„Sex, Drugs and Rock‘-n-‘Roll“. Dieser längst platt getretene Leitspruch beschreibt kryptisch den Mythos des entrückten Rockstars, dem die Massen und Millionen stetig zujubeln und dessen Tage in einem einzig euphorischen Rausch dahin schweben. Eine Gegenwelt, in die nur die wenigsten Eintritt erlangen. Wir alle kennen aber auch den tragischen Club 27, dem Kurt Cobain, Jimi Hendrix und Janis Joplin angehören, die alle im Alter von 27 Jahren ums Leben kamen. Er steht für ausgeträumte Träume. Für Sucht. Und Depression. Und Selbstzerstörung. In der vergangenen Dekade schien der Exzess jedoch aus der Rock- und Popszene verschwunden zu sein.

Die Rockstars von heute sind anders, glatter, unnahbarer und doch gläserner. Wenn man so will, wurden all unsere Fantasien des waschechten, tragisch epischen Rock‘N‘Roll zuletzt nur noch in eine einzige Person projiziert: Pete Doherty, der am Samstag bei Rock am See auftritt. Der nämlich stieg als Frontmann der Libertines zum verehrten Rockgott auf, datete medienwirksam Topmodel Kate Moss und richtete sich parallel dazu so schonungslos zu Grunde, dass nicht wenige auf einen Einzug des Briten in den oben genannten Club 27 wetteten. Mittlerweile ist Doherty 37. Er will lieber Peter als Pete genannt werden. Und er hat überlebt. Am kommenden Samstag spielt der vermeintlich letzte Rockstar bei Rock am See in Konstanz und gibt uns die Möglichkeit auf seine schonungslose Biografie zu blicken.

Peter wurde am 12. März 1979 in Hexham, England geboren. Beide Elternteile arbeiteten zu diesem Zeitpunkt beim Militär, was dazu führte, dass der kleine Pete auf verschiedenen Army-Stützpunkten in Krefeld, Belfast und auf Zypern aufwuchs. Mit elf Jahren begann er mit dem Gitarre spielen, weil er laut eigener Aussage seine Klassenkameradin Emily beeindrucken wollte. Mit 16 stellte er erstmals sein besonderes Talent unter Beweis, als er einen Poesie Preis gewann und vom British Council auf eine Russlandtour geschickt wurde. Der Wunsch, als Musiker sein Geld zu verdienen, verdichtete sich, als Pete in Carl Barât einen Seelenverwandten fand, mit dem er Ende der 90er die Band The Libertines gründete.

 

Wir berichten aktuell von Rock am See: Auf suedkurier.de/rockamsee finden Sie am Samstag alle Bilder und einen Liveblog!

 

Das Verhältnis der beiden Frontmänner ist bis heute legendär, es entwickelte sich eine Hassliebe, die gleichermaßen in genialem kreativen Output, aber auch in absoluter Destruktion mündete. Barât beschrieb das Verhältnis zu Doherty einst wie folgt: „Es ist eine tiefe Liebe. Und Liebe macht seltsame Dinge mit den Menschen.“ Das 2002 veröffentlichte Debüt „Up The Bracket“ erarbeitete sich schnell Kultstatus und Doherty und Barât reiften zu Rockstars der sehnsüchtigen britischen Szene. Schnell aber verfing sich vor allem Pete in einer massiven Drogensucht, die in einer prall gefüllten Liste an Skandalen mündete. Erregung öffentlichen Ärgernisses, Diebstahl, Einbruch (unter anderem in Carl Barâts Wohnung), Körperverletzung, Besitz von Kokain, Crack, Heroin... Petes Eskapaden führten 2004 zum Ende der Libertines.

Heute lebt Pete Doherty als wirklicher Nomade. Seitdem er London nach seiner Trennung von Kate Moss überstürzt verließ, hat der Musiker kein festes zu Hause mehr für sich gefunden. Einige Zeit lebte er auf St. Pauli und spielte dort seine zweite Solo-Platte ein. Mittlerweile pendelt er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Katia zwischen Paris und England, lebt teilweise in Hotelzimmern, teilweise in einem Campingbus. „Ich könnte überall leben.“ Für seine Verhältnisse sei er okay, sagte er Anfang des Jahres dem Musikmagazin NME. Mit seinem Vater, der während seiner schlimmsten Suchtphasen den Kontakt vollständig abschnitt, redet er jetzt wieder. Laut eigener Aussage braucht Pete kein festes Dach über dem Kopf, wohl aber einen Platz, um zu arbeiten.

In der Tat war es wohl das anhaltende Schreiben, dass den Musiker über die Jahre am Leben erhielt. Es erscheint fast unglaublich, dass Doherty zwischen all den Skandalen, Exzessen, Entschuldigungen, Klinikaufenthalten und Depressionen anhaltend fantastische oder mindestens solide Alben veröffentlichte. Nach dem Split der Libertines musizierte der Rockstar zunächst mit den Babyshambles, deren Platten melodiöser und melancholischer klangen und später unter seinem Geburtsnamen Peter Doherty. Im vergangenen Jahr erschien die langersehnte dritte Libertines-Platte „Anthems For Doomed Youth“ – und enttäuschte trotz gigantischer Erwartungen nicht.

Doch selbst im Angesicht des anhaltenden Erfolgs bei Publikum und Kritikern blieb Doherty ein Pulverfass, das stetig zu explodieren drohte und noch immer droht. Ähnlich wie bei Amy Winehouse übermalte eine Mischung aus Kunstfigur, Schreckensgespenst und Junkie alsbald den Musiker und Menschen. Unzählige Male startete der Suchtkranke bei Null. Unter stetiger Beobachtung. Das Star-sein, die Scheinwelt der Schönen und Reichen, die schussbereite Boulevardpresse – all das quälte Doherty während seiner gesamten Karriere. Und das wird sich wohl in naher Zukunft kaum ändern.

Rock am See

Rock am See findet am kommenden Samstag im Bodenseestadion zu Konstanz zum 30. Mal statt. Das Lineup wird neben den Libertines von den Punkrock-Urgesteinen Bad Religion und den britischen Superstars von Muse angeführt. Das Programm beginnt um 13 Uhr mit der schottischen Indieband We Were Promised Jetpacks. Unter www.rock-am-see.de gibt es noch Tickets ab 83 Euro.