Pater Stephan, fasten Sie?

Ich verzichte auf bestimmte Dinge und nehme mir Dinge vor: Ich lese zum Beispiel meistens ein geistliches Buch, das mich inspiriert, ich treibe Sport, verzichte auf Alkohol und freue mich, dass wir dem Fest des Lebens entgegengehen, dem Osterfest.

Ist das jedes Jahr gleich, oder nehmen Sie sich unterschiedliche Dinge vor?

Das ist jedes Jahr ähnlich. Ich lebe in der vorösterlichen Bußzeit nach einem Satz des heiligen Benedikt aus dem 49. Kapitel unserer Ordensregel, die schon 1500 Jahre alt ist, aber immer noch aktuell. Da schreibt er über die Fastenzeit: „Mit geistlicher Sehnsucht und Freude erwarte der Mönch das heilige Osterfest.“

Das klingt nicht nach Askese.

Nein, so ist es auch nicht gemeint. Es soll uns in den 40 Tagen bewusst werden, worauf wir zugehen. Nämlich auf die Auferstehung Jesu Christi, wir feiern das Leben. Die Bußzeit hat ein Ziel – und nicht etwa, dass wir geduckt und traurig sein sollen.

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Man denkt doch bei der Fastenzeit an Entsagung, Verzicht und härenes Kleid. Müssen Benediktinermönche also gar nicht fasten?

Doch, schon. Der heilige Benedikt sagt dazu: „Gehen wir also in den 40 Tagen über die gewohnte Pflicht unseres Dienstes hinaus durch besonderes Gebet und durch Verzicht beim Essen und Trinken. So möge jeder über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Willen in der Freude des heiligen Geistes Gott etwas darbringen.“ In der Freude des heiligen Geistes und aus eigenem Willen – nicht aus Pflicht und falschem Gehorsam. Der Mönch soll ja eigentlich immer so ein Leben führen wie der normale Gläubige in der Fastenzeit, aber dazu haben die wenigsten die Kraft, das wusste auch der heilige Benedikt schon. Deshalb achten auch wir in der vorösterlichen Zeit besonders auf unser Leben und tilgen dabei die frühere Nachlässigkeit etwas.

Das heißt, auch als Mönch ist man eben ein Mensch, der immer wieder die Umkehr braucht?

Umkehr oder Wandlung. Darum feiern wir auch die Messe: Wenn Brot und Wein gewandelt werden, dann bitten wir Gott auch, unser Leben zu wandeln. Christentum hat etwas mit dem Einlassen auf Wandlung zu tun – mit der Erkenntnis, dass wir nie fertig sind.

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Heutzutage ist das Fasten auch ein säkularer Brauch. Viele Menschen, die nichts mit Religion am Hut haben, nehmen die Fastenzeit zum Anlass, auf unterschiedlichste Dinge zu verzichten. Ist das für Sie noch das richtige Fasten?

Auch wenn es säkulares Fasten ist, steckt dahinter doch die Sehnsucht nach Erfüllung, nach Zufriedenheit, nach dem „gut bei sich Wohnen“, wie Benedikt das nennt. Ich muss gut bei mir wohnen, in meinem Körper und in meiner Seele. Wer für beides etwas tut, der kann es gut mit sich aushalten. Wenn man auf etwas verzichtet, dann will man wieder neu lernen, bei sich zu sein. Das ist legitim – auch ohne die geistliche Dimension.

Gibt es denn so etwas wie falsches Fasten? Was wäre aus Ihrer Sicht falsch?

Wenn man sich selbst dabei nicht guttut. Wenn man zu radikal wird. Dann hält man es nicht durch, man wird unzufrieden. Leben ist, immer wieder in kleinen Schritten Veränderung zu wagen.

Sie als Mönch sind quasi Profi in Sachen Verzicht.

Das stimmt nicht. Der heilige Benedikt kannte schon das Maß der Hemina, also das Viertel Wein, das die Mönche nicht überschreiten sollten. Er war der Ansicht, dass Gott in allem verherrlicht wird. Und dazu gehört auch, dass wir das Leben lieben.

Gehört auch Genuss dazu?

Auch der.

Schade eigentlich. Ich wollte Sie fragen, ob Sie uns einen Tipp geben können, wie man sein Fastenvorhaben gut durchhält.

Ich gebe einen geistlichen Tipp. „Höre Israel, du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, aus deinem ganzen Herzen und den Nächsten wie dich selbst“, hat Jesus gesagt. Manche vergessen den dritten Schritt: sich selbst zu lieben. Das ist eine Aufgabe für die vorösterliche Bußzeit: die Achtung vor dem Leben, vor dem andern und mir selbst wiederzugewinnen. Das ist nämlich auch Arbeit.

Die beiden evangelischen Landeskirchen haben gerade zum Klimafasten aufgerufen, also zum nachhaltigen Umgang mit Ressourcen. Hat das noch etwas mit Gott zu tun?

Das sind doch konkrete Schritte. Ich nehme mir zum Beispiel vor, jetzt in der Fastenzeit mit dem Fahrrad zum Dienst zu fahren, aufs Auto zu verzichten. Dabei tue ich etwas für meinen Körper und für meine Seele. Ich geh jeden Tag raus mit meinem Bike. Wenn ich eine Stunde radfahre, sieht die Welt schon wieder anders aus.

Vor dem Fasten kommt die Fastnacht. Muss man als Geistlicher auf der Insel Reichenau ein bisschen närrisch sein?

Das gehört zum Leben auf der Insel dazu. Ich war jetzt beim Fastnachts-Jubiläum beim Brauchtumsabend dabei und wir haben den Fastnachtsgottesdienst mitgestaltet. Ein Schuss Humor gehört auch zum religiösen Leben dazu.