Würde jeder Kritiker unserer Gesellschaft dieselbe gleich verlassen, so wäre sie bald leer. Es gehört zu den erstaunlichen Widersprüchen unserer Zeit, dass der sogenannte Mainstream einerseits eine nie da gewesene Verachtung erfährt, andererseits selbst seine größten Gegner dennoch nichts so sehr suchen wie seine Nähe.

Gegensätze liegen nahe beisammen

In weitschweifenden Leserbriefen erklären rechte Kritiker der „Systemmedien“, weshalb sie deren angebliche Lügengeschichten gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen – und belegen schon gerade mit diesem Schreiben das glatte Gegenteil. In Internetdiskussionen bekunden derweil Linke, dass sich eine Kommunikation mit Rechten angeblich gar nicht lohne – und können doch ihre Hoffnung nicht verhehlen, dass diese Botschaft trotzdem dort ankommt. Hass und Liebe, Einsamkeit und Geselligkeit, Abkehr und Zuwendung: Diese Gegensätze scheinen einander näher, als man denkt.

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Der französische Dramatiker Molière hat dieses Phänomen bereits im 17. Jahrhundert vorweggenommen. Es gab damals noch kein Internet, und vielleicht war das der Grund, weshalb seine Komödie „Der Menschenfeind“ beim Publikum auf Unverständnis stieß.

Molière in einer zeitgenössischen Darstellung von Nicolas Mignard.
Molière in einer zeitgenössischen Darstellung von Nicolas Mignard. | Bild: Wikipedia

Dabei ist dieses Stück noch heute von staunenswerter Aktualität. Um diese herauszuschälen, hat Regisseurin Bernadette Sonnenbichler in ihrer Inszenierung am Stuttgarter Schauspielhaus einen bemerkenswerten Kniff angewandt. Nicht die Gesellschaft bietet sich uns zur Identifikation an, sondern ihr Außenseiter: Mainstreamverächter Alceste, der Menschenfeind (gespielt von Matthias Leja).

Bild: David Baltzer

Als Normalo in grauen Schlabberklamotten tapert er kopfschüttelnd zwischen all den aufgeblasenen Spinnern in ihren neobarocken Kostümen umher. Aufschneider wie Acaste (Benjamin Pauquet) und Clitandre (Sebastian Röhrle) zum Beispiel, die in ständiger Bewegung ihre athletischen Körper präsentieren. Die naive Éliante (Celina Rongen), die wie ein Püppchen umherstolziert. Oder auch Oronte (Sven Prietz), dieser eingebildete Pfau von Dichter, der alles daran setzt, den schneeweißen Märchenschloss-Saal (Bühne: Wolfgang Menardi) in seine eigene Theaterbühne umzufunktionieren.

Bild: David Baltzer

„Verblödet und zu jeder Lüge bereit“, seien diese Typen, ätzt Alceste mit säuerlicher Miene. Der Mensch an sich sei doch ein Trauerspiel und zwar ohne Ausnahme. „Keinen lass ich aus, ich hasse alle!“, ruft der schwer Enttäuschte: „Ich kann nicht mehr, Adieu!“

Am Ort des Schreckens

Adieu? Von wegen. Statt tatsächlich das Weite zu suchen, ergeht es ihm wie so vielen Menschenfeinden unserer Tage. Scheinbar widerwillig bleibt er am Ort des Schreckens, beglückt sein so verhasstes Umfeld mit immer neuen Vorwürfen und Ermahnungen.

Drei Erklärungen tun sich auf: die Eitelkeit, die Liebe und das Sendungsbewusstsein. Als der verachtete Dichter Alceste bittet, sein Gedicht ehrlich zu beurteilen – „schenkt mir ruhig reinen Wein ein!“ –, fühlt er sich dann doch gebauchpinselt. Endlich jemand, der seine schonungslose Ehrlichkeit zu schätzen weiß!

Saurer reiner Wein

Aber dann muss er erfahren, was es heißt, einen Künstler zu kritisieren. Der „reine Wein“ schmeckt gar zu sauer, und statt Dankbarkeit für die Rezensionsarbeit gibt es ein Gerichtsverfahren.

Verlogene Herzensbrecherin

Spätestens jetzt müsste sich Alceste doch verabschieden. Unmöglich macht es ihm nun die schöne Célimène (Therese Dörr): Ausgerechnet in die verlogenste, berechnendste Herzensbrecherin im ganzen Haus hat er sich verliebt.

Bild: David Baltzer

Ausgerechnet? Im Gegenteil: Ganz offenbar wirkt die Untugend wie ein Magnet auf den Moralapostel, das finstere Reich des Bösen wie ein verlockendes Geheimnis, das es zu erobern gilt.

Allzu moralisches Angebot

Als Célimènes Intrigen aufgeflogen, das Spiel verloren ist, unterbreitet ihr Alceste ein nur allzu moralisches Angebot. Gemeinsam mit ihm in die Einsamkeit fliehen, dort Buße tun und ihn bis zum Ende aller Tage dankbar als Retter ihrer verlorenen Seele anhimmeln: Das wär’s doch! Äh, danke nein, antwortet da die Geliebte. „Mir fehlt der Mut zu solch einem Leben.“

Kein Klischee

Es ist wohl nicht das Fehlen des Internets allein, das zu Molières Zeiten den Erfolg dieses Werks verhinderte. Anders als in den meisten seiner Komödien erfüllt seine Hauptfigur kein leicht fassbares Klischee, sondern offenbart ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Sehnsüchte und Bedürfnisse. Das macht sie modern, aber auch unlustig.

Bild: David Baltzer

Regisseurin Sonnenbichler versucht, den Witz durch Kontraste heraus zu kitzeln: hier der Normalbürger mit moralischem Anspruch, dort die überdrehte Konsumgesellschaft. Das funktioniert nur mäßig gut, das überkandidelte Wesen der höfischen Gesellschaft geht mit der Zeit auf die Nerven.

Stoischer Glauben an die Moral

Matthias Leja gleicht das aus durch eine weitaus lebensnähere Form des stoischen Glaubens an die Moral: In seinem Menschenfeind ist der Menschenfreund immer gegenwärtig. Überzeugend auch Therese Dörr, die hinter der Plakativität ihrer Figur eine Ambivalenz durchscheinen lässt: Célimène fühlt sich auch ihrerseits zu Alceste hingezogen, bewundert trotz allem insgeheim seine Prinzipientreue und Verlässlichkeit. Sehr schön schließlich auch die Bühnenmusik mit Gitarre, Posaune und Bass (Marvin Holley, Marc Roos und Fabian Wendt), gespielt aus drei Gondeln, die märchenhaft über allem schweben.

Liebe ist nicht dabei

Und welches Urteil über sich kann so ein Menschenfeind, der sein Leben an den allerhöchsten Maßstäben der Moral ausrichtet, nun erhoffen? Im schlechtesten Fall Verachtung. Im besten Fall Respekt. Nur Liebe ist wohl nicht dabei.

Kommende Vorstellungen: 4. und 6. März sowie 1. und 2. April im Stuttgarter Schauspielhaus. Weitere Informationen: http://www.schauspielstuttgart.de