Es gibt Alb- und andere Träume, aus denen erwacht man nur schwer. Wenn schon draußen vor der Tür die Musik eines Leierkastens dudelt und den Wehrlosen lockend über die Schwelle ins Reich des Unterbewussten zieht.

Wenn drinnen im Zauberland der Spuk weitergeht, allerlei kurioses Volk über Böden und Treppen huscht, Blasmusik und andere Klänge aus Akkordeon, Schlagwerk und diversen Instrumenten tönen und sich zur dröhnenden Kakophonie verdichten, wie auf dem Rummelplatz oder in einem Bierzelt. Dann ist der Weg nicht weit „Ins Kristall“.

Glaswände und Spiegel bestimmen das Bühnenbild der Inszenierung von „Der goldene Topf“.
Glaswände und Spiegel bestimmen das Bühnenbild der Inszenierung von „Der goldene Topf“. | Bild: Monika Rittershaus

Ein Motiv, das einen im Stuttgarter Schauspiel bis in den Theaterraum verfolgt, sich dort auf der Bühne breitmacht, Darsteller und Gesten magisch bricht und vervielfältigt. Willkommen in der Romantik-Zauberwelt des vielfach mit Preisen ausgezeichneten Regisseurs, Bühnen- und Kostümbildners, Grafikers, Malers und zweifachen documenta-Teilnehmers Achim Freyer.

Und willkommen zur Aufführung von „Der goldene Topf“, die sich in Freyers Auffassung nicht nur deshalb von E. T. A. Hoffmanns Novelle „Der goldne Topf“ (1814) unterscheidet, weil sie im Titel einen Buchstaben mehr hat und aus dem „Märchen aus der neuen Zeit“ eines „aus der neuesten Zeit“ macht.

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Der 85-jährige Freyer hat die Erzählung um den Studenten Anselmus, der zwar mit aufgeklärtem Verstand ausgestattet ist, ansonsten aber ein Pechvogel und Außenseiter mit Hang zum Wunderbaren, einmal durch den Kristall aus Glaswänden und Spiegeln gedreht und neu zusammengesetzt.

Geblieben sind die zwölf Nachtwachen, die das nicht abwendbare Schicksal des Helden begleiten und besiegeln. Und irgendwie noch vorhanden ist auch die ursprüngliche Geschichte, in der Anselmus der bürgerlichen Ehe mit Veronika entsagt und stattdessen mit der verführerischen Schlangenfrau Serpentina ins sagenhafte Atlantis entflieht.

Ein goldener Topf als Lohn

Man kann es ihm nicht verdenken: Hat sie dem zum Dichter Avancierten doch einen goldenen Topf als Lohn versprochen. Aber: Trotz der zwölf Kapitel als Rahmen schafft es Freyer, der Grenzgänger zwischen bildender und darstellender Kunst, dass die Handlung wie im Traum immer wieder entgleitet, dass sich die Figuren dem festen Zugriff entwinden und einfach nicht zu fassen sind: Keinem der neun Darsteller ist ein fixer Charakter zuzuordnen.

Sie sind Braut und Bräutigam, Ballerina, Clown und Micky Maus, Wurzelsepp, Kellner, Teufel und Totengräber, tragen Tiermasken, Kaffeekanne, Fliegenpilz oder ein Klavier auf dem Kopf. Sie lassen goldene Kugeln auf die Bretter prasseln, malen Schlangenlinien auf die Glasscheiben, über die Irrlichter, ein apokalyptischer Reiter und eine Szene aus dem Disney-Trickfilm „Cinderella“ flackern.

Auf der Bühne des Schauspielhauses geht es schrill-bunt zu.
Auf der Bühne des Schauspielhauses geht es schrill-bunt zu. | Bild: Monika Rittershaus

Sie ziehen einen Wolf aus Pappmaché und einen ausgestopften Bären hinter sich her, lassen anderes Getier, vom Froschkönig bis zur Gans mit Messer und Gabel im Rücken, über die Bühne huschen, explodieren und im Bühnenhimmel verschwinden. Sogar ein echter Hund läuft über die Rampe.

Freyer, der bei dieser Inszenierung nicht nur Regie führt, sondern natürlich auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, hat bei seinem Streifzug durch die Requisite alles mitgehen lassen, was ihm passend erschien. Auf der Drehbühne zieht das schrill-bunte Panoptikum aus Wunder, Wahn und Wirklichkeit jetzt wie in einem LSD-Trip zu psychedelischen Klängen am Auge des Zuschauers vorbei.

Fantastische Bühnenwelt

Dramatisch agierendes Theater ist wenig. Freyer, der Meisterschüler Bertolt Brechts, verlegt sich aufs Episch-Referierende und schafft mit lyrisch-poetischen Momenten, mit Pantomime, gestischem Ausdruck und schwereloser Choreografie zwischen Mensch und Puppe eine fantastische Welt zwischen Glück und Untergang, in der Anselmus am Himmelfahrtstag als Marionette gen Schnürboden entschwebt.

Für exakt 75 Minuten – die einzige Begrenztheit an diesem audiovisuell überbordenden Abend – ist Freyer aus einem anderen Orbit herabgestiegen, um zu erfreuen. Nicht zuletzt sich selbst: Mit einem blauen und einem gelben Schuh bekleidet, huscht er bei der Premiere so bunt wie seine Erfindung über die Bühne und lockt alle Mitwirkenden aus seinem Feenreich ins Licht, bevor er wieder in seine eigene Umlaufbahn eintaucht. Die Geisterstunde ist vorbei. Der Spuk ist zu Ende.

Weitere Aufführungen von „Der goldene Topf“ gibt es am 31. Mai 2019 sowie am 8., 20. und 21. Juni im Schauspielhaus Stuttgart. Alle Infos dazu finden Sie hier.

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