Als „Partituren eines Lebens“ bezeichnet der Schriftsteller Arnold Stadler die umfangreiche Kollektion an Kunstwerken, die über viele Jahre den Weg in seinen Besitz gefunden haben. Die Bilder – Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien – versteht Stadler dabei nicht als Sammlung im eigentlichen Sinne, sondern nennt sie seine „Lebensgefährten“. Diesen künstlerischen Begleitern des renommierten Dichters widmet die Singener Galerie Vayhinger eine überaus sehenswerte Ausstellung. Mit knapp 70 Arbeiten von 20 Künstlern ist erstmalig eine Auswahl aus dem äußerst vielgestaltigen Panorama der Sammlung von Arnold Stadler zu bewundern.

Schwerpunkt auf der Kunst der Moderne

Weit spannt sich der zeitliche, stilistische und motivische Horizont des Gezeigten: von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, von Realismus über Expression zur reinen Abstraktion, vom Erzählerischen zum freien Ausdruck, von Landschaft über Figur zu Stillleben und Zeichenhaftem reicht das Spektrum der Exponate. Den Auftakt macht eine feinsinnige „Grablegung Christi“ aus der Donauschule um 1520, von dort führt der Gang über Hans Thomas idyllische Flusslandschaft von 1878 bis hin zu Andy Warhols plakativ-provokantem Rückenakt von 1977 und weiter zu Antoni Tápies Memoria-Siebdruck von 1988. Ein Schwerpunkt liegt auf der Kunst der Moderne nach 1945 bis zu zeitgenössischen Positionen. Klangvolle Namen wie Max Ackermann, Julius Bissier, Joseph Beuys, Günther Uecker und Daniel Spoerri stehen neben Marc Chagall, Giorgio de Chirico, Jean Dubuffet, Robert Motherwell und Marc Tobey. Mit Jakob Bräckle, Daniel Bräg, Florian Schwarz und Ursula Wentzlaff sind regional verwurzelte Künstler aus der oberschwäbischen Heimat von Arnold Stadler und dem Bodenseeraum vertreten.

Das Freiburger Münster von Hans Rath gehört ebenso zu Stadlers „Lebensgefährten“ wie kleinere Arbeiten von Daniel Spoerri oder Joseph Beuys.
Das Freiburger Münster von Hans Rath gehört ebenso zu Stadlers „Lebensgefährten“ wie kleinere Arbeiten von Daniel Spoerri oder Joseph Beuys. | Bild: Andreas Gabelmann

„Losgelöst von einem kunsthistorischen Überbau“, so die Galerie, soll „Stadlers Handschrift im Umgang mit der Kunst sichtbar gemacht werden“. Und so entfaltet sich eine bemerkenswert vielschichtige Schau, die deutlich macht, dass die Kollektion keinen systematischen Sammlungskriterien folgt, sondern vielmehr ein ganz persönliches Bekenntnis zur Kunst offenbart, eine Liebe und Leidenschaft für die Ausdruckskraft bildnerischer Gestaltung. Die kluge, sorgsam abgestimmte Hängung der Exponate, die teilweise zu Gruppen geordnet sind, ermöglicht dem Betrachter eine gleichermaßen sinnliche wie erkenntnisreiche Begegnung mit den Bildern. Im wohnlichen Ambiente der Galerieräume gewinnen die Werke eine ganz eigene Wirkung.

Neigung zum Mystischen

Bei näherer Betrachtung ist eine gewisse Affinität Stadlers für Landschaftliches und naturhafte Strukturen festzustellen. Werkserien von Wolfram Scheffel aus Itzehoe, Alexander Schönfeld aus Sachsen, Zoran Mušic aus Slowenien und Einzelwerke von Bräg aus Pfullendorf oder Bräckle aus Winterreute geben hiervon Zeugnis. Eine „Neigung zum Mystischen“ bekennt Stadler im Gespräch mit dem Theologen Michael Albus. In abstrakt-durchgeistigten Arbeiten von Bissier oder Tobey mag sich ein Echo dieser inneren Haltung des Dichters finden.

Ungeachtet dieser vertieften Betrachtung bietet die vielstimmige Ausstellung einen puren Augengenuss und macht deutlich, dass ein Leben mit Bildern für Arnold Stadler vor allem ein intuitiver Seh-Prozess ist. Abgerundet wird die Präsentation von einer Fülle von Schriften, Texten und Büchern, die dem Besucher Zugang zu Wort und Sprache des Schriftstellers ermöglicht.

„Arnold Stadler. Bilder als Partituren eines Lebens“, Galerie Vayhinger, Singen, Bis 31. Januar, geöffnet Mi-Sa 15-18 Uhr, Infos:
http://www.galerievayhinger.de