Es hat gebrannt im Schwimmbad. Alles ist verkohlt, Planen schützen die Ruine vor weiterer Zerstörung. Ein deprimierender Anblick. Die einzigen, die das nicht zu stören scheint, sind Nero und seine Geliebte Poppea, die sich auf einem schwarzen Schutthaufen am wasserleeren Boden des Bassins räkeln.

Klar, das Schwimmbad in der St. Galler Inszenierung von Claudio Mondeverdis Oper „L‘Incoronazione die Poppea“ steht für die römische Therme, ja, für das alte Rom schlechthin (Bühne: Wolfgang Menardi). Und dass sie in Schutt und Asche liegt, erinnert an den großen Brand zu der Zeit, als Nero Kaiser von Rom war. Ein Kaiser, der vor nichts zurückschreckte, weder vor Mutter- und Gattinnenmord noch vor Christenverfolgung.

Es wird gemordet und verbannt

Monteverdis Oper startet in dem Moment, in dem Nero bereits mit Poppea angebandelt hat. Er möchte sie zur Gattin machen. Allerdings gibt es da ein paar Probleme. Nero ist noch mit Ottavia verheiratet, Poppea mit Ottone liiert, und der Philosoph Seneca stört mit seiner Besserwisserei auch irgendwie. Also wird gemordet und verbannt, was das Zeug hält. Aber nicht allein Nero ist der Böse. Poppea, die nicht nur heiß auf Nero, sondern auch auf den Thron ist, mischt ebenfalls kräftig mit. Die verlassene Ottavia stiftet den verlassenen Ottone zum Mord an Poppea an, der wiederum zieht seine Ex-Geliebte Drusilla dort mit hinein.

Die Liebe ist in diesem Stück einmal kein Merkmal der Selbstlosigkeit, sondern der niederen Instinkte. Wohl auch deswegen muss die Szene in Alexander Nerlichs Inszenierung so düster sein, müssen Nero und Poppea aussehen, als seien sie direkt aus der Gothic-Szene in die Oper gefallen (Kostüme: Zana Bosnjak). Amor selbst windet sich wie eine schwarze Schlange durch die Szene, um seine zweifelhafte Macht auszuspielen (in der stummen Tanzrolle: Diane Gemsch).

Amor mal als schwarzer Engel: Diane Gemsch in der stummen Tanzrolle.
Amor mal als schwarzer Engel: Diane Gemsch in der stummen Tanzrolle. | Bild: Iko Freese

Die passende Musik zu diesem düsteren Setting wäre eigentlich irgendeine Spielart von Metal Rock. Nun muss es eben Monteverdi richten. In St. Gallen bekommt er Beistand von Ernst Krenek. Der Komponist, der durch die Jazz-Oper „Johnny spielt auf“ bekannt geworden ist, hat sich die „Poppea“ in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts vorgeknöpft und bearbeitet.

Da es zu Monteverdis Zeit nicht üblich war, Partituren voll auszuschreiben, muss sich jedes Opernhaus, das seine „Poppea“ auf die Bühne bringen will, zunächst einmal über eine mögliche Fassung Gedanken machen. In St. Gallen hat man sich nun an die Fassung von Ernst Krenek erinnert, die nach ihrer Erstaufführung 1937 auf einer Amerika-Tournee des Komponisten weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Eine hochspannende Wiederentdeckung!

Monteverdi passt sich an die Gegenwart an

Anders als heute, wo man die Partitur übrlicherweise nach musikhistorischen Erkenntnissen und möglichst aus dem Geist der Monteverdi-Zeit einzurichten versucht, verfuhr Krenek genau anders herum: Er wollte eine „Aufführbarkeit auf dem Theater der Gegenwart“ erreichen. Monteverdi musste sich also an das frühe 20. Jahrhundert anpassen, nicht umgekehrt.

Das bedeutet zwar nicht, dass Krenek aus Monteverdi eine Jazz- oder 12-Ton-Musik gemacht hätte. Im wesentlichen griff er auf das originale Material zurück, nutzte aber ein modernes Instrumentarium inklusive Klavier und Harmonium, dessen gespreizten Ambitus er auch voll ausnutzt. Die Instrumentation wechselt häufig im Sinne der durchbrochenen Arbeit und schafft so eine starke Farbigkeit.

Außerdem verdichtet Krenek die Partitur, indem er sie strafft und sie motivisch sozusagen mit Monteverdi-Eigenmaterial anderer Szenen anreichert. Es ist ein musikhistorisches Kuriosum, das hier erklingt. Und alleine deswegen lohnt sich ein Besuch in St. Gallen. Dass die Umsetzung durch das Sinfonieorchester St. Gallen (Leitung: Corinna Niemeyer) zugleich noch jede Menge Luft nach oben lässt, soll dabei nicht verschwiegen werden.

Das schönste Liebesduett der Musikgeschichte

Die Gesangspartien hat Krenek ebenfalls modernen Stimmtypen angepasst. Hier lassen Raffaella Milanesi (Poppea), Anicio Zorzi Giustiniani (Nero), Ieva Prudnikovaite (Ottavia), Shea Owens (Ottone), Tatjana Schneider (Drusilla), Martin Summer (Seneca) und Milena Storti (Arnalta) keine Wünsche offen. Schade nur, dass Alexander Nerlichs Inszenierung den Eindruck erweckt, er habe mit dem düsteren Setting seinen Beitrag zur Regie bereits geleistet. Die Personenführung lässt doch einige Wünsche offen. Wenn Nero und Poppea ganz am Schluss aber ihr wunderbares „Pur ti miro“ singen, eines der berühmtesten Liebesduette der Operngeschichte, ist ohnehin jeder Makel vergessen.

Weitere Aufführungen: 26., 29. Mai; 2., 15. Juni. Infos und Tickets: http://www.theatersg.ch