Lächeln. Smalltalk. Umarmen. Klick. Und alles aufs Neue. Lächeln. Reden. Umarmen. Klick. Sind es 80, 90, 100 Mal, die sich der Präsident des FC Bayern München mit euphorisch dreinschauenden Menschen ablichten lässt? In der „Meckatzer Lounge“ in Halle 5A der Friedrichshafener Messe macht Uli Hoeneß gute Miene zum, nein, nicht bösen, sondern notwendigen Spiel. Wenn er sich beim Mittelstandsforum Bodensee als Interviewgast zur Verfügung stellt, dann endet sein Engagement nicht mit dem abschließenden Dank des Gastgebers, sondern erst viel später – nach Leberkäs und Fleischpflanzerl, Kraut- und Kartoffelsalat und eben an die 100 Selfies. Und wenn schon, denn schon. „Wo bleiben die Mädels?“ fragt Hoeneß in die Runde, und schon kommen sie angerauscht, die Dirndl tragenden Mitarbeiterinnen der Brauerei Meckatzer. Lächeln. Nette Worte. Umarmen. Klick.

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Von der Firmengruppe Heinzl in Bad Waldsee organisierte Unternehmerforen sind immer hochkarätig besetzt – mit Referenten und Diskutanten aus Politik, Wirtschaft und Sport. Als letzter Talk-Gast diesmal auf der Liste und damit auch der Höhepunkt des Programms: Uli Hoeneß, erfolgreicher Präsident des FC Bayern München. Und Uli Hoeneß, erfolgreicher Unternehmer in der Würstelbranche. Und Uli Hoeneß, Mensch mit beispielhaftem sozialen Engagement. Zu diesen Themenkomplexen will ihn in der Messehalle A2 Walter Döring, ehemals baden-württembergischer Wirtschaftsminister, befragen. Unklar ist: Würde oben auf der Bühne auch der andere Uli Hoeneß sitzen und sprechen? Der verurteilte Steuerhinterzieher, der einsichtige, resozialisierte Ex-Häftling, der um eine bittere Lebenserfahrung reichere Erfolgstyp?

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Eines ist klar. Uli Hoeneß ist als Stargast eingekauft worden. Die Klientel, die ihm zuhört, sind meist Firmenchefs und deren Führungskräfte. Da kommt Hoeneß als anerkannter Unternehmer und verspricht die Chance auf Unterhaltung und womöglich auch Inspiration. Die schwarze Seite des Uli H. spielt keine Rolle, und das auch nicht für den Interviewer. Aufs Fußballfeld übertragen ist Döring der Vorbereiter, der die Vorlagen serviert, die der Torjäger Hoeneß nur vollenden muss. Das ist in diesem Rahmen absolut in Ordnung. So fragt Döring also nach Nürnberger Rostbratwürsten und Hoeneß schildert, wie er ein Würstelimperium mit Millionenumsatz aufgebaut hat. Das ist eindrucksvoll, weil das aus dem Nichts heraus geschah. Rückblende: Als Weltmeister gibt Uli Hoeneß mit Paul Breitner 1974 für 200.000 Mark Gage ein WM-Buch bei Aldi heraus.

Die Kontakte zum Discounter bleiben, in den Achtzigern bringt Hoeneß für den befreundeten Wurstfabrikanten Houdek Leberkäse bei Aldi unter. Von dort kommt die Anfrage, ob es auch Nürnberger Rostbratwürste gäbe. Die echten Exemplare dieser Sorte dürfen nur in Nürnberg selbst hergestellt werden, das kann Houdek nicht bieten. Hoeneß, Sohn eines Ulmer Metzgermeisters, gründet mit dem Nürnberger Metzger Werner Weiß die HoWe-Wurstfabrik und schon wenig später beliefert er Aldi. Weiß, inzwischen verstorben, produzierte damals 50 Kilogramm Rostbratwürste pro Tag, heute sind es um die 50 Tonnen oder aber über vier Millionen Stück – täglich. Geschäftsführer ist seit Juli 2001 Hoeneß-Sohn Florian. Der habe keine Ausbildung als Metzger und keine als Kaufmann gehabt, aber, so Hoeneß’ Botschaft: „Wenn einer wirklich etwas erreichen will und alle sieben Sinne beisammen hat, gelingt ihm das auch.“

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Stichwort Familie. Uli Hoeneß hat sie in einem Zeitungsinterview als „meine größte Errungenschaft“ bezeichnet, der Zusammenhalt gebe ihm „ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit“. Hoeneß stellt von sich aus sofort den Bezug zu seiner Zeit im Gefängnis her. „Sie wissen ja, was ich in den letzten drei Jahren erfahren musste“, sagt er. Das klingt zwar ein bisschen so, als wolle er einen kleinen Mitleidsbonus. Oder steckt gar eine Prise Überzeugung drin, dass der Gang der Dinge aus seiner Sicht nicht immer korrekt abgelaufen ist – das gebrochene Steuergeheimnis etwa. Aber, nein, auf Mitgefühl macht Hoeneß nicht. Gefängnis? „Das geht nicht ohne Familie“, sagt er und berichtet, dass er während seiner Haftzeit erlebt habe, dass „viele scheitern, weil sie in Freiheit keinen Halt haben“.

