1993 war Brasilien noch viel weiter entfernt von Deutschland als heute. Gefühlt zumindest. Für einen Teenager, wie ich es damals war, lag der Zuckerhut irgendwo am anderen Ende der Welt, wo die Frauen beim Karneval bemerkenswert wenig an hatten und eine ganz andere Art Fußball gespielt wurde als in Deutschland, wo statt Dribblings in den Stadien lautstark „kämpfen, kämpfen“ gefordert wurde.

Der erste Stadionbesuch, er prägt einen für das Leben. Meinem Vater habe ich daher in jungen Jahren eine gewisse Zuneigung zum VfB Stuttgart zu verdanken. Beruflich bedingt hat sich das längst erledigt, natürlich hat man als Journalist neutral zu sein. Der VfB hat es einem zuletzt allerdings auch nicht allzu schwer gemacht, die Hingabe auf ein Minimum zu reduzieren.

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Aber egal, diese Geschichte rührt noch aus der Zeit, als es für mich nichts Schöneres gab, als Siege der Schwaben. Am besten in Duellen mit den Bayern. Nicht, dass ich was gegen die Bayern gehabt hätte. Aber mein großer Bruder hielt zu den Münchnern – und damit waren sie das Feindbild Nummer eins.

Ein Jahr zuvor, 1992, hatte Guido Buchwald den VfB am letzten Spieltag durch einen Kopfball kurz vor Schluss in Leverkusen zum Meister gemacht. Danach folgte der Sturz auf Platz sieben. Und dann folgte das, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle.

Ein missglückter Trick zum Auftakt

Spätsommer 1993. Der VfB Stuttgart hat einen Brasilianer verpflichtet. Einen Brasilianer! Samba, Tricks, Sonne, Leichtigkeit – die Träume eines Teenagers schossen ins Unendliche. Das erste Pflichtspiel gegen Borussia Dortmund. Beim Aufwärmen hätte einem schon klar werden können, dass dieser Carlos Caetano Bledorn Verri keiner dieser Sambakicker ist, die Ball und Gegner nach Belieben beherrschten. Doch als dem Neuzugang der Ball versprang, soll der nur gesagt haben: „Der Ball ist aus Leder, das kommt von der Kuh, die Kuh grast – und deshalb will der Ball immer auf den Rasen runterfallen.“ Nun, es sollen schon Literaturnobelpreise für weniger Verwirrendes vergeben worden sein.

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Tatsächlich war Carlos Dunga mehr Stratege als Ballästet, mehr Rammbock als Wiesel. Und dieses erste Spiel ging auch gleich verloren zu gehen, 1:2 lagen die Schwaben zurück, als es kurz vor Ende einen Freistoß gab. Dunga legte sich die Kugel zurecht, nahm in der Erinnerung außerhalb des Stadions Anlauf und hämmerte die Kugel über geschätzte drei Zeitzonen hinweg in den BVB-Kasten. Ein Strahl. Ein Tor, bei dem die Väter auf der Tribüne ihre Söhne in den Arm nahmen und sagten: „Wie früher der Karle“, womit natürlich kein geringerer als VfB-Ikone Allgöwer gemeint war, dessen harter Schuss ihm einst den Beinamen „Knallgöwer“ eingebracht hatte.

Ronaldo wäre besser gewesen

Ein sensationeller Einstand, ein Tor, wenn schon nicht brasilianisch, dann doch einzigartig. Ein Versprechen an die Zukunft, das sich leider nie erfüllen sollte. Dunga verließ die Schwaben nach 53 Bundesligaspielen und sieben Toren im Streit. Das war es dann vorerst mit dem VfB Stuttgart und den Samba-Kickern. Zumal der Transfer eines gewissen Ronaldo an den Neckar ein Jahr später an der Ablösesumme scheiterte. Die 9,5 Millionen Mark, die der PSV Eindhoven für den späteren Weltfußballer hinblätterte, waren den VfB-Verantwortlichen einfach zu viel.

Dann kam Giovane Elber

Was wohl wie gekommen wäre, wenn der Transfer doch zu Stande gekommen wäre? Luftschlösser! Die Stuttgarter holten stattdessen für 1,6 Millionen Mark einen gewissen Giovane Elber. Der traf übrigens in seinem ersten Pflichtspiel auch gleich, bildete später mit Fredi Bobic und Krassimir Balakow das magische Dreieck – wodurch doch noch etwas Samba durch den württembergischen Landesstadtkessel klang.

Noch eine Anmerkung

Sollte Ihnen dieser Tage beim Smalltalk mit der Gattin, dem Kumpel oder beim Homeoffice-Telefonat mit dem Chef mal nichts einfallen, dann versuchen sie es mit: „Der Ball ist aus Leder, das kommt von der Kuh, die Kuh grast – und deshalb will der Ball immer auf den Rasen runterfallen.“ Sensationell. Genauso wie der Freistoß gegen den BVB.

Zur Person

Carlos Caetano Bledorn Verri, genannt Dunga, galt unter den brasilianischen Topfußballern als derjenige, der besonders ausgeprägt den europäischen Stil pflegte. Er spielte von 1993 bis 1995 für den VfB Stuttgart, wechselte dann nach Japan. Mit Brasilien wurde er 1994 Weltmeister, als Nationaltrainer gewann er mit seinem Heimatland die Copa América 2007 und den Confederations-Cup 2009. (sal)

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