Zu Mitternacht an Silvester wünschen wir es uns wieder gegenseitig: „Viel Glück im neuen Jahr!“ Was für ein großer Wunsch. Doch was ist Glück überhaupt? Ein Lottogewinn? Das erste Lächeln des eigenen Kindes? Eine Abfahrt in unberührtem Tiefschnee? Glück, so scheint es, ist sehr individuell. Allgemeingültige Rezepte zu finden ist da schwer.

Dennoch oder gerade deshalb stapeln sich in den Buchläden Ratgeber, die die Suche nach dem Glück erleichtern sollen. Die Titel klingen vielversprechend: „So geht glücklich sein“, „Glück ist, was du daraus machst“, „Glück ist kein Zufall“ oder einfach nur „Happy“. Die einen werben für ein glückerfülltes Leben im Alter, andere sehen Glück als Herausforderung oder nähern sich ihm ganz analytisch. Die Bandbreite reicht von spirituellen Varianten über pragmatische und medizinische Anleitungen bis hin zu ironischen Annäherungsversuchen.

Glück = Reichtum und Erfolg

Neu sind solche Anleitungen für ein vermeintlich geglücktes Leben nicht. Schon die Philosophen der Antike suchten nach einer Antwort auf die Frage, was Glück eigentlich ist. Aristoteles verband es mit einer sinnerfüllten Tätigkeit. Epikur sah die Voraussetzung für Glück in der Befreiung von Leid und Schmerz. Mit der Entwicklung des Buchdrucks wuchs der Markt. Das Genre der Ratgeberliteratur verbreitete sich. War die Suche nach dem Glück damals häufig mit einer christlichen Lebensweise verbunden, suchten die Menschen mit dem Beginn der Moderne ihr Glück immer mehr in Reichtum und Erfolg.

Das könnte Sie auch interessieren

In den 1980er-Jahren boomte der Markt der Glücksratgeber. Einen ironischen Gegenentwurf lieferte der österreichische Psychologe Paul Watzlawick 1983 mit seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“. Statt Tipps für ein glückliches Leben zu geben, beschreibt er, wie man sich den Alltag am effektivsten zur Hölle macht. Bis heute sind Glücksratgeber ein Riesengeschäft. Etwa 13 Millionen Euro Umsatz jährlich entfallen nur auf Bücher, die explizit das Wort Glück im Titel führen, schätzt Dagmar Becker-Goethel vom Coppenrath Verlag. Das Thema sei ein Dauerbrenner auf dem Buchmarkt.

Ratgeber zu großen Themen

Wie groß der Anteil an Glücksratgebern ist, lässt sich nicht genau sagen. Nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels machen Ratgeber 16,7 Prozent des gesamten Buchmarkts aus. 21,9 Prozent davon entfallen auf Ratgeber aus dem Bereich „Lebenshilfe und Alltag“. Besonders beliebt sind Bücher, die „mit den großen Fragen des Lebens jonglieren, den Fragen nach Glück und Harmonie, Sinn und Verstand“, heißt es.

So unterschiedlich sie sich dem Thema Glück nähern, eines ist vielen Ratgebern gemein. Sie gehen davon aus, dass es dem Leser an Glück mangelt, und geben vor, diese Lücke mit konkreten Gegenmaßnahmen füllen zu können. Vorausgesetzt, der Leser ist bereit, pausenlos an seinem Glück und sich selbst zu arbeiten. „Gib immer dein Bestes“, fordern die einen, „setzt dich fünf Minuten zum Meditieren hin“ die anderen. Von einer „magischen Leiter zum Erfolg“ ist die Rede.

Die Soziologin Stephanie Duttweiler hat Hunderte solcher Ratgeber verglichen und festgestellt: „Glück wird als etwas ausgewiesen, das zwar nicht selbstverständlich, aber für jeden, zu jeder Zeit, an jedem Ort und in jeder Tätigkeit möglich ist – unabhängig von der Existenz oder Nichtexistenz von Ressourcen, Privilegien oder Handicaps der Einzelnen.“ Jeder kann demnach glücklich werden, solange der Wille zur Selbstoptimierung da ist.

Unternehmerische Beziehung zu sich selbst

Nach Meinung der Expertin deckt sich diese fast unternehmerische Beziehung zu sich selbst mit neoliberalen Entwicklungen unserer Zeit. „Wenn Sozialleistungen abgebaut werden, ist es nur vernünftig, dass Glücksratgeber dazu anleiten, wie man selbst über sein Leben bestimmen kann“, sagte Duttweiler in einem Interview.

Doch die Voraussetzungen sind nicht für alle Menschen gleich. Wer einen vermeintlich wirksamen Ratgeber liest und nicht glücklicher ist als zuvor, kann sich nur selbst die Schuld für sein Scheitern geben. Der Autor hat es geschafft, wieso kann ich es dann nicht? So manch ein Satz nimmt die Angst vor dem Scheitern schon vorweg: „Wenn Sie nicht durch eine angenehme Persönlichkeit Anziehungskraft auf andere Menschen ausüben, könnte es im schlimmsten Fall passieren, dass Sie an Ihrem Lebenswerk scheitern.“

Wie man sein Leben verbessert

Mit solchen Aussagen können die Bücher genau das Gegenteil dessen bewirken, was sie versprechen. Machen Glücksratgeber also in Wirklichkeit eher unglücklich? Nicht unbedingt. Sie erinnern daran, dass man seine Lebenssituation verbessern kann. Das kann motivieren. Doch die meisten Titel versprechen mehr, als sie halten. Denn gäbe es einen Ratgeber, der die Leser wirklich glücklich macht, bräuchte es all die anderen nicht mehr.