Frau Reinwarth, eines Ihrer ersten Bücher handelt von der Suche nach dem ultimativen Glück. Sie wollten der glücklichste Mensch auf der Welt werden. Wie kam es dazu?

Wie alle Leute hatte ich einen dieser überschäumenden Glücksmomente, die mit etwas Unerwartetem zu tun haben. Das hat sich aber schnell wieder gelegt. Wenn du zum Beispiel einmal im Lotto gewinnst, bist du unfassbar glücklich, und wenn das noch mal passiert, dann freust du dich auch, aber nicht so sehr. Was ich eigentlich gesucht habe, war dieses anhaltende zufriedene Dalai-Lama-Lächeln auf dem Gesicht. Es wurde lang propagiert, dass Glück erlernbar sei, da habe ich mir gedacht, das probiere ich einfach mal aus. Ich wollte das Größtmögliche rausholen.

Das Größtmögliche haben Sie herausgeholt. Am Ende Ihres Buchs schreiben Sie, dass es Ihr großer Wunsch war, einen Bestseller zu schreiben, und so ist es gekommen.

Das stimmt, das ist wirklich lustig. Meine Lebenssituation war auch davor keine schlechte. Es gab damals aber Momente, wo ich abends im Bett lag, nach einem Tag, an dem ich wieder einmal nur funktioniert habe, und da dachte ich manchmal: Der Job ist ok, die Beziehung ist ok, das Kind ist nicht völlig missraten. Wieso bin ich denn nicht total glücklich?

Bevor Sie begonnen haben, Bücher zu schreiben, hatten Sie einen Job in der Werbebranche. Wie kamen Sie zum Schreiben?

Damals kam die große Finanzkrise auf, und plötzlich war für die Werbung kein Geld mehr da. Ein Freund hat gesagt: Ich mache da ein Buchprojekt, magst du nicht mitmachen? Anfangs lief es noch ein bisschen zäh, das zweite Buch ging besser. Und dann bin ich dabeigeblieben.

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Sie haben sich für das Buchprojekt Hunderte Ratgeber gekauft, Lachyoga ausprobiert und eine Wallfahrt unternommen. Sind Sie dadurch glücklicher geworden?

Das Lustige war, dass bei den meisten Sachen immer die gleiche Einsicht herauskam, nämlich, dass es so nicht funktioniert, wie es in den Ratgebern steht. Ich wollte immer so eine Yogurette-Frau sein, die gut gelaunt durch den Park joggt bei schönem Wetter. Ich fand es auch total wichtig, dass man nach den eigenen Prioritäten lebt, was man ganz oft im Alltag nicht macht. Besonders Frauen machen das nicht, weil sie zu sehr nach dem leben, was andere oder die Gesellschaft von ihnen erwarten.

War das nicht furchtbar anstrengend, sich ständig infrage zu stellen und sich das Leben von Ratgebern diktieren zu lassen?

Es war nicht anstrengend, sondern erkenntnisreich. Anstrengend war es für mein Umfeld. Ich finde es total interessant, wenn man ein bisschen in sich herumstochert und guckt, was da so passiert.

Der Markt scheint übersättigt, an jeder Ecke stapeln sich Glücksratgeber. Wie findet man da eine Nische als Autor?

Es gibt einen feststehenden Begriff in der Verlagswelt: Glück geht immer. Ich denke nicht daran, was allgemein akzeptiert ist. Ich habe meine Sicht der Dinge, und wenn die ankommt, finde ich es super. Außerdem gibt es nicht so viele Glücksbücher, die witzig sind.

Gerade in wohlhabenden europäischen Ländern ist die Nachfrage nach Glücksratgebern hoch. Ist das nicht widersprüchlich?

Ich glaube, dass viele eine komische Vorstellung von Glück haben. Man müsste schlanker, reicher, besser organisiert und aufgeschlossener sein. Diese Vorstellung ist einfach schräg. Denn genau dieses improvisierte Leben, das man jeden Tag hinbastelt, ist das Leben. Es kommt nicht der Tag, an dem man endlich alles verbessert hat. Das ist eine dieser Erkenntnisse: Dass ich den aktuellen Status genießen kann und nicht permanent ein schlechtes Gewissen haben muss.

Spielt der Zeitgeist, sich selbst zu optimieren, eine Rolle?

Es geht weniger darum, sich selbst zu optimieren, als sich selbst zu erkennen. Es ist schon erstaunlich, wie voll man von Selbstbeschiss ist. Einer Selbstoptimierung sind extreme Grenzen gesetzt. Bevor ich mich herumärgere, warum dieses oder jenes nicht klappt, macht es mehr Sinn, sich mit den Grenzen auseinanderzusetzen. Im Laufe der Zeit kommen bei den Menschen dieselben Fragen auf, weil uns alle dieselben Themen beschäftigen. Deshalb, glaube ich, sind die Bücher auch so erfolgreich.

Welche Erkenntnisse über das Glück haben Sie noch gewonnen?

Beim letzten Buch hat sich herausgestellt, dass es eigentlich um vier Themen geht: Von was willst du leben? Mit wem willst du leben? Wo willst du leben? Und wie willst du leben? Wenn man die nicht in Ordnung bringt, kann man sich noch so viele Ratgeber und buddhistische Gebetsfähnchen kaufen, wie man will, denn dann wird man einfach nicht froh.

Sie haben über 30 Bücher veröffentlicht. Besonders mit Ihren Büchern zum Thema Glück gelten Sie als eine der erfolgreichsten Ratgeber-Autoren in Deutschland. Was fehlt Ihnen noch zum Glück?

Ich glaube ehrlich, dass man sich auf einem lebenslangen Prozess befindet. Den einfachen Weg gibt es nicht. Wenn jemand sagt: „Ich habe es raus“, darf man skeptisch werden. Dann stimmt etwas nicht.

Fragen: Philipp Kiehl


Buchtipp: Alexandra Reinwarth: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Wie sich dein Leben verbessert, wenn du dich endlich locker machst. Mvg-Verlag, 16,99 Euro.

Bild: MVG Verlag