Berlin, Berlin, sie fahren nach Berlin. Sie, die U-19-Junioren des SC Freiburg, mit ihren Trainern, ihren Betreuern, ihrem persönlichen Anhang, also Fans aus Freundeskreis und Familie. Berlin, das DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern, das ist der Saisonhöhepunkt, nicht wahr, Thomas Stamm? Der Trainer der Freiburger U 19 hält erst mal kurz inne. „Es ist der Höhepunkt“, sagt er dann, „wenn man es am Erfolg misst.“ Doch da gibt es auch ein Aber: „Im Jugendbereich sind übergeordnete Ziele wichtiger. Wir sind froh, wenn sich die Jungs in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln. Und wenn einige von ihnen Spielzeit bei den Profis bekommen, da freuen wir uns über jede Minute.“

So ist das. Im Jugendfußball auf gehobenem Niveau herrschen hohe Ansprüche nicht nur auf dem Rasen, sondern auch abseits des Fußballplatzes. Was die Proficlubs jenen Burschen anbieten, die sie in ihren Reihen aufnehmen, ist nicht nur die sportliche Ausbildung, es ist eine Art Lebensschule. „Wir müssen den Jungs auch den Rucksack abseits des Fußballs füllen“, drückt es Thomas Stamm aus und erklärt, warum die intensive pädagogische Begleitung so wichtig ist. „Alle Jungs werden fußballerisch gut ausgebildet sein, aber der Großteil von ihnen wird nicht im Profifußball ankommen. Deshalb gilt es auch die Voraussetzungen zu schaffen für die Jahre danach.“ Die Zahl derer, die nach ihrer Lehrzeit bei den deutschen Proficlubs eine Chance haben auf den Einstieg ins Profigeschäft, liegt nach den Erfahrungswerten der Branche bei maximal fünf Prozent. Romantisch klingt das nun nicht, dramatisch soll es laut Fußballlehrer Stamm allerdings auch nicht klingen, sondern einfach nur realistisch. „Wenn sie dann mit 35 aufhören, wo auch immer Fußball zu spielen, müssen sie ja noch 30 Jahre arbeiten“, sagt Stamm, „also müssen wir die Schule, die gesamte persönliche Ausbildung auch darauf ausrichten, dass alle einen anständigen Beruf erlernen und ausüben können.“

Und doch arbeiten Trainer wie Thomas Stamm, der aus Schleitheim im Schweizer Kanton Schaffhausen stammt, stetig mit dem Ziel, einen oder zwei oder vielleicht ja sogar drei Schützlinge so weit zu bringen, dass sich eine echte Perspektive nach oben ergibt. Oben beginnt aus der Sicht des Freiburger U-19-Coachs bei der U 23, die in der Regionalliga Südwest Vierter wurde. „Wir haben einige interessante Jungs, die eine gute Chance haben, den nächsten Schritt machen zu dürfen“, sagt Stamm und betont, „dass in Freiburg die Durchlässigkeit zwischen den Juniorenteams der verschiedenen Jahrgänge hoch ist“.

Auch der Cheftrainer der Profis hat stets ein waches Auge auf die nachrückenden Kicker. Christian Streich war ja selbst jahrelang Boss in der Freiburger Fußballschule, er und sein Trainerteam stehen mit den Kollegen im Juniorenbereich „im regen, guten Austausch“ (Stamm). Auch hat der Sportclub die Möglichkeit geschaffen, dass die auffälligsten Kandidaten im Juniorenbereich immer wieder mit den „Großen“ mittrainieren können. Ein Mohamed Dräger etwa kommt aus der Fußballschule, ist etabliert in der Zweiten und schnupperte in der abgelaufenen Saison auch einige Bundesligaminuten. „Er hat es nach drüben geschafft“, sagt Stamm, was witzig klingt und doch schlüssig ist. Hüben, im Mösle, umgeben von Stadtwald, liegt die Fußballschule, drüben über der Bundesstraße 31, an der Dreisam ist die Heimat der Profis. Spieler von hüben nach drüben zu bekommen, „das ist unser Anspruch“, erklärt Stamm.

Jetzt aber wieder zurück zum Pokalfinale. Zu Berlin, zum Höhepunkt, nicht wahr? Nachdem alles erzählt ist, was es an Grundsätzlichem zu erzählen gilt, gesteht Thomas Stamm: „Ja, man freut sich natürlich extrem über so ein Pokalfinale. Das werden wir natürlich leben.“ Der SC-Trainer spricht von „Vorfreude auf das Highlight“, erkennt bei seinen Jungs „eine gute Mischung zwischen Anspannung und Gelassenheit“. Und es gilt für den Jahrgang ja auch den guten Ruf zu wahren. Fünfmal stand eine U 19 des SC Freiburg bislang im DFB-Pokalfinale – und fünfmal hat sie es gewonnen.

Darauf wird Verteidiger Nico Schlotterbeck, der Mann für kernige Kabinenansprachen, schon hinweisen, bevor es am Samstag (11 Uhr) im Stadion am Wurfplatz unweit des Olympiastadions auf den Rasen geht. „Wenn Nico spricht, krieg ich oft eine Gänsehaut“, sagt Yannik Keitel, der im Halbfinale beim 2:0 gegen Mönchengladbach beide Tore erzielte. Er, der Nico und Kapitän Luca Hermann sollen Stamms Mannschaft zum Pokalsieg führen, denn sie sind, wie der Trainer nicht ohne Stolz noch anfügt, „ja im Fokus der DFB-Auswahl“.

Zur Person

Thomas Stamm trainierte parallel zur aktiven Karriere beim FC Schaffhausen die U 13, U 14 und U 15. Anschließend war der heute 35-jährige Schweizer beim FC Winterthur vier Jahre lang Coach der U 18 und zugleich Nachwuchskoordinator (U 16 bis U 21). Nach einem Gastspiel bei der Schweizer U-15-Nationalmannschaft als Co-Trainer wechselte Stamm im Sommer 2015 als Trainer der U 19 in die Freiburger Fußballschule. (sk)