunge im 18. Jahrhundert gar nicht nach. Gleichzeitig zwingt einen die Individualisierung, selbst Entscheidungen zu treffen, die natürlich auch mal schief gehen können.

Erleben wir also gerade das Ende sozialer Schichten und Klassen?

Das kann man durchaus so sagen. Die traditionelle Arbeiterklasse als Gegenspieler zur Klasse der Kapitalisten – wie es Karl Marx beschrieben hat – gibt es in diesem engen Sinn schon lange nicht mehr. Aber auch die Begriffe „Schicht“ und „Milieu“ sind als Erklärungsansätze nur noch bedingt geeignet. Das ist eines der großen Probleme der Gewerkschaften genauso wie der Sozialdemokratie und vieler anderer Parteien.

Die auch klassische Milieus bedienen.

Genau. Viele Parteien sind noch immer in ihrem alten Milieu-Denken verhaftet, dabei sind die Zeiten einer homogenen Wählerschaft längst vorbei. Heute steht der Einzelne im Fokus. Auch deswegen werden im Wahlkampf riesige Summen investiert, um individualisierte Parteiwerbung auszuspielen. Die klassischen Milieus sind zwar nicht völlig erodiert, aber sehr viel durchlässiger und dadurch unschärfer geworden. Dieser Wandel ist auch eine der Folgen gesellschaftlicher Individualisierung.

Könnten wir statt Individualisierung nicht einfach von Egoismus sprechen? Sie haben eben die Gewerkschaften angesprochen. Für die wird es immer schwieriger, Mitglieder zu gewinnen.

Ich wäre sehr vorsichtig mit einer allzu engen Verknüpfung von Individualisierung und Egoismus. Aber Sie haben Recht: Die Ich-Bezogenheit in unserer Gesellschaft greift um sich. Bei den Gewerkschaften erleben wir, dass diese Form der Solidarität, das Einstehen für gemeinsame Interessen, in hohem Tempo erodiert. Heute ist sich jeder selbst der Nächste. Das fängt an den Schulen an. Während Schülervertretungen früher gegen Widerstände für die eigenen Interessen gekämpft haben, beschränken sich die Aktivitäten heute auf die Organisation von Unterstufenpartys. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft sich längerfristig in Vereinen und Organisationen zu engagieren – gerade wenn es darum geht, Verpflichtungen einzugehen. Unangenehme Aufgaben werden gerne den anderen überlassen.

Nochmal gefragt: Hängen Individualisierung und Egoismus zusammen?

Da sind wir bei der heiligen Kuh der modernen Gesellschaft angekommen: die Rolle des einzelnen Individuums. Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung seit Ende des 19. Jahrhunderts prägt ganz massiv das persönliche Selbstverständnis und die eigene Lebensgestaltung. Es ist das einzelne Individuum, auf das sich alles hin orientiert. Das bedeutet aber auch: Jeder ist seines Glückes Schmied. Jeder muss aus seinem Leben etwas machen und daraus resultieren natürlich Egoismen. Mittlerweile sind wir soweit, dass diese gesellschaftlich honoriert und bisweilen sogar erwartet werden. Beispielsweise erleben wir durch den Druck am Arbeitsplatz und die vielfältigen Karriere-Ambitionen ein ausgeprägtes Konkurrenz-Denken innerhalb der Betriebe – gegeneinander statt miteinander.

Das ist ein Konzept, das so gar nicht zum gewerkschaftlichen Prinzip der Solidarität passt. Welche Folgen hat das für die Arbeitswelt?

Nun ja, die Unternehmen und deren Verbände sind heute so machtvoll, weil ihre Gegenspieler – die Gewerkschaften – mit sich selbst beschäftigt sind. Wenn in den Betrieben die Bereitschaft zur Solidarität verloren geht, erodiert das Tarifsystem. Am Ende verlieren dabei die Beschäftigten.

Sind die Arbeitnehmer selbst schuld?

So einfach sollte man es sich nicht machen. Damit blendet man nämlich aus, dass in Zeiten prekärer Beschäftigung auch die Risiken gestiegen sind. Grundsätzlich richtet der Einzelne sein Handeln immer an den erwarteten Folgen aus. Wenn ich mich von einem befristeten Job zum nächsten hangele, ist die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft ein großes Wagnis. Letztlich haben viele Beschäftigte schlichtweg Angst.

Und den Gewerkschaften gelingt es kaum, sich diesem rasanten Wandel der Arbeitswelt anzupassen.

Es lässt sich zumindest feststellen, dass sich die Gewerkschaften in ihren Strukturen und ihrem Auftreten noch stark auf das Arbeitermilieu konzentrieren. Das Problem: Den klassischen Industriearbeiter gibt es nur noch ganz vereinzelt. Wir erleben gerade, dass unter den Bedingungen einer Informations- und Wissensgesellschaft völlig neue Berufe und Milieuformen entstehen. Aber so wie die Gewerkschaften heute aufgestellt sind, präsentieren sie sich als Relikt einer älteren – längst überkommenen – Arbeitswelt.

Der Soziologe Andreas Göbel.
Der Soziologe Andreas Göbel. | Bild: Jan Becke