Herr Trautwein, der Landesschülerausschuss in Berlin hat 2018 die Abschaffung der Hausaufgaben gefordert mit der Begründung: „Viele Schüler fühlen sich inzwischen überfordert, weil durch die Hausaufgaben am Nachmittag kaum noch Zeit bleibt, um in einem Sportverein zu trainieren oder ein Instrument zu lernen.“ Was sagen Sie dazu?

Ich teile die Einschätzung, dass Kinder ausreichend Zeit für Sport und Musik brauchen – und im Übrigen auch für andere Hobbies und Aktivitäten im Freundeskreis. Aber ich würde andere Konsequenzen daraus ziehen als die Forderung nach Abschaffung von Hausaufgaben: Wenn wir Hausaufgaben erteilen, müssen wir sicher sein, dass die Kinder und Jugendlichen tatsächlich davon profitieren.

Ulrich Trautwein
Ulrich Trautwein, 47, ist Professor für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Er forscht zur Effektivität des Bildungssystems sowie zur Wirkung von Hausaufgabenvergabe und -erledigung. Trautwein wurde 2017 von Kultusministerin Susanne Eisenmann zum Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats ernannt, der die Neuordnung der Qualitätsentwicklung des baden-württembergischen Schulsystems begleitet und unterstützt. | Bild: MiKe

Tun sie es denn? Führen Hausaufgaben zu besseren Leistungen?

Studien zeigen tatsächlich, dass eine regelmäßige Vergabe von Hausaufgaben dazu führt, dass die Schüler in den entsprechenden Klassen im Durchschnitt mehr lernen als Schüler in Klassen, in denen weniger regelmäßig Hausaufgaben vergeben werden. Und innerhalb einer Klasse lernen im Durchschnitt diejenigen am meisten dazu, die die Hausaufgaben auch tatsächlich so gut bearbeiten, wie sie können, und nicht nur halbherzig bei der Sache sind.

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Und was haben die Schüler sonst noch von den Hausaufgaben?

In einer unserer Studien fanden wir Hinweise darauf, dass diejenigen Schüler, die regelmäßig ihre Hausaufgaben bearbeitet haben, über die Jahre insgesamt gewissenhafter wurden, auch jenseits der Hausaufgabenerledigung. Sie haben also beispielsweise gelernt, sich anspruchsvolle Leistungsziele zu setzen und sie auch gegen innere Widerstände zu verfolgen.

Ist also alles im grünen Bereich mit den Hausaufgaben?

Ganz und gar nicht, es gibt einen Haufen Probleme. Gemessen am Aufwand für Hausaufgaben fragt man sich, ob der positive Effekt der Hausaufgabenvergabe nicht eigentlich zu klein ausfällt. Wir wissen zudem durch unsere Studien, dass Hausaufgaben der Anlass für viel Streit im Elternhaus sind. Damit nicht genug: Viele Schüler schummeln und schreiben die Hausaufgaben einfach bei anderen ab. Die Qualität der Hausaufgabenvergabe unterscheidet sich eklatant zwischen den Lehrkräften, und an den meisten Schulen fehlt ein geteiltes Verständnis darüber, was mit den Hausaufgaben erreicht werden soll. Wir beobachten zudem, dass viele Schüler unglaublich lange an den Hausaufgaben sitzen, diese Zeit aber nicht effektiv nutzen.

Sind sie nicht motiviert?

Ja, genau. Wenn Schüler viel Zeit mit den Hausaufgaben vertrödeln, liegt es meist an zwei Ursachen: Sie denken „Ich kann das nicht“ oder „Das bringt mir nichts“.

Lehrer – gerade an weiterführenden Schulen – sind untereinander oft wenig vernetzt, sodass Schüler mit einem Berg an Hausaufgaben nach Hause kommen. Wie viele Hausaufgaben machen denn Sinn?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten, auch wenn die Kultusministerien für die einzelnen Klassenstufen Zeitvorgaben für die Hausaufgaben machen. Sinnvoller wäre es, wenn die Schulen und Lehrkräfte verpflichtet würden, Qualitätskriterien für die Hausaufgabenvergabe zu entwickeln. Die Absprache zwischen den Lehrkräften würde dazu gehören, aber auch die Klärung von Zielen und Unterstützungsmöglichkeiten für die Schüler.

Auf die Qualität der Hausaufgaben kommt es also an. Nehmen wir das Fach Deutsch – ist es sinnvoll, Kinder zu Hause einen Aufsatz schreiben zu lassen – oder welche Art von Hausaufgaben sollten Lehrer ihren Schülern stellen?

Der Aufsatz im Fach Deutsch hat den großen Vorteil, dass ihn alle Schüler bewältigen können – zwar auf unterschiedlichem Niveau, aber alle Schüler können von dieser Übung profitieren. Auch kann die Lehrkraft das Thema so wählen, dass sich viele Schüler dafür interessieren. Wenn nun die Lehrkraft noch gut erläutert, was genau die Schüler bei ihrem Aufsatz einüben sollen und welchen Nutzen sie davon haben, kann nicht mehr viel schief gehen. Das i-Tüpfelchen ist es, wenn die Lehrkraft die Aufsätze später einsammelt und individuell Feedback dazu gibt, was gut gelungen ist und was noch verbessert werden kann.

