Als der römische Bischof Valentin von Terni am 14. Februar des Jahres 269 das Schafott bestieg, dürfte er kaum geahnt haben, für welche Idee einmal Menschen weltweit in seinem Namen einander Freude bereiten würden. Seine Hinrichtung hatte er einem Verbot zu verdanken: Kaiser Claudius verwehrte seinen Soldaten den Bund der Ehe, weil sie als Ledige angeblich besser kämpften. Weil Gottes Wille aber größer ist als der des Kaisers, hat Valentin sie trotzdem getraut. Er bezahlte das mit seinem Leben.

Der Heilige Valentin in der Darstellung des Renaissance-Malers Leonhard Beck.
Der Heilige Valentin in der Darstellung des Renaissance-Malers Leonhard Beck. | Bild: Wikipedia

Ob diese Geschichte so stimmt, ist ungewiss. Jedenfalls hilft sie heute Floristen und Juwelieren bei der Vermarktung des 14. Februar als Tag der Liebe und Verliebten.

Geburtenrate war entscheidend

Zu Valentins Zeiten war der Ehebegriff noch geprägt von der Gesetzgebung des Kaisers Augustus. Ziel der leges novi („Neue Gesetze“), war es, die Geburtenrate zu steigern und die breite Streuung von Familienvermögen zu stoppen. Mit Liebe im heutigen Sinne – leidenschaftliche Küsse unter Palmen, heiße Treueschwüre am Strand bei Sonnenuntergang – hatte dieser nüchterne Vertragsschluss wenig gemein.

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Begriffe wie Liebe, Ehe und Beziehungsleben unterliegen einem derart rasanten Bedeutungswandel, dass vor allem Ältere oft nicht mehr mitkommen. So ist es gerade einmal 25 Jahre her, dass die Strafbarkeit von homosexuellen Handlungen unter minderjährigen Männern aufgehoben wurde. Die Forderung nach einer Erlaubnis zur Eheschließung galt damals noch als skurrile, geradezu anstößige Außenseiterposition. Heute dagegen ist die sogenannte Ehe für alle beschlossene Sache.

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Isoliert ist inzwischen nicht mehr, wer diesen Umstand befürwortet. Im Gegenteil: Annegret Kramp-Karrenbauer steht wegen ihrer offen bekundeten Skepsis in der Kritik. Die neue CDU-Chefin befürchtet weitergehende Forderungen wie etwa „eine Heirat unter engen Verwandten oder von mehr als zwei Menschen“.

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Die empörten Reaktionen auf diese Äußerung zeigen, wie wacklig unsere gesellschaftliche Übereinkunft zum Thema Liebe und Ehe ist. Wenn seine Ehe „in einem Atemzug mit Inzest oder Polygamie“ genannt werde, treffe ihn das persönlich, konterte Parteifreund Jens Spahn die strittigen Äußerungen.

Neue Ausgrenzung?

Doch ist es wirklich so abwegig, Liebe auch in anderen Konstellationen zu vermuten als der klassischen Paarbeziehung? Und wäre es nicht fatal, wenn ausgerechnet die gestern noch selbst Ausgegrenzten heute ihrerseits erklärten, polyamore Partnerschaften seien einer Eheschließung nicht würdig?

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Wohin die Liebe fallen darf, ist auch heute immer noch keineswegs unumstritten. Nicht zuletzt, da das Phänomen der Polyamorie, also die Liebe zwischen mehr als zwei Personen, Fragen zu unserem Umgang mit Mehrfachehen aufwirft, wie sie in anderen Kulturkreisen praktiziert werden.

Verdacht auf Zwang

Was bei den einen als Ausdruck des freien Willens aller Beteiligten gilt, erweckt bei anderen den Verdacht auf Zwang und Unterdrückung. Insbesondere die islamische Ehe steht hierzulande in keinem guten Ruf, sie gilt als frauenfeindlich, fremdbestimmt, rückständig.

Romantik beendete die Vernunftehe

Allzu oft gerät darüber in Vergessenheit, dass es auch bei uns erst romantischer Schwärmer wie den Dichter Novalis oder den Komponisten Richard Wagner bedurfte, um aus der meist von Eltern arrangierten Vernunftehe ein auf fortwährende Glückseligkeit angelegtes Lebensmodell zu entwickeln. Und ob dieses moderne Konzept wirklich so viel fortschrittlicher ist, mag man mit Blick auf die nach wie vor hohe Scheidungsrate bezweifeln.

Falsche Erwartungen

Zumindest deutet vieles darauf hin, dass uns der Kapitalismus mit seinen allgegenwärtigen Glücksverheißungen auch in Sachen Liebe falsche Erwartungen vermittelt: etwa die Vorstellung, ein Extremzustand wie die ersten Wochen der Verliebtheit lasse sich auf ein ganzes Leben ausdehnen.

"Der Kuss" lautet der Titel dieser Skulptur von Auguste Rodin.
"Der Kuss" lautet der Titel dieser Skulptur von Auguste Rodin. | Bild: Felix Heyder

In seinem Buch „Lieben heißt wollen“ räumt der Paartherapeut Holger Kuntze mit diesem Missverständnis auf. Kein menschlicher Organismus, sagt er, könne durchgängig unter hoher Adrenalinausschüttung leben. Die anfängliche Euphorie müsse schon aus gesundheitlichen Gründen irgendwann abflauen. „Die Leidenschaft flieht, die Liebe muss bleiben“, heißt es in Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“.

Wenn "Ver-" und "-heit" verschwinden

Was aber ist es, was von der Verliebtheit übrig bleibt, wenn das „Ver-“ und das „-heit“ verschwunden sind? Die französische Autorin Elisabeth Jacquet benennt manches davon in ihrem neuen Buch „Wir zwei“ (Piper Verlag), eine wunderbar ironische Reflexion über das Leben als Paar: Ihr Mann, sagt sie, sei der einzige Mensch auf der Welt, bei dem sie sich „rückhaltlos vollkommen unausstehlich benehmen kann“. Wenigstens dafür lohnt sich die Mühe.