Irgendwann ist dieses Drama vorbei. Welche Kulturlandschaft finden wir dann vor, am Tag X? Wird es weniger Theater geben, kleinere Ausstellungen, andere Festivals?

Die Bühnen

Unsere Reise in die Zukunft beginnt bei Olaf Zimmermann. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats ist zurzeit damit beschäftigt, die schlimmsten Szenarien aktiv abzuwehren. Und doch macht er sich keine Illusionen: Die Realität in unseren Theater-, Konzert und Opernhäusern wird eine andere sein – schon sehr bald.

Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats.
Olaf Zimmermann ist Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. | Bild: Tim Flavor, Deutscher Kulturrat

Nach der Bundestagswahl, sagt er auf SÜDKURIER-Anfrage, werden sich die Politiker „nicht mehr gezwungen sehen, uns so nett zu behandeln wie noch gegenwärtig“. Dann werde die Regierung eine Rechnung für die Bewältigung Pandemie präsentieren. Und seine Sorge sei groß, dass der Kulturbereich auf dieser Rechnung ganz oben steht.

Besonders hart betroffen: die freie Szene. Nirgends sonst lässt sich so geräuschlos Geld zusammenstreichen. Man müsse einfach nur nichts tun: Projektfinanzierungen auslaufen lassen, Förderprogramme nicht verlängern. „Freie Theater dürften deshalb zu den ersten Opfern der Einsparungen zählen.“

Das bedeutet nicht, dass öffentlich finanzierte Institutionen ungeschoren davonkommen – meist sind sie aber besser strukturell abgesichert. „Je fester und durchorganisierter eine Struktur ist, mit Betriebsräten, Personalvertretern und Tarifverträgen, desto besser“, erklärt der Kulturratschef.

Deshalb werde es wohl ähnlich laufen, wie nach der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren. „Damals hat man viele Institutionen aus den allgemeinen Tarifverträgen herausgelöst und einen Haustarif beschlossen. Ein Haustarif besagt aber nichts anderes als: weniger Geld.“ Man habe damals Theaterbeschäftigte unter Druck gesetzt: „Entweder soundso viel Prozent eures Ensembles müssen gehen, oder ihr seid bereit, alle weniger zu verdienen.“

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Wie aber merkt der Theaterbesucher am Tag X, ob sein Haus aus dem allgemeinen Tarifvertrag ausgetreten ist? Wohl vor allem am Programm. „Solche Häuser bekommen für viele Projekte nicht mehr das notwendige künstlerische Personal“, sagt Zimmermann. „Aufwändigere Produktionen können sie nicht mehr stemmen.“

Deutlich weniger Angebote in der freien Szene und spürbar bescheidenere Produktionen: So sieht Theater nach Corona aus.

Die Museen

Auch Museumsbesucher müssen sich am Tag X umgewöhnen. Eckart Köhne ist Direktor des Badischen Landesmuseums Karlsruhe und Präsident des Deutschen Museumsbundes. Die Folgen der Pandemie, sagt er gegenüber dem SÜDKURIER, werde man noch lange in Form von Hygienemaßnahmen und durch das Ausbleiben von Veranstaltungen mit hohen Besucherzahlen zu spüren bekommen.

Eckart Köhne ist Präsident des Deutschen Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe.
Eckart Köhne ist Präsident des Deutschen Museumsbundes und Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe. | Bild: Uli Deck

Doch dann kommt auch er auf das Thema Finanzen zu sprechen. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es vor allem in den kommunalen Haushalten weniger Geld für die Museumsarbeit geben wird“, erklärt Köhne. „Es ist abzusehen, dass die Zahl der Ausstellungen geringer wird und die Internationalität abnimmt. Für ganz große Projekte dürfte vielerorts das Geld fehlen.“

Mit Museumsschließungen ist wohl allenfalls bei privaten Häusern zu rechnen, kaum dagegen bei Einrichtungen, die sich um eine in öffentlichem Besitz befindliche Sammlung kümmern. „Schließungen wird es hier zwar nicht geben, dafür aber möglicherweise Einschnitte in den Betrieb“, sagt Köhne. Kulturvermittlung reduzieren, Forschungsgelder kürzen, Öffnungszeiten einschränken: „Das sind denkbare Szenarien, deren Folgen das Publikum auch zu spüren bekäme.“

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Wer nach Corona eine Ausstellung besuchen will, findet also eine geringere Auswahl mit deutlich weniger spektakulären Exponaten aus Übersee vor und muss mit reduzierten Öffnungszeiten klar kommen.

