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Die Fußballer der iranischen Nationalmannschaft haben vor ihrem WM-Auftaktspiel gegen England ihre Nationalhymne nicht mitgesungen. Beim Abspielen der iranischen Hymne im Stadion in Doha schwiegen die Spieler am Montag als Zeichen der Solidarität mit den Regierungskritikern in ihrer Heimat. Den Spielern könnten nun Konsequenzen drohen. Der iranische Staatssender unterbrach seine Live-Übertragung bei der Hymne.

Der Kapitän der iranischen Nationalmannschaft, Alireza Jahanbakhsh, hatte vor Beginn der WM in Katar gesagt, das Team werde „gemeinsam“ entscheiden, ob es als Zeichen der Unterstützung für die Opfer der Unterdrückung der Proteste die Nationalhymne anstimmen werde oder nicht.

Plakat mit Aufschrift „Frau, Leben, Freiheit“ im Tribünenbereich

Während der Hymne war auf Fernsehbildern kurz eine Zuschauerin mit weißem Kopftuch auf der Tribüne zu sehen, die den schweigenden Spielern applaudierte, während ihr Tränen übers Gesicht liefen. Im Tribünenbereich der iranischen Fans war kurzzeitig auch ein Plakat mit der Aufschrift „Frau, Leben, Freiheit“ auf Englisch zu sehen, dem Slogan der Protestbewegung.

Grünen-Chef Omid Nouripour ging schon vor dem Spiel davon aus, dass die iranische Nationalmannschaft ihr Auftaktspiel zur Solidarisierung mit den Demonstranten nutzen würde. „Bis auf zwei Spieler äußerten sich bisher alle kritisch gegenüber dem Regime, keiner singt die Nationalhymne mit oder freut sich nach Toren“, sagte er im „kicker“-Interview (Montag).

Das Turnier biete eine Bühne, auf der „diese Mannschaft sehr viel bewegen und sehr viel Aufmerksamkeit für die Notlage der Leute und die Proteste erzeugen kann“ – ohne dass die Staatsführung in Teheran viel dagegen tun könnte. „Im Iran ist Fußball die Ablenkung von einer Religion, die vom Staat in allen Facetten aufgezwungen wird“, sagte Nouripour. Die Nationalmannschaft biete da immer wieder ein Fenster nach draußen.

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Im Iran gehen seit dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini Mitte September landesweit Menschen gegen die Führung in Teheran auf die Straße. Die 22-Jährige war von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen haben soll. Sie starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Aktivisten werfen der Polizei vor, Amini misshandelt zu haben.

Bürgerkriegsähnliche Zustände bei Protesten

Die Proteste gegen die Sittenpolizei schlugen rasch in Demonstrationen für mehr Frauenrechte und Freiheiten im Iran sowie Demokratie generell um. Bei Protesten in Kurdengebieten im Westen und Nordwesten des Irans haben sich am Montag laut Augenzeugen bürgerkriegsähnliche Szenen abgespielt. In den Städten Dschwanrud und Piranschahr gab es demnach heftige Auseinandersetzungen, wobei iranische Sicherheitskräfte wahllos auf Demonstranten geschossen haben sollen.

Am Sonntag waren Einsatzkräfte bereits sehr hart gegen Demonstranten in der kurdischen Stadt Mahabad vorgegangen. Anwohnern zufolge soll es mehrere Tote und Verletzte gegeben haben. Die Schilderungen aus den Kurdengebieten ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Auch aus anderen Landesteilen gab es am Montag zunächst unbestätigte Berichte über Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften. (AFP / dpa)