„Schon komisch, dass wir nicht schon früher auf die Idee gekommen sind“, sagt Braumeister Dirk Höchsmann und schüttelt den Kopf. Er steht mitten in einem goldgelben Gerstenfeld bei Allensbach und begutachtet die reifen Ähren. Fünf Hektar beste Bio-Qualität wachsen hier, keine 15 Kilometer von der Ruppaner-Brauerei in Konstanz entfernt. Bald wird die Braugerste dort zu Bio-Bier verarbeitet werden – zum ersten Mal.

Denn bislang kaufte die Brauerei die Gerste für ihre beiden Bio-Biere bei verschiedenen Landwirten irgendwo in Baden-Württemberg ein, nachdem sich eine erste regionale Kooperation wieder zerschlug. „Das hat sich so ergeben“, sagt Karl-Bernhard Ruppaner, Geschäftsführer der Brauerei. Auch, weil sich Landwirte aus der Region wie Helmut Müller, dem das Gerstenfeld bei Allensbach gehört, nie aktiv an die Brauerei gewandt haben.

Wachsende Konkurrenz aus dem Ausland

„Ich arbeite vierzehn Stunden am Tag, da kann ich mich nicht auch noch um neue Vermarktungswege kümmern“, sagt Bauer Müller. Er hat seinen Hof in Allensbach-Kaltbrunn bereits 1981 auf ökologische und biodynamische Landwirtschaft umgestellt. Die Gerste hat er bislang als Viehfutter angebaut. Aber mit wachsendem Unbehagen. „Um zukunftsfähig zu bleiben, brauchen wir verschiedene Standbeine und regionale Kooperationen.“

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Denn in der Biobranche steht derzeit zwar alles auf Wachstum: Jahr für Jahr werden mehr Biolebensmittel verkauft. Immer mehr Betriebe stellen auf ökologische Landwirtschaft um. Aber dadurch wächst auch die Konkurrenz – aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. „Schon heute würde es kein Kunde im Supermarkt merken, wenn wir Bauern in Baden-Württemberg aufhören würden zu arbeiten“, sagt der Landwirt.

„Wir waren sofort begeistert“

Damit sich das wieder ändert, hat das Land Baden-Württemberg im vergangenen Jahr das Projekt Bio-Musterregionen ins Leben gerufen. In neun Regionen in Baden-Württemberg – darunter auch im Landkreis Konstanz und im Bodenseekreis – soll der regionale Öko-Landbau gefördert werden. Es geht darum, dass sich die Wege von Erzeugern, Verarbeitern und Vermarktern vor Ort wieder kreuzen. Und es geht um Leuchtturmprojekte in der Öko-Landwirtschaft.

Um die Projekte voranzutreiben, ist am Bodensee seit Jahresbeginn Rainer Grimminger zuständig. Als Regionalmanager der Bio-Musterregion Bodensee stellt er Kontakte her zwischen den Bio-Bauern und möglichen Abnehmern. So hat er beispielsweise vor einigen Monaten bei der Ruppaner-Brauerei angerufen und erzählt, dass es auf dem Bodanrück zwei Landwirte gibt, die gern Bio-Braugerste für die Brauerei anbauen würden: Helmut Müller und seinen Kollegen Albert Jäger. „Wir waren sofort begeistert“, sagt Braumeister Dirk Höchsmann. „Denn nur wenn wir es schaffen, Bioprodukte regional zu erzeugen, ist das auch ökologisch sinnvoll.“

Vermutlich ein Happy-End

Damit das nicht nur beim Bier gelingt, ist Regionalmanager Rainer Grimminger derzeit viel unterwegs. Er lernt die Landwirte kennen, stößt Projekte an und stellt Kontakte her. Mal geht es um kleine Dinge wie Verkaufsautomaten, an denen die Verbraucher rund um die Uhr Bio-Lebensmittel erstehen können. Mal um die Versorgung von Kantinen in Krankenhäusern, Schulen und Altenheimen mit Öko-Produkten aus der Region. Viel Zeit bleibt Rainer Grimminger für seine Tätigkeit nicht. Das Regionalmanagement in den Bio-Musterregionen wird vom Land Baden-Württemberg für drei Jahre mit jährlich 100.000 Euro gefördert.

Ende 2020 ist also schon wieder Schluss. „Natürlich hoffen wir, dass es danach weitergeht“, sagt Rainer Grimminger. Am besten so, wie im Gerstenfeld bei Allensbach. Dort stoßen Helmut Müller, Dirk Höchsmann und Karl-Bernhard Ruppaner auf ihre Zusammenarbeit an – mit Bio-Bier. Das goldgelbe Getreide wiegt sich sanft im Wind, die Szene wirkt wie aus einem Werbefilm. Und auch die Wahrscheinlichkeit eines Happy-Ends ist ziemlich groß. Zumindest sieht an diesem Tag in dem Gerstenfeld nahe des Bondesees alles danach aus.

Der Bio-Boom und seine Folgen

  • Verbraucher: Laut „Ökobarometer 2018“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums kaufen mehr als drei Viertel der Verbraucher inzwischen Bioprodukte. Pro Kopf und Jahr geben die Deutschen rund 122 Euro für Bio aus. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Ausgaben für Ökolebensmittel in Deutschland von fünf auf über elf Milliarden Euro verdoppelt. Damit ist Deutschland hinter den USA der zweitgrößte Bio-Absatzmarkt der Welt. Im vergangenen Jahr verbuchte der Lebensmitteleinzelhandel hier ein dickes Plus von 8,6 Prozent. Profiteure sind vor allem die Discounter, welche ihr Bioangebot massiv ausgeweitet haben. Viele Landwirte sehen das kritisch und fürchten den Preisdruck, der an die Erzeuger weitergegeben wird.
  • Erzeuger: Inzwischen ist gut jeder zehnte Bauer in Deutschland Bio-Landwirt. Täglich steigen fünf weitere Bauern um. Bis in zehn Jahren soll auf zwanzig Prozent der Wiesen und Äcker in Deutschland Naturkost wachsen. Doch im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist diese Entwicklung recht zaghaft und kann nicht mit der gestiegenen Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln in Deutschland mithalten.
  • Konkurrenten: In Österreich sind heute schon 25 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf ökologischen Betrieb umgestellt. Auch in anderen EU-Ländern wie Italien, Frankreich, Spanien oder Polen ist die Bio-Landwirtschaft auf dem Vormarsch. Teils bekommen die Öko-Landwirte in anderen Ländern auch höhere Unterstützungen als in Deutschland und können so ihre Produkte billiger anbieten. Schon jetzt stammen bereits jeder zweite in Deutschland verkaufte Bio-Apfel und jede zweite Bio-Möhre aus dem Ausland, heißt es in einer aktuellen Studie.
  • Transport: Ökologisch sinnvoll sind Bioprodukte aus dem Ausland wegen der langen Transportwege nur bedingt. Und genau hier sieht Rainer Grimminger, Regionalmanager der Bio-Musterregion Bodensee, die größte Chance für die heimischen Landwirte. „Wenn wir es schaffen, die Verbraucher für die Vorteile von regionalen Bioprodukten zu sensibilisieren, dann stärkt das unsere Bio-Landwirte.“ (sm)