Märchen sind was für Kinder? Märchen sind harmlose Wohlfühl-Erzählungen? Diesem Irrtum erliegen wir immer wieder gerne. Vor allem, wenn es auf Weihnachten zugeht. Dann öffnet sich unser Herz für sentimentale Klassiker wie etwa Hans Christian Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Es handelt von einem armen Mädchen, das in einer eisigen Silvesternacht auf der Straße Streichhölzer zu verkaufen versucht. Niemand beachtet es und schließlich erfriert es. Vorher aber zündet es die Streichhölzer an – um sich an der Flamme und vor allem an den Halluzinationen zu wärmen, die sich ihm darin zeigen. Es sieht reich gedeckte Tische, einen glitzernden Weihnachtsbaum in einem Kaufladen und seine tote Großmutter, die es schließlich zu sich in den Himmel holt.

Das arme Mädchen und die RAF-Terroristin

Wir haben Mitleid mit diesem Mädchen, das so schuldlos in den Tod geht. Das vom Wohlstand derjenigen, die Silvester mit Gänsebraten verbringen, ausgeschlossen ist. Aber hätten wir auch Mitleid, wenn das Mädchen nicht bloß einen Kaufladen im Feuerschein sieht, sondern mit diesem Feuer einen Kaufladen in Brand setzen würde? Wenn es die soziale Ungleichheit nicht einfach hinnehmen, sondern sich gewaltsam dagegen wehren würde? So wie Gudrun Ensslin, die RAF-Terroristin, die ein Kaufhaus in Brand steckte und auch Bomben legte?

Im April 1968 verübten Gudrun Ensslin (unten) und Andreas Baader einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus in Frankfurt. Er gilt als Wurzel des RAF-Terrors.
Im April 1968 verübten Gudrun Ensslin und Andreas Baader einen Brandanschlag auf ein Kaufhaus in Frankfurt. Er gilt als Wurzel des RAF-Terrors. | Bild: Roland Witschel/dpa

Der Stuttgarter Komponist Helmut Lachenmann (83), der zu Andersens Märchen eine „Musik mit Bildern“ geschrieben hat, hat beide Figuren miteinander in Verbindung gebracht, indem er einen Text von Gudrun Ensslin in sein abendfüllendes Werk „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ aufgenommen hat. Dadurch deckt er nicht nur die implizite Sozialkritik des Märchens auf, sondern stellt auch die Frage nach unserer Mitverantwortung an den Taten der RAF. Denn Mitleid haben mit dem Mädchen, das sich nicht wehrt, diejenige aber zu verurteilen, die aktiv wird – damit ist es nicht getan.

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Er kannte die junge Ensslin

Helmut Lachenmann kannte Gudrun Ensslin persönlich – beide stammten aus schwäbischen Pfarrersfamilien. Lachenmanns Vater war Vorgesetzter von Ensslins Vater. „An ihren kriminellen Handlungen gibt es nichts zu entschuldigen. Aber mit ihrer Verurteilung ist die Frage nach unserer Mitverantwortung nicht abgehakt“, schrieb der Komponist 2001. Und es ist diese Frage nach unserer Mitverantwortung, die sich auch heute wieder stellt – angesichts eines wiedererstarkenden Terrorismus, dieses Mal von rechts, aber auch angesichts der Migrationsbewegung von Menschen, die aus Krieg und Elend in das reiche Europa flüchten, weil sie sich, nicht anders als das Streichholzmädchen, eine bessere Welt erträumen.

Ein moderner Klassiker

Als Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ 1997 in Hamburg uraufgeführt wurde, herrschte seltene Einigkeit: Hier war ein zukünftiger Klassiker aus der Taufe gehoben worden. Die Prognose sollte sich bewahrheiten. Und das, obwohl das „Mädchen“ genremäßig durch alle Raster fällt. Es ist keine Oper im engeren Sinne, weil es keine rollentragenden Figuren auf der Bühne gibt. Es gibt einen Chor, aber auch um ein Oratorium handelt es sich nicht.

