Wer glaubt, früher sei alles besser gewesen, dem sei ein Blick in die Sagen unserer Region empfohlen. Ganz und gar Fürchterliches tut sich da auf: Riesen und Lindwürmer, Hexen und giftige Spinnen. Unsere Vorfahren im Schwarzwald, Hegau und am Hochrhein sind gewiss nicht zu beneiden gewesen angesichts der vielen Gefahren, denen sie im Alltag ausgesetzt waren.

Das jedenfalls geht aus einer Sammlung der schönsten Sagen aus unserer Region (aufgeschrieben von Max Rieple, Bernhard Möking und Karlheinz Schaaf) hervor, die jetzt im Südverlag neu erschienen ist. Mit diesen Sagen von der Reichenau, aus Lindau und aus Stockach geben wir Ihnen einen kleinen Vorgeschmack.

Reichenau

Bis ins 8. Jahrhundert hinein hat sich keine Menschenseele getraut, diese Insel zu betreten. Und als der heilige Pirmin sich doch traute, sah er bereits vom Schiff aus den Grund dafür: Unzählige Kröten, Schlangen, giftige Insekten und andere hässliche Tiere zeigten sich ihm, ein „grauenvoller Anblick“. Doch kaum setzte Pirmin seinen Fuß ans Ufer, da „stob das teuflische Gewürm nach allen Seiten auseinander und schwamm in wilder Flucht über den See“. Drei Tage und Nächte war der Bodensee schwarz von „scheußlichen Untieren“. Seitdem aber waren diese nicht mehr gesehen.

Heute zieht die Reichenau jedes Jahr Touristenschwärme aus aller Welt an. Im 8. Jahrhundert traute sich kein Mensch dorthin, wie eine ...
Heute zieht die Reichenau jedes Jahr Touristenschwärme aus aller Welt an. Im 8. Jahrhundert traute sich kein Mensch dorthin, wie eine Sage erzählt. | Bild: Achim Mende (dpa)

Lindau

Auch in Lindau half christlicher Gottesglaube, das Böse zu vertreiben. Der heilige Gallus hatte sich am Bodensee gerade mit seinen Glaubensbrüdern niedergelassen, um das Christentum zu verbreiten, da hörte er eines Nachts zwei Stimmen. Die eine kam aus den Schweizer Bergen, die andere aus der Tiefe des Sees. Kein Zweifel, das waren die bösen Geister, die bisher hier das Sagen hatten. „Erhebe dich zu meiner Hilfe“, rief der eine Geist den anderen an: „auf dass wir jene Fremdlinge vertreiben!“ Da machte der heilige Gallus schnell das Kreuzzeichen und lief zu seinen Glaubensbrüdern. Kaum hatten sie angefangen zu beten, sahen sie auch schon die beiden Geister Hals über Kopf flüchten: Einer hatte die Gestalt einer Hexe und sprang mit einem weiten Satz über den See. Weil der Satz aber nicht weit genug war, landete er auf dem markanten Felsen, der vor Lindau aus dem Wasser ragt. Noch einmal musste er abspringen, um endgültig das Ufer zu erreichen und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Der Felsen vor Lindau aber heißt bis heute Hexenstein.

Den Stein, auf dem einer der beiden Geister bei seiner Flucht über den Bodensee gelandet sein soll, ist noch heute vor Lindau zu sehen.
Den Stein, auf dem einer der beiden Geister bei seiner Flucht über den Bodensee gelandet sein soll, ist noch heute vor Lindau zu sehen. | Bild: Patrick Seeger (dpa)

Stockach

Ein weiterer frommer Mann war der junge Graf Gangolf aus Überlingen. Der hatte sich eines Tages während der Jagd im Wald verirrt. Als er auf einer Anhöhe einen Feuerschein erblickte, näherte er sich der Stelle vorsichtig und erspähte eine heidnische Opferstätte: Dort saß die schöne Nella und spielte ihre Harfe, eine Schar Männer lauschte ergriffen ihrem Spiel. Von christlichem Eifer gepackt, stürzte Gangolf aus seinem Versteck und hieb auf die Götzenpriester ein. Um alle zu erlegen, reichten seine Kräfte allerdings nicht. Er wurde bald überwältigt und in einen Kerker geworfen. Die schöne Nella freilich war vom Todesmut des jungen Grafen erkennbar beeindruckt. Sie begnadigte ihn nicht nur, sondern ließ sich auch zum Christentum bekehren. Kaum war das geschehen, entsprang an Ort und Stelle ein kleiner Bach, den Gangolf gleich „Nellabach“ nannte. Und als er wenig später hier auch eine Burg errichtete, taufte er diese mit dem Namen: „Nellaburg“, woraus später „Nellenburg“ wurde.

Heute sind nur noch wenige Mauerreste von der Nellenburg bei Stockach übrig, die Graf Gangolf aus Überlingen einst nach der schönen ...
Heute sind nur noch wenige Mauerreste von der Nellenburg bei Stockach übrig, die Graf Gangolf aus Überlingen einst nach der schönen Nella benannt haben soll. | Bild: Georg Becker

„Die schönsten Sagen vom Bodensee und aus Oberschwaben“ und „Die schönsten Sagen vom Oberrhein und aus dem Schwarzwald“, Südverlag Konstanz 2018; jeweils 192 Seiten, 18 Euro pro Buch.