Wenige Jahre als Star haben genügt, um den polnischstämmigen russischen Tänzer und Choreografen Vaslav Nijinski zu einem Synonym für vollendete Tanzkunst werden zu lassen. Neben Könnerschaft und Charisma dürfte freilich auch sein skandalumwittertes Leben samt Absturz in den Wahnsinn dazu beigetragen haben, dass der 1950 in London Verstorbene weiterlebt in unseren Köpfen – und im Film, in der Literatur, auf der Bühne.

Bekannt geworden ist John Neumeiers raumgreifendes Ballett. Marco Goecke hat demgegenüber versucht, sich dem Phänomen Vaslav Nijinski in minimalistischer Verdichtung anzunähern. Seinen 2016 in Stuttgart uraufgeführten „Nijinski“ hat der 1972 geborene deutsche Choreograf nun am Opernhaus Zürich überarbeitet und neu einstudiert.

Das künstlerische Ich

Zu Beginn fahndet hier ein Mann in rastlosen Suchbewegungen gleichsam nach seinem künstlerischen Ich, und mit dieser nervösen Bewegungssprache gibt Goecke auch gleich seine tanzsprachliche Visitenkarte ab. Es erscheint Terpsichore (Katja Wünsche), um ihre Inspiration weiterzugeben.

Wenn danach zu Chopins Klavierkonzerten und Debussys „Prélude à l’Après-Midi d’un Faune“ (Adrian Oetiker und die Philharmonia Zürich unter Pavel Baleff) wesentliche Bezugspersonen im Leben von Nijinski wiederauferstehen, dann in pointierter Form und so, dass auch Allgemeingültiges hervorkeimt.

Nijinski (Jan Casier) und sein Entdecker Djaghilew (William Moore, hinten).
Nijinski (Jan Casier) und sein Entdecker Djaghilew (William Moore, hinten). | Bild: Carlos Quezada

William Moore zeichnet den Theaterunternehmer Sergei Djaghilew, Gründer und Leiter der berühmten „Ballets Russes“, karikierend als weltläufigen und eingebildet-autoritären Gecken. Irmina Kopaczynska tanzt Nijinskis fürsorgliche Mutter.

Nijinski, den bei der Premiere Jan Casier hingebungsvoll und federnd-elastisch gibt, hat einen erotischen Traum von einem Freund (Yannick Bittencourt), der in die Interpretation des triebhaften Fauns bei Debussy überführt wird. Und auch für dieses Erwachen der (Homo-)Sexualität erweist sich Goeckes zittrig-flattrige Körpersprache, bei der Arme und Hände in Daueraktion sind, als sehr geeignet.

Nijinski versinkt im Irrsinn

Rekordkurz und bildkräftig wird gezeigt, dass die Verbindung zwischen der von Mélanie Borel gegebenen Romola und Nijinski zu einem Bruch führt mit Djaghilew, dem Entdecker, Förderer und jahrelangen Liebhaber von Nijinski: Rabiat wischt Borel den auf Casiers Kopf gesetzten Hut von Djaghilew weg. Schließlich deutet Goecke an, wie Nijinski im Irrsinn versinkt.

Auch wie Windmühlenflügel lässt der Choreograf manchmal die Arme kreisen. Plötzlich stöhnen, keuchen, zischen, hecheln die Tänzer. Mark Geilings spult am Mikrofon in gehauchtem Ton biografische Daten ab.

Die wichtigsten Bühnentriumphe von Nijinski werden knapp zitiert – auch etwa mit Elfenflügelchen oder Rosenblättern (Ausstattung: Michaela Springer). Nach gut 80 Minuten ist in Zürich Schluss – und damit Zeit für Beifall.

Die nächsten Aufführungen des Balletts "Nijinski" finden am 17., 21., 22., 24., 29. und 30. März 2019 am Ballett Zürich statt. Karten und weitere Informationen finden Sie hier.

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