Fast alle alten Menschen sitzen jetzt zuhause und leben in mehr oder minder freiwilliger Isolation. Sie werden gemieden um sie zu schützen, wie es heißt. Finden Sie das richtig?

Jeder Mensch, auch ein alter, hat das Recht besucht zu werden. Das gehört zu seinem Selbstbestimmungsrecht und zur Würde auch der Schwächsten.

Nun haben wir eine besondere Situation: Wir wollen uns und andere vor einer Infektion schützen. Ist es unter diesem Vorzeichen sogar geboten, dieses Grundrecht auszusetzen?

Es ist doch klar, dass wir einander vor Infektion schützen müssen. Aber die Logik des Infektionsschutzes darf nicht so weit getrieben werden, dass es keine Ermessensentscheidung vor Ort geben kann. Das ist meine Sorge. Da entsteht eine Mentalität, aus der heraus solche Besuche völlig unterschiedslos verboten werden. Würde gilt auch in Krisenzeiten.

Den eigenen Schutz nicht zum höchsten Gut machen

Wie geht es dem Pater und Seelsorger? Wenn Sie derzeit in ein Krankenhaus gerufen werden, würden Sie dann gehen?

Selbstverständlich. Und ich würde alles tun, um andere nicht anzustecken. Der Besuch von Kranken ist wesentlicher Teil der Seelsorge. Jesus ging zu den Sterbenden und Aussätzigen. Friedrich von Spee, der junge Jesuit im 17. Jahrhundert, kümmerte sich um Pestkranke und starb dadurch selbst an der Pest. Es ist elementarer Ausdruck von christlicher Seelsorge, den eigenen Schutz nicht zum höchsten Gut zu machen. Die Argumentation, dass man vor allem andere schützen wolle, steht auf einem anderen Blatt.

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Viele Priester in Italien wagten sich in die Spitäler, einige starben später an diesem Virus. Hätten sie nicht gehen sollen?

Nein, das war richtig. Man kann so etwas natürlich nicht befehlen. Wer aber in der Nachfolge Jesu lebt, der darf vor der Gefahr nicht zurückschrecken, auch nicht vor der Todesgefahr.

Aus Solidarität wird Aggressivität

Wenn Sie von außen auf die Corona-Zeit schauen, was geht Ihnen durch den Kopf?

Einige Dinge stimmen mich sehr nachdenklich. Ich stehe zum Beispiel im Supermarkt und höre, wie eine alte Frau angebrüllt wird. Sie solle gefälligst zuhause bleiben. Schließlich werde nur wegen ihr und ihrer Altersgruppe dieser Aufwand betrieben. Solidarität mit den Alten kann ganz schnell in Aggressivität gegen die Alten umschlagen, und tut es auch schon.

Kocht da mancher in schwieriger Zeit sein eigenes Süppchen?

Ja, ich denke da an einen Vorfall in Wolfsburg. Im Hanns-Lilje-Altenpflegeheim dort starben 22 Senioren nach der Infektion mit dem Coronavirus. Auch Angestellte des Heims sind infiziert. Ein Anwalt stellte daraufhin eine Strafanzeige wegen „fahrlässiger Tötung“. Da frage ich mich dann schon: Was geht in jemandem vor, der diese Strafanzeige stellt?

Wie geht es jungen Menschen?

Kinder entwickeln in diesen Tagen Alpträume, weil sie sich ihrer Oma näherten und nicht zwei Meter Abstand zu ihr hielten. Da läuft etwas schief. Die Angst zu infizieren treibt Kinder in traumatisierende Schuldgefühle.

Es sind zwei verschiedene Dinge: Sich schützen – und andere schützen.

Viele Menschen haben Angst davor, selbst angesteckt zu werden. Das ist auch völlig okay. Nur ist mir dann das hohe Lob von der „Solidarität mit den anderen“ suspekt. Man kann die Angst um sich selbst auch hinter dem großen Wort Solidarität verstecken. Da hilft nur Ehrlichkeit. Wer von Solidarität mit den Alten spricht und sie dann komplett isoliert oder gar im Supermarkt anbrüllt, spricht nur die halbe Wahrheit aus. Die ganze Wahrheit lautet: Du darfst und du sollst den Nächsten schützen wie dich selbst.

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