Auf großformatigen, festen Büttenpapieren entfalten sich leuchtende Farbflächen, dynamisch belebt durch vibrierende Linienspuren und formal reduziert durch klare Strukturen. Fragil und monumental, expressiv und verinnerlicht zugleich, entwickeln die großzügig angelegten Pastellzeichnungen von Johannes Dörflinger ihre ganz eigene Wirkungskraft in den lichten und weiten Räumen des Singener Kunstmuseums, das dem Schaffen des Konstanzer Künstlers aus Anlass seines 75. Geburtstages eine konzentrierte Einzelschau widmet. Unter dem assoziationsreichen Titel „Lichter Flügel“ spannt die Ausstellung den Bogen zwischen Zeichnung und Skulptur und lässt Dörflingers zeichenhaft abstrahierten Pastelle in reizvolle Interaktion treten zu seinen schmuckartig-skurrilen Kleinplastiken.

Weit über die Region hinaus bekannt wurde Dörflinger vor allem als Schöpfer der „Kunstgrenze“, bei der er 2006/07 den deutsch-schweizerischen Grenzverlauf zwischen Kreuzlingen und Konstanz durch monumentale Freiplastiken mit stark zeichenhafter Präsenz in Szene setzte. Geboren 1941 in Konstanz studierte Dörflinger von 1960 bis 1963 zunächst bei Georg Meistermann an der Karlsruher Akademie, dann bis 1965 bei Hann Trier in Berlin. Langjährige Aufenthalte führten ihn bis in die 1990er-Jahre nach Großbritannien und in die USA. Seit 1979 unterhält der Maler, Grafiker und Bildhauer ein Atelier auf der Insel Gozo bei Malta. Zur Sicherung und Vermittlung seines Werkes gründete sich 2004 in Konstanz die Johannes Dörflinger Stiftung. Aus deren Beständen stammt der Großteil der Singener Exponate.

Ein stiller Zauber und eine intensive, gleichsam poetische Ausdrucksnote prägen die besondere Aura der Werke. Geradezu sinnlich erlebbar wird in den ebenso malerisch-subtil wie streng-zupackend gestalteten Blättern Dörflingers souveränes Gespür für die Technik des Pastells. Ein beständiges Ausloten der formalästhetischen Möglichkeiten trägt die Wirkung der Arbeiten. Mal geometrisch verfestigt, mal gestisch offen, mal konstruktiv und kompakt, dann wieder zart und filigran laden die Zeichnungen mit ihren samtigen Oberflächentexturen unser Auge zum Eintauchen in die von Schichtungen und Überlagerungen reichen Bildwelten ein.

Dörflingers Pastelle entspringen, ebenso wie seine miniaturhaften Plastiken, dem freien Spiel der Farben, Formen und Materialien und dem geradezu wachstumshaft anmutenden Werkprozess, der auf der Bildfläche und im Raum archetypische Zeichen mit stark symbolhafter Aussage generiert. In ihrer harmonischen Einfachheit wandeln sich die formatfüllenden Farbfelder und die kleinteilig eingestreuten Formelemente zu einprägsamen Sinnbildern. Transformation und Metamorphose sind die entscheidenden Faktoren in Dörflingers Bildfindungen. Gegenständliche Bezüge werden durch Werktitel wie „Bergstück“, „Turm“ oder „Großer Nachtvogel“ evoziert, entführen den Betrachter aber sogleich in metaphorische Sphären.

Eine starke innere Vorstellungskraft und der Wille zur stetigen Verwandlung und Erneuerung des Gesehenen und Erlebten sprechen aus Dörflingers Zeichnungen. Mit ihrer feinnervigen, organischen Bildsprache muten sie an wie ferne Erinnerungen, wie ein schwingendes Echo, das aus den transparenten Tiefenschichten der Pastellkreide zu uns herauf dringt. So scheint es, dass das abstrahiert Dargestellte – Figürliches, Landschaftliches, Gebautes – in den großen Kreislauf der Natur intuitiv eingewebt ist.

Wie eine „Wunderkammer“ des Kapriziösen und Fantastischen muten schließlich die kleinplastischen Werke an, die Dörflinger seit 2000 in enger Zusammenarbeit mit Konstanzer Goldschmieden entwirft und die in der Singener Ausstellung in edlen Vitrinen wie Schmuckstücke präsentiert sind. Eine magisch-mythische Ausdruckskraft strahlt aus den surreal wirkenden Figurinen, bei denen man den Eindruck gewinnt, sie seien den Pastellen geradewegs entsprungen. Gefertigt aus wertvollen Materialien wie Gold, Silber, Diamant, Elfenbein, Bernstein oder Meteorit behandeln die kühnen Assemblagen Themen wie Fliegen, Tanz und Schweben. Der Kreis zu den Zeichnungen schließt sich: Die Idee von Entgrenzung und Übergang kennzeichnet das spielerische wie treffsichere Agieren von Johannes Dörflinger mit Formen, Farben und Materialien.

Johannes Dörflinger – Lichter Flügel. Pastelle und Kleinplastiken. Kunstmuseum Singen. Bis 8. Mai. Di bis Fr 14-18, Sa/So 11-17 Uhr.

www.kunstmuseum-singen.de – Parallel zur Ausstellung in Singen zeigt die Galerie KunstGrenze in Konstanz bis 8. Mai: „Johannes Dörflinger – SeeFigur“. Öffnungszeiten: Fr 14-18 Uhr,Sa, 10-14 Uhr und nach Vereinbarung www.kunstgrenze.org/

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