Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991, „Homo Faber“) notierte einst Fragen, die auch den klügsten Kopf in Verlegenheit bringen. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlags, in dem der Fragebogen erschienen ist, lassen wir regelmäßig prominente Persönlichkeiten auf einige der Fragen antworten – heute ist Christoph Keller an der Reihe, Schriftsteller aus St. Gallen.

Wissen Sie in der Regel, was Sie hoffen?

Die Amerikaner sagen „Be careful what you wish for“ – pass auf, was du dir wünschst oder eben erhoffst. Das ist ein nützlicher Spruch, zumal ich mich immer wieder dabei ertappe, das Falsche zu hoffen. Also ja, in der Regel weiß ich, was ich hoffe, bin aber durchaus froh, dass diese Hoffnungen oft nicht in Erfüllung gehen. Hoffen kommt von Hüpfen, da muss man eben aufpassen, dass man sich dabei nichts bricht.

Welche Hoffnung haben Sie aufgegeben?

Keine, ich bleibe ein vorsichtiger Optimist, ein umsichtiger Hüpfer.

Können Sie ohne Hoffnung denken?

Wie denn, als umsichtiger Optimist? Das ist etwas für Pessimisten. Und selbst die, lieber Herr Frisch … Sie haben ja auch stets trotz allem weitergeschrieben, weitergekämpft, weitergelebt.

Hoffen Sie auf ein Jenseits?

Aber ja! Ich bin Agnostiker (und Schriftsteller) geworden, um mir immer wieder ein neues Jenseits ausdenken zu können. Tue ich das, bin ich auch schon dort. Bis jetzt habe ich noch immer den Weg ins Diesseits zurückgefunden.

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Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Ideologie ist delegiertes Denken, also kein Denken mehr. Verschärft durch die digitale Heimat, in der sich so viele nun in ihren undurchlässigen Meinungsstämmen tummeln, ist das brandgefährlich. Schon haben wir Mauern, damit Auffanglager, schon werden Babys von Müttern getrennt, schon ist ein Land keine Heimat mehr. Mir ist es mit den USA, meiner Wahlheimat für 20 Jahre, so ergangen.

Empfinden Sie die Erde überhaupt als heimatlich?

Dafür sind wir zu wenig Tier. Heimat ist etwas Kulturelles, an dem wir stets arbeiten müssen.

Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?

Kann man sich mit Heimat denken, Herr Frisch?

Gibt es einen klassenlosen Humor?

Mehr als das: Es gibt klassenüberwindenden Humor.

Was ertragen Sie nur mit Humor?

Die Humorlosen.

Verändert im Alter sich der Humor?

Er spitzt sich zu, vermengt sich mit Ironie, einem Teelöffel Sarkasmus und einer gut bemessenen Prise Zynismus.

Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

Den australischen Lyriker Les Murray. Die amerikanische Schriftstellerin June Jordan.

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