Sie nannten ihn „Big Sleep“. Der Spitzname ist so schmeichelhaft wie ein geschenktes Kleid zum Hochzeitstag, das er drei Nummern zu groß gekauft hat. „Big Sleep“, der große Schlaf, vielleicht auch Schlafmütze. Selten war ein Name passend unpassender, als dieser, den Tracy McGrady wegen seiner herunterhängenden Augenlider verpasst bekommen hatte.

Sollten Sie jetzt kein Basketball-Experte sein und für den Fall, dass Sie noch nie etwas von Tracy McGrady gehört haben, liegt das daran, dass der US-Amerikaner zwar einer der besten Spieler seiner Generation war, aber eben kein Titelsammler, keine Ikone wie Michael Jordan. Vergleiche mit dem Größten der Geschichte sind natürlich unfair, tatsächlich schneidet „Big Sleep“ aber gar nicht so schlecht ab. 2003 erzielte er als bester Punktesammler der NBA etwa 32,1 Punkte pro Partie, womit er in den Dimensionen des Überbasketballers der Chicago Bulls agierte.

Das könnte Sie auch interessieren

Und das, was er an jenem 9. Dezember 2004 zeigte, ließ selbst den ein Jahr zuvor zurückgetretenen Michael Jordan staunen. Die unglaublichsten 35 Sekunden der Basketballgeschichte, das größte Comeback überhaupt – die Superlative für das, was McGrady an jenem Abend gelang, sind auch gut 15 Jahre später noch nicht verblasst.

Eine Sensation in vier Akten

Es ist die Geschichte von vier Drei-Punkte-Würfen und einem Freiwurf.

Das könnte Sie auch interessieren

Der erste Akt: McGradys Houston Rockets spielen an diesem Abend bei den San Antonio Spurs. Die Partie ist eigentlich schon gelaufen, die Spurs liegen bei weniger als einer Minute verbleibender Spielzeit mit acht Punkten in Führung. Die ersten Zuschauer haben die Arena bereits verlassen, Wetten auf den Ausgang der Partie werden im Internet sicher nicht mehr angenommen. „Big Sellep“ dribbelt noch einmal nach vorne, nimmt einen Dreier, trifft bei verbleibenden 35,0 Sekunden. 71:76 aus Sicht der Rockets. Die Spurs treffen im Anschluss nach einem Foul zwei Freiwürfe, 71:78 also. Da ist die Messe normalerweise endgültig gelesen.

Der zweite Akt: Wieder stürmt McGrady nach vorn, nimmt den Dreier, trifft, obwohl er beim Wurf gefoult wird. Auch der anschließende Bonusfreiwurf ist drin. Nur noch 75:78, doch im Gegenzug verwandeln die Spurs wieder zwei Freiwürfe zum 75:80.

Das könnte Sie auch interessieren

Der dritte Akt: Jeder weiß, dass der Ball wieder zu McGrady kommen wird, denn der ist „in the Zone“, wie die US-Amerikaner den Zustand nennen, wenn der Korb gefühlt so groß wie einen Scheunentor ist, wenn der Spieler den Ball nur noch wegschmeißen muss, egal wie und von wo, wenn einfach alles funktioniert. „Big Sleep“ rennt wieder zur Dreierlinie, das halbe Team der Spurs auf den Fersen. Ein wilder Wurf, einer von der Sorte, die eigentlich gar nicht reingehen können. Wieder drin. „YEEEEEES! YES“, schreit Kommentator Kevin Harlan ins Mikrofon.

Die Wende auf der Punktetafel

Der vierte Akt: Noch liegen die Spurs 11,2 Sekunden vor dem Ende mit zwei Punkten vorne. Außerdem haben sie den Ball, müssen die Uhr nur noch runterlaufen lassen. Was folgt, ist Geschichte. Ballverlust der Gastgeber, McGrady schnappt sich den Ball und sprintet das Feld herunter. Die Uhr tickt herunter. 8 Sekunden, 7, 6, 5. Bei noch 3,9 Sekunden verbleibender Spielzeit erreicht „Big Sleep“, ach was, „Big Big Big“ die Dreierlinie und drückt ab. „McGrady for the win…YEEEEEES.“

Das könnte Sie auch interessieren

Ein letzter Wurfversuch der Spurs geht daneben. Houston gewinnt mit 81:80. Unglaublich. Unwirklich. Verrückt. Genial. McGrady wird von seinen Mitspielern im Freudentaumel umgerissen, selbst die Fans der Spurs fassen sich an die Köpfe und applaudieren, immerhin haben sie ein Stück Sportgeschichte live erlebt. Statistiker werden später errechnen, dass er in jener Schlussphase 0,39 Punkte pro Sekunde erzielte. Würde man das auf 48 Minuten hochrechnen, hätte er in einem Spiel 1134 Zähler markiert.

„So etwas habe ich noch nie erlebt. Es hat sich angefühlt, als ob alles, was ich werfe, reingeht. Der Ring hat sich wirklich sehr, sehr groß angefühlt“, erklärt der Matchwinner. Und stichelte hinterher: „An all diejenigen, die früher gegangen sind… ihr habt ein großartiges Spiel verpasst.“ Eine Sensation, wie es sie kein zweites Mal gegeben hat.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.