Die Rockfestivals

Ausgetanzt hat am Tag X das Publikum von Rockfestivals und Konzerten. Marcus S. Kleiner, Festivalexperte und Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Science, hatte schon vor fünf Jahren im SÜDKURIER das Ende von großen Formaten wie „Rock am Ring“ prophezeit. Da lag Corona noch in weiter Ferne.

Marcus S. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Science.
Marcus S. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin University of Applied Science. | Bild: Westwind Medien

Doch erst kam die Terrorangst, dann die Unwetter. Mit der Pandemie, sagt Kleiner heute, sei die Zeit der Unschuld nun endgültig vorbei: „Plakativ gesagt wird Musikkonsum eine bürokratische Angelegenheit.“

Denn auch für ein durchgeimpftes Publikum dürften Schnelltests lange obligatorisch bleiben. Und selbst ein negatives Ergebnis kann die in der Pandemie eingeübte soziale Distanz nicht auflösen. Wo man einst Arm in Arm feierte, sind am Tag X penible Planung und Verwaltung das Gebot der Stunde.

Gemeinsam feiern, als gäbe es kein Morgen mehr? Diese Bilder vom Rockfestival Southside in Neuhausen ob Eck werden wir wohl lange nicht mehr zu sehen bekommen.
Gemeinsam feiern, als gäbe es kein Morgen mehr? Diese Bilder vom Rockfestival Southside in Neuhausen ob Eck werden wir wohl lange nicht mehr zu sehen bekommen. | Bild: Christoph Schmidt

Vor allem aber sind viele Teilnehmer gar nicht erst vor Ort. „Es wird hybride Festivals geben müssen, die mit gleichzeitiger An- und Abwesenheit arbeiten“, sagt Kleiner. Dazu gehören vergünstigte Eintrittskarten für rein digitale Angebote ebenso wie Live-Übertragungen auf Großbildleinwand – statt Bands aus den USA anreisen zu lassen. „Solche Formate machen uns zwar nicht glücklich, aber sie sind besser als nichts.“

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Die Kinos:

Düstere Aussichten also – aber nicht überall. Christine Berg vom Hauptverband Deutscher Filmtheater versprüht Zuversicht. „Tatsächlich gehen wir davon aus, dass die deutsche Kinolandschaft mit 943 Standorten weiterhin relativ stabil bleiben wird“, sagt sie auf Anfrage: „Bisher haben pandemiebedingt nur sechs Standorte geschlossen, und auch die Zahlen der vergangenen Jahre bestätigen eine relativ konstante Zahl der Spielstätten.“

Christine Berg ist Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater.
Christine Berg ist Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater. | Bild: Mike Auerbach

Zwar hänge viel davon ab, wann die Kinos wieder bundesweit einheitlich öffnen dürfen. Hier sehe man die Politik in der Pflicht, mit Schnelltests und Impfungen Szenarien zu schaffen, die das ermöglichen. Auch komme es darauf an, dass die Hygienekonzepte wirtschaftliche Auslastungzahlen und den Verzehr von Speisen und Getränken zulassen.

„Aber wenn wir erst einmal an diesem Punkt sind, sind wir optimistisch“, sagt Berg. „Nach vielen Verschiebungen erwarten wir ein Filmfeuerwerk. Und die Gäste werden wiederkommen, denn sie sind es leid, Filme immer nur zuhause auf dem heimischen Sofa zu konsumieren.“ Ob da nicht auch Zweckoptimismus mitschwingt?

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In jedem Fall dürfte Corona nicht nur neben, sondern auch auf der Leinwand noch lange sichtbar bleiben. „Diese fundamentale Krise findet in der Kunst ihren Niederschlag“, prophezeit Kulturratschef Zimmermann. „Das neue Bewusstsein über unsere Verletzlichkeit und auch die Enttäuschung über das Management in dieser Krise: Diese veränderte Sicht auf die Welt wird erst auf den Theaterbühnen, dann in den Ausstellungen und schließlich auch in der Musik zum Ausdruck kommen.“

So ist das mit der Kunst. Von der Krise stets zuerst bedroht, bezieht sie aus ihr doch am längsten Inspiration. Wenigstens darin liegt ein Trost für das Publikum in der Zeit nach dem Tag X.