Seine Familie habe sich „wie eine Muschel“ um ihn gelegt und ihm so den Antrieb gegeben für die Zeit danach: „Ihnen muss ich das zurückgeben und so schnell wie möglich wieder zurückkommen.“ Hoeneß meint damit alle seine Rollen, Positionen. Die als fürsorglicher Familienvater, die als respektvoller Ehemann, aber auch die als Chef des FC Bayern München. Auf Letzteres hätten Gattin Susi, Tochter Sabine und Sohn Florian getrost verzichten können. In Friedrichshafen kommt das nicht zur Sprache, doch hat sich Hoeneß bereits erklärt, dass da erst Widerstand war, danach stilles Dulden und ganz allmählich Akzeptanz.

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Das Heinzl-Mittelstandsforum ist für die Geschäftspartner des Veranstalters da. Die verpflichteten Redner und Interviewgäste sind das ebenfalls, weshalb das Büro von Uli Hoeneß eine Anfrage dieser Zeitung nach einem Gespräch unter vier Augen „wegen des engen Terminplans nicht zusagen kann“. Beim Gang ans Büffet ist Hoeneß „aber gerne“ parat. Frage: Der Zuspruch für sie in der Öffentlichkeit scheint so hoch wie vor ihrer Verurteilung. Kommt das überraschend und haben Sie eine Erklärung dafür? „Das hatte ich nicht erwartet“, sagt Hoeneß, „die Wertschätzung ist sogar höher als früher.“ Und die Erklärung dafür? „Das kann ich Ihnen ganz genau sagen. Weil die Menschen sehen, dass ich meine Strafe angenommen habe. Dass ich nicht dagegen geklagt habe, dass ich meine Schulden bezahlt habe, dass ich meine Strafe verbüßt habe.“

Aber musste auch gleich wieder das Präsidentenamt beim FC Bayern sein? Hoeneß ist die Ruhe selbst. Er habe viele Briefe erhalten, nicht nur von Fans, und er bekomme noch immer welche. „Die Menschen wollen es, ich bin wieder da, wo man mich sieht.“ In diesem Augenblick sieht ihn auch ein Ex-Banker aus Bad Saulgau. „Wissen Sie noch, die Autogrammstunde damals in Saulgau. Mit dem Porsche?“ Hoeneß, der Präsident fürs Volk, der „lieber im Pullover zu einem Fanclub als im Smoking zum Wiener Opernball“ geht, nickt. „Ja, Saulgau, sicher erinnere ich mich.“ Ob’s stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. Uli Hoeneß hat gerade einen Menschen glücklich gemacht.

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Natürlich ist der FC Bayern Thema. Als Hoeneß Manager wird mit kaputtem Knie und erst 27 Jahren, macht der Club zwölf Millionen Mark Umsatz im Jahr bei sieben Millionen Schulden. Heute glänzt der FCB mit 630 Millionen Euro Jahresumsatz und einer Eigenkapitalquote von 80 Prozent. Das ist vor allem das Verdienst von Hoeneß, er kokettiert: „Das habe ich schon maßgeblich beeinflusst.“ Hoeneß erzählt Anekdoten, erklärt die Gründe für den Erfolg und verweist auf den „Spagat zwischen Internationalität und Tradition“. Man müsse weltweit neue Märkte erschließen, dürfe aber nie vergessen, wo man seine Wurzeln habe. „Die Fans in Deggendorf“ und anderswo in Bayern hätten da klare Vorstellungen. Gut, dass ein Präsident zum Anfassen da ist...

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Uli Hoeneß ist ein begnadeter Redner. Das hat er früher auch in Talkshows bewiesen, wo er der Mann für Klartext war. Darauf will er verzichten. Nicht etwa, weil ihm die Worte und der Mut, sie auszusprechen, abhandengekommen wären. Sondern deshalb, „weil ich weiß, dass ich eine Schwachstelle habe, die nicht wegzudiskutieren ist“.

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Nach 60 Minuten glänzender Unterhaltung kommt Organisator Christian Heinzl aufs Podium und lässt wissen, dass Uli Hoeneß seine Gage an die Kinderkrebshilfe und die FC-Bayern-Stiftung spenden werde. In zwei Worten dankt er dem prominenten Gast: „Einfach grandios.“ In der „Meckatzer Lounge“ signiert Hoeneß Autogrammkarten, Heinzl verteilt sie an strahlende Gäste, die freudig zu Selfies schreiten.

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Uli Hoeneß war immer ein Mann der Öffentlichkeit. Ein Mann mit vielen Fans, aber auch vielen Gegnern, die sich klammheimlich oder auch offen freuten über dessen Verurteilung als Steuersünder. Der tiefe Fall und die mit ihm verbundenen Erlebnisse haben ihn verändert, ihm aber nicht die Schaffenskraft geraubt. Dazu ist Hoeneß denn doch zu sehr Alphatier. Was die öffentliche Wahrnehmung betrifft, könnte er freilich Recht haben mit seinem Glauben, dass er besser dasteht als je zuvor. „Coole Sache, der Event“, sagt ein begeisterter Forumsgast und ergänzt: „Coole Socke, der Typ.“

Zur Person

Uli Hoeneß, (geb. 5.1.1952 in Ulm/im Bild mit Redakteur Ralf Mittmann), bestritt 35 Länderspiele (1972 Europameister, 1974 Weltmeister). Er gewann viele Titel mit Bayern München. 2014 wurde er wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Verbüßung der halben Strafe wurde er entlassen. Seit 25. November 2016 ist Hoeneß erneut Präsident des FC Bayern.

Hoeneß über seine Rückkehr als Bayern-Präsident