Es war im Februar 1991, als sich drei Männer in dem Schloss trafen, das wie eine Trutzburg hinab auf die Donau blickt: Schloss Visegrád. Ein historischer Ort, an dem sich schon 1335 die ungarischen, böhmischen und polnischen Könige trafen, um wirtschaftlich-politische Verhandlungen zu führen. Diesmal sollte es um Größeres gehen. „Es war in den frühen 90er- Jahren, nach dem historischen Wandel und dem Fall des Eisernen Vorhangs, als die Länder von Zentraleuropa – die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen mit einer weiteren riesigen Aufgabe konfrontiert wurden: die jungen Demokratien in die europäischen und transatlantischen Strukturen zu integrieren.“ Es sind die Worte von Vaclav Havel, dem einstigen Präsidenten der früheren Tschechoslowakei, der nach der Teilung des Landes in die Tschechische Republik und die Slowakei erster tschechischer Präsident wurde.

Gemeinsam mit Lech Walesa, dem damaligen Vorsitzenden der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, und Präsident Polens, und Ungarns erstem frei gewählten Premierminister Jozsef Antall beschloss er in der historischen Kulisse des Schlosses von Visegrád (Ungarn) an der Donau, dafür zu sorgen, dass die Staaten niemals wieder totalitären Staatssystemen zum Opfer fallen würden. „Es war klar, dass wir solch ehrgeizige Ziele nicht erreichen könnten, wenn alle drei Länder auf internationaler Bühne in Konkurrenz miteinander stehen. Im Gegenteil: Wir konnten unsere Ziele nur erreichen, wenn wir eng zusammenarbeiten“, schrieb Havel weiter.

Es war die Grundsteinlegung für die heutige Visegrád-Gruppe, die von Anfang an klare Ziele hatte: Die Länder wollten Mitglieder der Europäischen Union werden und Teil des Militärbündnisses Nato. Alle sollten gleichzeitig in die Organisationen eintreten, niemand zurückbleiben. Wegen der Teilung der Tschechoslowakei verzögerte sich der Beitritt der Slowakei in die Nato um wenige Jahre – „aber im Grunde haben wir unsere Ziele der frühen 90er-Jahre erfüllt“, resümiert Havel.

Tatsächlich gelang es den vier Staaten nach der Teilung der Tschechoslowakei in die beiden Republiken Tschechien und Slowakei 1993, als Erste der postkommunistischen Staaten 1999 der NATO beizutreten, die Slowakei rückte 2004 nach. Im selben Jahr traten alle vier der Europäischen Union bei, gemeinsam mit den baltischen Staaten (Estland, Lettland, Litauen), Slowenien sowie den beiden Mittelmeerstaaten Malta und Zypern.

Ist die Gruppe damit obsolet? Keineswegs, sagt der Mitbegründer und Autor. „Es gibt klare regionale Gruppierungen innerhalb der Europäischen Union, die sich in ihrer Geschichte und nationalen Prägungen stark voneinander entscheiden – wie die Benelux-Staaten, die baltischen Staaten, die Balkanländer und natürlich Zentraleuropa. In diesem Sinne ist die enge Zusammenarbeit heute immer noch lebendig.“ Havel starb im Dezember 2011. Jenem Jahr, in dem Ungarns Premier Viktor Orbán begann, seine Macht auszubauen. Das Vermächtnis des Altpräsidenten wankt.