Gebaut wurde in Stuttgart immer. Am Mittnachtbau in der Königstraße etwa, am Tagblatt-Turm oder – wie auch gerade wieder – am Hauptbahnhof. „Erd-aushub beim neuen Bahnhof in Stuttgart“ ähnelt der heutigen Baustelle von „Stuttgart 21“ auf frappierende Weise. Doch entstand das Bild wie sein Pendant „Abbrucharbeiten am alten Stuttgarter Bahnhof“ in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Maler und Grafiker Reinhold Nägele (1884 bis 1972), den das Kunstmuseum Stuttgart in seiner aktuellen Ausstellung als Chronisten der Moderne vorstellt, hat die Bewegung der Erdmassen und sonstige Umbrüche in seiner Heimatstadt und deren Umgebung mit feinem Pinsel und Radiernadel festgehalten. Detailverliebt, sezierend, aber auch liebevoll und mit Humor dokumentiert er jeden Backstein an Paul Bonatz‘‚ Bahnhof, zeigt Architektur, Städtebau, Menschen und Automarken.

Aus dem eigenen Bestand, der mit 116 Werken möglicherweise den größten Anteil an Nägeles Œuvre umfasst, sowie Leihgaben, darunter einige, die bisher im Werkverzeichnis fehlen oder noch nie abgebildet waren, hat Kuratorin Anna-Maria Drago Jekal 90 Gemälde, Radierungen und Hinterglasmalereien der 1910er- bis 1930er-Jahre gewählt, in denen es auf politischer, sozialer und technischer Ebene zu Umwälzungen kam. Deutlich zeigt sich in Nägeles sorgfältig erhellten Leuchtreklamen und den im Verhältnis zu heute menschenleeren Straßenzügen die Faszination am elektrischen Licht als Zeichen großstädtischen Fortschritts. Als Symbol der Moderne leuchtet die Weißenhofsiedlung aus der dunklen Hügellandschaft heraus. Der Blick von oben auf das nächtliche Stuttgart mit Tausenden von kleinen Lichtern, die erst bei längerem Hinsehen Schattenrisse der Häuser freigeben, versprüht eine bezaubernde Atmosphäre. Mit ebensolcher Akribie zeigt Nägele aber auch das geschäftige Treiben auf einer der vielen Baustellen in Nahsicht.

Im Umgang mit dem ländlichen Raum fällt auf, wie nüchtern der Künstler mit präziser Linienführung den dortigen Einfall der Technik begleitet, während er die Eisenbahngleise wie organische Gebilde in das Gesamtgefüge einpasst und sogar den von Raureif bepuderten Überlandleitungen einen poetischen Aspekt abgewinnt. Der Einzelgänger Nägele beteiligte sich an der Stuttgarter Sezession, einer Künstlergruppe, die sich vom Künstlerbund Stuttgart abspaltete, begeisterte sich für die Artisten-Welt und das Cannstatter Volksfest. An Weimarer Republik und Nationalsozialismus interessierten den Maler, der 1939 mit seiner jüdischen Frau und den drei Kindern emigrieren musste, die Begleitumstände der Zeit, die in „Straßenkampf“ und „Revolution der Musikinstrumente“ in feinmalerischer Detail-arbeit Eingang fanden.

In sechs anschaulichen Themenbereichen und sinnreich ergänzt von Fotografien mit alten Stadtansichten widmet sich die Schau dem Künstler, der hier nicht wie sonst oft als der kauzige schwäbische Eigenbrötler erscheint, sondern sich als passionierter Protokollant und Schilderer der Ereignisse ebenso neu entdecken lässt wie als Vertreter der Neuen Sachlichkeit.

"Reinhold Nägele. Chronist der Moderne": zu sehen im Kunstmuseum Stuttgart, bis 3. Juni 2018, täglich außer Montag geöffnet von 10 bis 18 Uhr, Freitag bis 21 Uhr. Der Katalog kostet 19 Euro. Informationen auf www.kunstmuseum-stuttgart.de