Gute Hausaufgaben bedeuten also, dass je nach Förderbedarf unterschiedliche Aufgaben erteilt werden und eine individuelle Rückmeldung erfolgt?

Im Prinzip ja. Das ist von den Lehrkräften aber nur teilweise zu leisten. Hier liegen die vielleicht größten Chancen von digitalisierten Lernangeboten. Schauen Sie sich gute Computerspiele an: Da haben die Spieler klare Ziele und Aufgaben, die Aufgaben werden schwieriger, je mehr die Spieler können, und es gibt immer klare Rückmeldungen über die erzielten Leistungen. Lernsoftware kann sich daran ein Beispiel nehmen.

In der Pubertät haben Schüler oft keine Lust auf Schule, geschweige denn auf Hausaufgaben. Pech für die Lehrer?

Schüler sind motivierter, wenn sie sicher sind, dass sie die Hausaufgaben wirklich bewältigen können, sofern sie sich Mühe geben, und dass ihnen die Bearbeitung etwas bringt. Erfolgreiche Lehrer betrachten es auch als Teil ihrer Aufgabe, die Schüler zu motivieren. In einer unserer Studien waren diejenigen Lehrkräfte erfolgreicher, die Hausaufgaben als Chance zur Förderung von Motivation und Selbstregulation ansahen und nicht nur als Möglichkeit, das Gelernte vom Vormittag am Nachmittag nochmals einüben zu lassen.

Welche Rolle spielt die Kontrolle der Hausaufgaben durch den Lehrer?

Mit der Hausaufgaben-Kontrolle kann man vieles richtig und ganz schnell alles kaputt machen. So führt eine verlässliche, regelmäßige Kontrolle dazu, dass die Hausaufgaben wirklich erledigt werden. Für viele Schüler ist diese Kontrolle sogar motivierend in dem Sinne, dass sie wissen, dass sie die Hausaufgaben nicht „umsonst“ gemacht haben.

Besser noch: ein individualisiertes, mindestens teilweise positives Feedback. Aber der Zungenschlag der „Kontrolle“ muss stets auf Unterstützung liegen, nicht auf Misstrauen oder gar Bestrafung. Verhält sich die Lehrkraft kontrollierend anstatt unterstützend, ist es um die Motivation der Schüler geschehen.

 

Und was können die Eltern tun?

Viele Eltern sind gern bereit, sich bei den Hausaufgaben der Kinder zu engagieren. Studien zeigen jedoch, dass dies oft nicht von großem Erfolg gekrönt ist – sei es, weil es manchen Eltern an pädagogischem Geschick fehlt oder die Situation zu Hause natürlich schnell emotional stark aufgeladen ist. Ich halte es deshalb für sehr wichtig, dass sich Lehrer und Eltern über ihre Erwartungen und Möglichkeiten austauschen, beispielsweise bei Elternabenden: Wie oft und in welcher Art dürfen beziehungsweise sollen Eltern helfen?

Nehmen wir ein Kind, das gerade in die Schule gekommen ist – Sollten Eltern ihm bei den Hausaufgaben helfen?

So wenig wie möglich, so viel wie nötig. Ein wichtiges Ziel von Hausaufgaben ist es, dass Schüler lernen, selbstständig zu arbeiten. Das wird nicht klappen, wenn Mama oder Papa ständig neben ihrem Kind sitzen und ihm den Stift führen. Generell gilt: Wenn es zu länger anhaltenden Lernschwierigkeiten kommt, sollte man gemeinsam mit den Lehrern oder Experten der schulpsychologischen Beratungsstellen den Ursachen auf den Grund gehen, anstatt jeden Tag stundenweise Hilfslehrer zu spielen.

Kinder mit Migrationshintergrund oder Kinder, deren Eltern Vollzeit arbeiten, sind beim Thema Hausaufgaben benachteiligt – hier kann keiner helfen. Sollte man die Hausaufgaben nicht sowieso in die „Schulzeit“ verlagern?

Da spricht einiges dafür. In Ganztagsschulen ist das ja bereits der Fall, und auch viele Halbtagsschulen bieten Hausaufgabenunterstützung an. Ich beobachte allerdings, dass die „Lernzeit“ in vielen Schulen wenig professionell abläuft. Viel Lärm, mangelnde Expertise bei den Betreuern, fehlende Absprachen mit den Lehrkräften, kein pädagogisches Konzept. Das ist ein ganz wichtiges Thema, das nach wie vor stiefmütterlich behandelt wird.

Der US-Film „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahr 1989 zeigt Robin Williams als engagierten Lehrer an einem konservativen Internat, der seinen Schülern die Welt der Literatur und der schönen Dinge des Lebens eröffnet: Sie sollen Poesie nachvollziehen, anstatt nur auswendig Gelerntes zu wiederholen. Wie sähe Ihre Wunsch-Schule aus?

Ein wunderbarer Film. Er zeigt, wie sehr eine hoch kompetente Lehrkraft, die den Schülern zugewandt ist, das Leben von Jugendlichen bereichern kann. Und er behandelt dabei auch eine paradoxe Herausforderung, vor der Lehrer stehen: Sie müssen Kinder darin anleiten zu lernen, wie sie möglichst ohne Anleitung lernen können. Im Prinzip gilt das auch und besonders für die Hausaufgabenvergabe: Sie soll Kinder mit denjenigen Kompetenzen ausstatten, die ihnen schließlich ein eigenständiges Lernen ermöglichen.

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