Der Komponist Helmut Lachenmann als Rezitator in seinem Werk „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ auf der Bühne des Opernhaus Zürich.
Der Komponist Helmut Lachenmann als Rezitator in seinem Werk „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ auf der Bühne des Opernhaus Zürich. | Bild: Gregory Batardon

Nicht umsonst hat sich Lachenmann für die Bezeichnung „Musik mit Bildern“ entschieden. Denn auch wenn es kein Libretto im engeren Sinne gibt, so trägt die Musik doch die Bilder des Märchens in sich: Klangbilder von Schnee und Kälte, Bilder der Ausgrenzung aus der behaglichen Bürgerstube, Bilder der wärmenden Halluzination und der Visionen im Kältetod. Es gibt eine Frier-Arie und geräuschhaftes Bibbern und Schlottern im Chor (in Zürich die Basler Madrigalisten und die Sopranistinnen Alina Adamski und Yuko Kakuta).

Eine geniale Idee: Das „Mädchen“ als Ballett

Wie bringt man eine „Musik mit Bildern“ auf die Bühne? Eine Herausforderung für die Regie. Am Zürcher Opernhaus hat man sich dafür entschieden, das Stück als Ballett zu zeigen – eine geniale Idee, weil sie so naheliegend scheint, aber trotzdem noch nie jemand darauf gekommen ist. Der Ballett-Direktor Christian Spuck hatte sie – und schuf nun zur „Musik mit Bildern“ einen adäquaten „Tanz mit Bildern“.

Christian Spuck entwickelt in seiner Choreographie beeindruckende Bilder. Emma Antrobus (Mädchen) und Tänzerinnen und Tänzer des Junior Balletts.
Christian Spuck entwickelt in seiner Choreographie beeindruckende Bilder. Emma Antrobus (Mädchen) und Tänzerinnen und Tänzer des Junior Balletts. | Bild: Gregory Batardon/Ballett Zürich

Wie Lachenmann vermeidet auch Spuck die direkte Narration, macht kein Handlungsballett aus dem Märchen, entwickelt aus ihm heraus aber eindrückliche Bilder vor dem düsteren Bühnenbild von Rufus Didwiszus, dem wiederum ein Foto zugrundeliegt, das das von Ensslin in Brand gesetzte Kaufhaus in Frankfurt am Main zeigt. Anders als bei Lachenmann gibt es das Mädchen auch als Figur auf der Bühne (Michelle Willems), häufig aber löst es sich in mehrere Mädchen auf.

Nahtoderfahrungen

Der Introvertiertheit des Mädchens steht ein großes Ballett gegenüber, das man nicht nur als Außenwelt interpretieren, sondern auch als innere Regungen des verängstigten Kindes sehen kann. Auch Gudrun Ensslin taucht auf. In Siegerpose stellt sie ein Bein auf eine der Puppenfiguren, die dem Mädchen ebenso traumhaft wie unheimlich erschienen sein mögen. Bei Spuck scheint es, als sei Ensslin auch eine Vision des Mädchens, die es dazu verführt, die Streichhölzer anzuzünden. Nur dass das Mädchen nicht so weit geht, wie Ensslin es eines Tages tun wird.

„Ritsch!“ Das Mädchen (Michelle Willems) zündet ein Streichholz an.
„Ritsch!“ Das Mädchen (Michelle Willems) zündet ein Streichholz an. | Bild: Gregory Batardon/Ballett Zürich

Das von Lachenmann so wunderbar auskomponierte „Ritsch“ der Streichhölzer gliedert das Stück. Mit ihnen bricht die eisige Klangwelt auf, kommt Wärme und Üppigkeit in die Musik (Philharmonia Zürich unter Leitung von Matthias Hermann) – das Mädchen halluziniert. Spuck aber braucht keine Bilder von Weihnachtsbäumen und Gänsebraten, um das zu verdeutlichen. Etwas warmes Licht und Tänzer, die das Mädchen heben und es schweben lassen, reichen, um diese besonderen Momente zu verdeutlichen, die im Grunde ja Nahtoderfahrungen sind.

Christian Spuck verzichtet auf opulente Bilder, um die Visionen des Mädchens in Szene zu setzen. Auf dem Bild: Michelle Willems und Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich.
Christian Spuck verzichtet auf opulente Bilder, um die Visionen des Mädchens in Szene zu setzen. Auf dem Bild: Michelle Willems und Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich. | Bild: Gregory Batardon/Ballett Zürich

Ein stille Szene mit weißen Ballons zu den Klängen der japanischen Mundorgel Shô (Mayumi Miyata) beendet den gelungenen Abend. Auch der Komponist, der als Rezitator selbst am Abend beteiligt war, dürfte zufrieden sein.

Weitere Aufführungen am 18., 20., 25., 27. und 31. Oktober sowie am 1., 10. und 14. November. Infos: http://www.opernhaus.ch