Traumziel der Theater-Intelligenzija ist seit jeher eines von Anton Tschechows fernen Landgütern im zaristischen Russland. Hier lässt es sich über Weltverbesserung plaudern und verzweifelt lieben, bis Revolution und Handelskapital alle Illusionen hinwegfegen.

Regisseur Peter Stein lieferte die berühmtesten Tschechow-Inszenierungen und Luc Bondy die zartesten. Der junge Regisseur Simon Stone (32) verblüfft nun am Theater Basel mit seiner radikal runderneuerten Textfassung von „Drei Schwestern“: weg von Tschechow, um ihm ganz nah zu kommen – ein Kabinettstück sondergleichen.

Vom Theater Basel kommen dieser Tage drei Erfolgsmeldungen. Der neue Intendant Andreas Beck findet die Besucherzahlen seiner ersten Saison „super“. Obwohl die Spielzeit wegen der Sanierung des Theaters um sechs Wochen kürzer war, sind die Besucherzahlen nur leicht gesunken. Zweitens zeigt sich die Fachpresse begeistert: In der Oper wurde Lydia Steigers Stockhausen-Inszenierung „Donnerstag aus ,Licht’“ zur besten Aufführung des Jahres gewählt und im Schauspiel „John Gabriel Borkman“ in der Regie von Simon Stone. Drittens geht Stones Erfolgsserie weiter. Wer sehen will, was eine kluge und radikale Klassiker-Aktualisierung vermag, der ist im Basler Schauspielhaus bei den „Drei Schwestern“ richtig – auch dank des vorzüglich aufeinander eingespielten Ensembles. Die Schauspieler sind ausschlaggebend für Tschechows handlungsarme Beziehungsdramen.

Lizzi Clachan hat ein zweistöckiges Architektenhaus aus viel Glas und Holz auf die Drehbühne gestellt. Hier trifft sich die urbane Digital-Generation zum Chillen, Grillen und Feiern; im Gepäck haben sie jede Menge Alkohol und Fressalien. Die Handys funktionieren störungsfrei, über die seelischen Verstörungen plaudert man sich zunächst hinweg. Man feiert den 20. Geburtstag der jüngsten Schwester Irina (Liliane Amuat). Was Tschechow an Konflikten anlegte, übersetzt Simon Stone kongenial in die Gegenwart: den Willen und die Unfähigkeit zum Aufbruch. Irina ist voll für die Flüchtlingshilfe, hält es aber im Welcome-Center nicht aus und verpasst ihren Einsatz, weil sie gerade die Fernsehserie „Transparent“ gucken muss. Die mittlere Schwester Mascha (Franziska Hackl) wettert gegen die „schlappschwänzige Heuchelei“ der Alt-68er; statt zu ihrem Lehrergatten will sie am liebsten mit ihrem Nachbarn nach New York durchbrennen.

Hier will niemand mehr „nach Moskau, nach Moskau“ – und auch Berlin ist nicht mehr das, was es einmal war, seitdem es dort nur noch Starbucks und „Souvenirläden mit Ampelmännchen“ gibt. Die älteste Schwester Olga (Barbara Horvath) ist lesbisch und klagt: „Warum mussten wir nur, verdammt noch mal, erwachsen werden?“ Die Asche ihres Vaters zu verstreuen, das schaffen sie nie und nimmer. Sie tummeln sich lieber in ihrer Second World, in ihrem künstlichen Terrarium hinter Panoramascheiben, zu hören via Mikroport.

Von den Männern ist – wie bei Tschechow – keine Hilfe zu erwarten. Nicht einmal Militärs gibt es. Was bleibt, ist der versoffene Arzt Roman (Roland Koch). Er schwört auf den Poststrukturalisten Baudrillard und hat im Schlaflabor verpennt, dass Donald Trump Präsident ist. Viktor (Simon Zagermann) schaut sich Enthauptungen auf Dschihadisten-Videos an. Für Nikolai (Max Rothbart) ist die Apokalypse attraktiv, er gibt sich die Kugel – „Scheiß auf mein langweiliges Leben“. Maschas undurchsichtiger Geliebter Alex (Elias Eilinghoff) kneift, wenn es nach New York gehen soll. Ihr Gatte Theo (Michael Wächter) ist ein „scheiß empathischer Frauenversteher“, doch nach der Trennung hat er „Lust auf Experimente“. Am nettesten ist noch der schwule Herbert (Florian von Manteuffel); er pflegt via App seine Männerkontakte und kümmert sich um den Weihnachtsbaum.

Ein Muster an Realitätsverleugnung ist der Bruder der drei Schwestern. Andrej (Nicola Mastroberardino) will die Super-App „Historical Streetview“ entwickeln, ist aber permanent auf Droge und behauptet ebenso permanent, dass er clean sei. In den künstlichen Welten von Selbstbetäubung und Lügen lebend, verzockt er beim Online-Poker das Familienerbe. Gewinnerin bleibt seine nölige Frau Natascha (Cathrin Störmer). Sie angelt sich einen reichen Mann und reißt sich das Haus unter die gelackten Fingernägel. Ihr Traum: goldene Fenster wie im Trump-Tower.

Banales und Tiefsinn wechseln. Man liebt und entliebt sich. Alle spielen auf Tempo, Schnitt, Gegenschnitt. Das Glashaus dreht sich wie diese Mittdreissiger um die eigene Achse, nur weiter, weiter im rasenden Stillstand. Tschechow on Speed, Seele auf Eis, traurig, witzig, verzweifelt. Jubelnder Applaus.

Weitere Vorstellungen von "Drei Schwestern" gibt es am 14., 15., 20., 23. und 27. Dezember 2016 sowie am 1., 7. und 21. Januar 2017. Informationen und Karten im Internet auf www.theater-basel.ch