Nein, die deutschen Kicker haben uns wenig Freude bereitet bei der diesjährigen Fußball-Weltmeisterschaft. Doch es gibt ja noch andere Facetten einer solchen Veranstaltung als nur das Zählen von Toren und Gelben Karten. Zum Beispiel: Musik.

Selten wird so viel gesungen wie während eines Fußball-Turniers. Ob die Nationalhymne vor Spielbeginn, die Fangesänge im Gästeblock oder die WM-Songs im Radio: Die Weltmeisterschaft war auch diesmal wieder ein akustisches Ereignis.

Trompeten gehören zu den beliebten Instrumenten der Fußballfans. Hier bläst ein Fan der kroatischen Nationalmannschaft zum Angriff.<br /><em>Bild: dpa</em>
Trompeten gehören zu den beliebten Instrumenten der Fußballfans. Hier bläst ein Fan der kroatischen Nationalmannschaft zum Angriff.
Bild: dpa | Bild: He Canling

Hitzige Diskussionen

Vor allem die deutsche Nationalhymne sorgte wieder für hitzige Diskussionen. Warum singt dieser mit, jener aber nicht? Wieso schauen alle immer drein, als wollten sie währenddessen am liebsten im Boden versinken? Und weshalb muss man überhaupt mitträllern?

Die Sangesscheu der Fußballer wird im Jahr 2018 kritischer gesehen als es angebracht ist. Denn so, wie es bis 2006 keineswegs üblich war, dass sich in den Wochen der WM ganze Straßenzüge in ein Farbenmeer aus Schwarz-Rot-Gold verwandeln, so war es lange Zeit auch nicht üblich, die deutsche Nationalhymne mitzusingen. 1974 hielten auch Franz Beckenbauer und Gerd Müller ihren Mund.

Nur nicht mitsingen: Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein im Juli 1974 vor dem Spiel gegen die Niederlande. <em>Bild: dpa</em>
Nur nicht mitsingen: Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Rainer Bonhof, Bernd Hölzenbein im Juli 1974 vor dem Spiel gegen die Niederlande. Bild: dpa | Bild: Karl Schnörrer
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Ton gewordene Nationalflagge

Die Hymne ist so etwas wie die Ton gewordene Nationalflagge. Und Symbolen dieser Art begegnete man in den Siebziger- und Achtzigerjahren mit Skepsis. Nicht nur wegen der Erinnerung an Zeiten, in denen die Überbetonung des Nationalen zu schrecklichem Unheil führte. Anstatt ohne eigenes Zutun zu irgendeiner Gruppe zu gehören, wollte man lieber Individuum sein und die Eigenständigkeit betonen.

Erst nach der deutschen Wiedervereinigung stieg die Bereitschaft zum Mitsingen. Und heute erwarten viele Menschen, dass die Nationalspieler auch ihre Hymne mitsingen. Wer das nicht tut, fällt auf – so wie Mesut Özil, dem damit auch ein fehlendes Bekenntnis zur Nation unterstellt wird. Da kann er noch so oft behaupten, er bete während der Nationalhymne für den Sieg.

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Fans der deutschen Fußball-Nationalmannschaft singen die deutsche Nationalhymne. | Bild: Oliver Zimmermann

"Reaktion auf Bedrohungen"

Warum aber ist es vielen so wichtig, dass die Spieler auf dem Platz die Nationalhymne auch wirklich mitsingen? Ulrich Schmidt-Denter, Professor für Psychologie an der Universität Köln, begründet das so: „Der Wunsch nach dem Nationalen ist eine Reaktion darauf, dass man globale Bedrohungen stärker wahrnimmt als früher. Das ist ja derzeit überall auf der Welt zu beobachten. Und auf Bedrohungen reagiert der Mensch mit Zusammenhalt.“

Er sucht nach nationaler Identität: „Der Nationalstaat repräsentiert sich ja wie eine Familie: Man gehört zusammen“, sagt Schmidt-Denter. Um diese sinnbildliche Verwandtschaft herzustellen, braucht man gewisse Symbole wie die Flagge oder eben die Nationalhymne. Sie hat einen besonders hohen Stellenwert, weil Musik stärker an die Emotionen heranreicht als etwa die Verfassung.“

Singen, trommeln, jubeln: Blick in die Fankurve
Singen, trommeln, jubeln: Blick in die Fankurve | Bild: imago sportfotodienst

Austauschbare Melodien

Dabei wirken viele Nationalhymnen, wenn man ihre Ursprünge betrachtet, wie aus der Zeit gefallen. Entweder sind es Hymnen an einen Monarchen – wie etwa die britische Hymne. Oder sie haben einen militärischen Ursprung und sind Kriegslieder wie die französische Marseillaise oder das US-amerikanische „Star-Spangled Banner“.

Dass sie mit den Menschen, die sich mit ihr identifizieren, in der Regel wenig zu tun haben, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Hymnen austauschbar sein können: Die Melodie der deutschen Nationalhymne wurde von Joseph Haydn 1797 komponiert – als österreichische Kaiserhymne auf den Text „Gott erhalte, Franz den Kaiser.“ Haydn soll sich dafür von einem kroatischen Volkslied angeregt haben lassen. Er verwendete die Melodie auch in einem Streichquartett, das später den Namen „Kaiserquartett“ erhielt. 120 Jahre blieb das Kaiserlied in Österreich. Erst nachdem es mit dem Untergang der österreichischen Monarchie als deren Symbol ausgedient hatte, recycelte Reichspräsident Friedrich Ebert es als Nationalhymne Deutschlands.

Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (rechts) singt gemeinsam mit seinem Trainerstab die Nationalhymne. Wann wird schon mal so viel gesungen wie bei einer WM? <em>Bild: dpa</em>
Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (rechts) singt gemeinsam mit seinem Trainerstab die Nationalhymne. Wann wird schon mal so viel gesungen wie bei einer WM? Bild: dpa | Bild: Owen Humphreys

"God save the Queen"

Und was sangen die Deutschen, während in Österreich ihre spätere Hymne erklang? Eine offizielle Hymne gab es nicht, aber man sang gerne das Lied „Heil dir im Siegerkranze“, ab 1871 auch deutsches Kaiserlied genannt. Die Melodie stammte aus England – dort dient sie noch heute mit dem Text „God Save the Queen“ als Nationalhymne. Übrigens benutzt auch Liechtenstein diese Melodie als Nationalhymne auf den Text „Oben am jungen Rhein.“ Töne, so scheint es, sind wie Schall und Rauch.