Die ARD hat ein Problem, seit ihr sogenanntes „Framing-Manual“ ans Licht der Öffentlichkeit gekommen ist. Framing bedeutet so viel wie Einrahmen. Und mithilfe genau solcher sprachlichen Rahmen sollen Mitarbeiter der Sendeanstalt ein positives Image verpassen. Zum Beispiel indem sie von "Gemeinwohlmedien" sprechen, wenn sie ARD und ZDF meinen, von "Kommerzsendern" dagegen, wenn es um die private Konkurrenz geht.

"Antifaschistischer Schutzwall"

Neu ist das nicht. Schon die Berliner Mauer ist je nach politischer Stoßrichtung entweder eine "Schandmauer" gewesen oder aber ein "antifaschistischer Schutzwall". Damals sprach man statt von Framing noch von Konnotation: Wer bewusst einen abwertenden Begriff wählte, bediente sich des Dysphemismus, umgekehrt handelte es sich um einen Euphemismus. Alles schon gehabt, alles altbekannt.

Helle Aufregung

Und doch herrscht plötzlich helle Aufregung, nicht nur um die ARD. Dem passenden Rahmen zur Sprache soll Donald Trump seinen Wahlsieg zu verdanken haben. Die SPD hofft, ihrem Untergang mit einem wahren Gewitter an Euphemismen zu entrinnen ("Gute-Kita-Gesetz", "Respekt-Rente"). Und jetzt auch noch die ARD. Es ist, als sei unsere Sprache dabei, buchstäblich aus dem Rahmen zu fallen: Woher kommt dieser Wahnsinn?

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey präsentiert das "Gute-Kita-Gesetz".
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey präsentiert das "Gute-Kita-Gesetz". | Bild: Michael Kappeler

Die Suche nach der Ursache führt zurück in die beginnenden Achtzigerjahre. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat zu dieser Zeit sein Opus Magnum veröffentlicht. Es heißt "Theorie des kommunikativen Handelns" und untersucht, in wieweit sich mit Kommunikation so hehre Ziele wie Wahrheit, Erkenntnis und Gerechtigkeit einlösen lassen.

Jürgen Habermas prägte die Idee vom herrschaftsfreien Diskurs.
Jürgen Habermas prägte die Idee vom herrschaftsfreien Diskurs. | Bild: Arne Dedert

Seine Idee vom herrschaftsfreien Diskurs wurde schon bald zum geflügelten Wort. Gemeint war damit im weitesten Sinne ein Gespräch ohne Standesunterschiede, ökonomische Interessen oder sonstige hierarchische Abstufungen: der perfekte Stammtisch. Als das Internet aufkam und sich darin die ersten Diskussionsgruppen herausbildeten, war die Euphorie groß. Habermas' Traum werde wahr, hieß es: Im Netz werde der herrschaftsfreie Diskurs bald zum alltäglichen Ritual!

Beschleunigte Kommunikation

Schön wär's gewesen. Habermas selbst erkannte schon früh, dass dieses Medium nicht zum Heilsbringer erwachsen würde und sagte 2008 eine "verdichtete und beschleunigte Kommunikation" mit "zentrifugaler Tendenz" voraus. Diese Zentrifugalkräfte sind heute überall dort zu besichtigen, wo man gestern noch an Erkenntnisgewinn glaubte, etwa auf Facebook und Twitter.

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Das Problem: Die von Habermas prophezeite Beschleunigung der Kommunikation lässt für Argument und Gegenrede keinen Raum mehr. Die Zeiten sind vorbei, in denen politische Stimmungen noch von Bundestagsreden und Leitartikeln bestimmt wurden. Heute diktieren digitale Kampagnen mit immer kürzeren Aufmerksamkeitsintervallen das Geschehen.

Gravierende Folgen

Die Folgen für den politischen Diskurs sind gravierend. Wenn im Kampf um Aufmerksamkeit eine differenzierte Kritik am Zuwachs von Migration nicht mehr möglich ist, muss Konnotation als Ersatz für Argumentation herhalten. Dann transportiert das Wort "Flüchtlingsstrom" eine Furcht, die sich aus zahlreichen einzelnen Aspekten zusammensetzt: Sorge vor Kontrollverlust an der Grenze, Forderung nach erhöhter Aufmerksamkeit für islamistische Gefahren, Kritik an sozialer Schieflage und vieles mehr.

Keine Zeit zum Diskurs

Jeder Punkt für sich hätte einen eigenen Diskurs verdient, für diesen bleibt jedoch keine Zeit mehr. Und so fasst "Flüchtlingsstrom" alles zusammen, liefert auch noch die gewünschte Alarmstimmung gleich mit. Denn ein Strom reißt nie ab: Wenn nicht sofort ein Wunder geschieht, wird es immer so weitergehen!

Jede Sekunde zählt

Im Kampf um Wähler und Unterstützer zählt inzwischen jede Sekunde. Ein Argument aber kann schon mal eine Minute in Anspruch nehmen. Und so führt Framing zu bizarren Debatten wie jener über die neue Urheberrechtsrichtlinie der EU: eine Schlacht der Un- und Halbwahrheiten, kaum ein Statement, das nicht mindestens eine nachweisbare Fehlinformation enthält. Doch darauf kommt es nicht an. Sondern: die Gegenseite "Lobby" zu nennen, die eigene dagegen "Initiative".

Allgemeines Unbehagen

Bei allem Erfolg dieser Strategie, macht sich nun doch ein allgemeines Unbehagen bemerkbar. Stimmungen zu bedienen, statt Argumente: Das hat in der Geschichte nur selten zu etwas Gutem geführt. Deshalb legen wir trotz eigener Denkfaulheit weiterhin Wert auf Institutionen, die sich noch dem guten alten Diskurs verschreiben. Zum Beispiel Journalismus und Politik.

ARD und SPD rütteln am Fundament

Wenn ARD und SPD ganz gezielt ins Spiel mit dem Framing einsteigen, rütteln sie am Fundament unserer Gesellschaft. Sie nähren damit die Dystopie von einer Zukunft ohne verlässliche Aussage, von einer Welt, in der nichts mehr von sich aus wahr ist, sondern alles einer manipulativen Absicht unterliegt.

Argumente statt Schlagworte

Das hatte Habermas gewiss nicht im Sinn, als er vom herrschaftsfreien Diskurs sprach. Es wird Zeit, der sich zur Unsitte auswachsenden Mode wieder Einhalt zu gebieten. Die Macht dazu hat allein der Bürger: Er muss nur wieder anfangen, auf Argumente zu hören statt auf Schlagworte.