Es waren ohnehin schon keine guten Jahre mehr für die Branche: Spätestens seit der Jahrzehntwende 2009/2010 offenbarte sich die Krise in der einst so prächtig florierenden Rockmusiksparte in aller Deutlichkeit. Von den 100 bestverkauften Songs als CD-Single und als Download in Großbritannien im Jahre 2010, bilanzierte damals die Tageszeitung „Guardian“, waren gerade einmal drei als Rock zu kategorisieren – und einer davon, „Don‘t Stop Believin‘“ von der US-Band Journey, war eine Wiederveröffentlichung und stammte aus dem Jahre 1981.

Rock auf dem Rückzug

In anderen Ländern sah es auch nicht besser aus. Die internationalen Charts waren (und sind es noch heute) beherrscht von stromlinienförmigem Mainstream-Pop, von Hip-Hop und von dem, was die Angloamerikaner „Rhythm & Blues“ nennen (und eigentlich eher als Schmuse-Soul zu bezeichnen wäre).

Hinzu kommt, dass die rasante technische Entwicklung die gewohnte Speicherung von Musik – egal welcher Art – auf „Tonträgern“ tendenziell obsolet macht: Musik wird mehr und mehr (vor allem von jüngeren Konsumenten) von externen Speichern heruntergeladen und nicht mehr in physischer Form gesammelt. Da Streamingdienste wie Spotify oder Pandora den Urhebern der bei ihnen abrufbaren Songs nur Minimalst-Tantiemen zahlen und parallel hierzu die CD-Verkaufszahlen dramatisch absackten, sahen sich die Musiker seit Jahren mit einschneidenden Einkommensverlusten konfrontiert.

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Eine wütende Attacke auf das schwedische Unternehmen Spotify Technology ritt, ein paar Monate vor seinem Tod 2013, etwa der US-Rockstar Lou Reed, und viele andere Musiker, etwa Bryan Adams, schlossen sich dem an: „Ich habe ungefähr 700 Millionen Hits auf YouTube“, erklärte Adams 2015, und meine Erlöse aus dem weltweiten Streaming der Jahre 2010 bis 2014 waren 2500 Dollar“.

CD-Verkäufe sackten ab

Je weniger mit dem Verkauf von CDs oder dem Streaming von Songs verdient werden konnte, desto wichtiger wurden die Einnahmen durch Live-Auftritte. Kein Wunder deshalb, dass die Ticketpreise in den vergangenen Jahren förmlich explodierten und so manche einstige Rocklegende sich gezwungen sah, auf ihre alten Tage noch einmal auf Tour zu gehen und Konzerte zu geben.

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Selbst mit denen ist jetzt, bedingt durch die globale Corona-Krise, weitgehend Schluss. Zwar sind die Regelungen in den einzelnen Staaten – und auch in den deutschen Bundesländern – unterschiedlich, aber Veranstaltungen mit unlimitierter Teilnehmerzahl gibt es inzwischen nirgendwo mehr. In Deutschland sind „Großveranstaltungen“ bis zum Jahresende untersagt, die aktuelle baden-württembergische Corona-Verordnung begrenzt die Zahl auf gerade mal 100 Besucher.

Zusätzlich gilt bei Indoor-Veranstaltungen oft: Es muss bestuhlt werden, jeweils ein Sitzplatz in einer Reihe und jeweils eine Sitzreihe müssen frei gelassen werden. Auf dem Weg zum Sitzplatz muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden, erst sitzend darf man ihn abnehmen.

Sting vor leeren Rängen

Wie so etwas dann aussieht, konnte man Anfang Oktober auf dem französischen (aber auch in den deutschen Kabelnetzen vertretenen) Fernsehkanal TV5 begutachten: bei der Live-Übertragung eines Konzertes in Paris, veranstaltet aus Solidarität mit der durch eine verheerende Explosion schwer getroffenen libanesischen Hauptstadt Beirut.

Zwar waren die meisten auftretenden (oft franco-libanesischen) Künstler eher der Sparte Weltmusik zuzuordnen, aber mit dem britischen Musiker Sting beteiligte sich auch ein veritabler Rockstar an der Aktion. Nur etwa ein Drittel der Plätze in der renommierten Konzerthalle Olympia war gefüllt, die oben erwähnten Abstandsregeln wurden eingehalten, zusätzlich trug fast jeder der Zuhörer eine Maske.

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Spontaner Gedanke beim Betrachten dieses Events: Wenn dies das Konzertvergnügen der Zukunft sein soll, dann kann man es auch lassen. Dann macht es vermutlich mehr Spaß, sich zuhause seine Lieblingsmusik via CD, LP oder Download um die Ohren zu blasen. Bei klassischer Musik, bei Jazz oder bei Folk mag eine derart regulierte, standardisierte (und individualisierte) Form der Rezeption möglicherweise noch angehen – bei Pop und vor allem bei Rock funktioniert so etwas überhaupt nicht.

„Die musikalische Ästhetik (bei Rockkonzerten) bekommt ihre Würze erst durch die Freiheit der Bewegung“, begründen die Veranstalter des geplanten „Rock Your Brain“-Festivals im elsässischen Séléstat Mitte Oktober die Absage ihres Events auf ihrer Homepage, „aus Respekt vor den Fans und den Musikern kann das Festival nicht stattfinden“. Auftreten hätten sollen die britischen Punklegenden UK Subs und Buzzcocks, gemeinsam mit der Crème de la Crème der französischen Punkrockszene.

Punk im Sitzen?

Ein Punk-Konzert mit einem sitzenden Publikum, womöglich noch mit Maske vermummt, unter Einhaltung der einschlägigen Corona-Abstandsregeln? Kann es etwas Perverseres geben? Das Gleiche gilt natürlich auch für Metal-Konzerte, für Reggae-Gigs, ja, sogar für viele Pop-Events. Das Erleben von spontaner kollektiver Begeisterung ist schließlich ein Kernelement von Live-Auftritten – zusätzlich zu der persönlichen Nähe zu den Idolen. Wenn das künftig nur noch reguliert, reglementiert – um nicht zu sagen: überwacht – möglich sein soll, dann gute Nacht.

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Wenn die Konzertveranstalter für die absehbare Zukunft nur noch einen Bruchteil der möglichen Besucher in ihre Hallen (oder Stadien) lassen dürfen, werden natürlich auch die Einnahmen der Bands durch Live Auftritte dramatisch einbrechen – so wie bisher die aus den CD-Verkäufen. So mancher Musiker wird sich dann wohl einen bürgerlichen Job suchen müssen, um überhaupt überleben zu können – vor allem im Ex-Wohlfahrtsstaat Großbritannien und in den ultrakapitalistischen USA.

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