Frau von Friesen, der Fall Pforzheim zeigt, dass Gaffer bei Unfällen nicht nur stehen bleiben, sondern Rettungskräfte behindern. Ist das eine neue Qualität?

Es wird immer schlimmer. Die Respektlosigkeit gegenüber Helfern hat folgende Gründe: Einer davon ist Geschwisterneid. Viele Menschen sind durch emotional unzulängliche oder mediensüchtige Eltern in ihrer Kindheit zu kurz gekommen. Sie verkraften es schlichtweg nicht, wenn anderen, etwa Verletzten geholfen wird. Es ist ein Hass auf diejenigen, die Zuwendung und Aufmerksamkeit erfahren. Gaffen ist also ein primitiver, sadistischer Neid aus frühster Kindheit. Wer Feuerwehr, Polizei und THW behindert, die als Autoritätspersonen die Eltern verkörpern, sollte hart bestraft oder therapiert werden.

Astrid von Friesen (66) studierte Erziehungswissenschaft mit den Fächern Psychologie und Soziologie. Sie ist Lehrerin für Deutsch und Kunst und Diplom-Pädagogin. | Bild: Gerhard Wilke

Man beobachtet es teilweise bei sich selbst: Beim Unfall werden wir langsamer und schauen hin, was da passiert ist. Warum ist das so?

Der Mensch reagiert ganz automatisch auf Dinge, die jenseits der Normalität sind, wie etwa Unfälle. Das interessiert und wir fokussieren uns darauf. Das ist völlig normal und auch ich erwische mich dabei. Man beschreibt dies als archaischen Reflex, den wir schon immer in uns tragen. Der Mensch musste früher schnell erkennen wer Freund, also Bekannter, und wer Feind, also Fremder, ist. Ich habe einmal in einem Dorf gelebt. Man kannte sich. Da fiel sofort auf, wenn ein fremdes Auto durch die Straßen fuhr, so dass alle hinterherschauten.

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Wie wird aus einem normalen menschlichen Verhalten ein Gaffen?

Neben dem gefährlichen Geschwisterneid, wird das Gaffen durch die sozialen Medien verstärkt. Einige tun alles, um ein exklusives Foto zu bekommen, um diesen Moment einzigartig zu sein. Hinzu kommt: Retter sehen Verletzte nahezu jeden Tag. Alle anderen haben damit eher weniger zu tun und wollen auch einmal dieses Elend sehen und festhalten.

Ich habe einmal beobachtet, wie ein Pärchen ein fröhliches Selfie vor einem brennenden Haus geschossen hat und dabei lachte. Bei dem Brand waren gerade sechs Menschen qualvoll gestorben. Ethnologen erklären das Gaffen folgendermaßen: Wir sind einfach froh, wenn das Unglück die anderen und nicht uns selbst getroffen hat. Wie bei öffentlichen Hinrichtungen, im Mittelalter, zelebriert zur Abschreckung, auch zur Selbstvergewisserung, dass wir selbst moralisch integer über die Anderen triumphieren. Psychoanalytisch interpretiert: Es ist die Abwehr der eigenen Todesängste, um sich zu vergewissern, dass dieser Kelch des Unglücks an uns vorüber gegangen ist. Es ist jedoch eine primitive Abwehrform.