Was wäre eine Fußball-Weltmeisterschaft ohne Radiohit? Richtig: Einfach nur eine Fußball-Weltmeisterschaft. Und mit Blick auf die musikalischen Erzeugnisse der vergangenen Jahrzehnte wäre das vielleicht gar nicht mal so schlecht. Denn seien wir ehrlich: Hochwertiges kam selten heraus, wenn Popstars sich dazu hinreißen ließen, dem Tanz um den goldenen Ball mit einer eigenen Komposition zu huldigen. Ganz abgesehen davon, dass sich schon längst nicht mehr unterscheiden lässt, was ein offizieller WM-Song ist und was ein inoffizieller, welchen die Fifa sich ausgesucht hat, welchen dagegen die ARD und was derweil im ZDF so läuft.

"El Rock del Mundial"

Recht gelungen war ja noch der erste bekannte Musikbeitrag der WM-Geschichte, auf den Markt gekommen zum Turnier 1962 in Chile. „El Rock del Mundial“ hieß er, gespielt wurde er von „Los Ramblers“: ein knackiger Rock’n’Roll im Stil von Buddy Holly oder Chuck Berry. Und rührend naiv mutete die Polin Maryla Rodwiczs an, als sie 1974 zur Eröffnungsfeier in München ihren Schlager „Futbol“ trällerte. Über die Sangeskünste deutscher Nationalspieler unter Anleitung von Udo Jürgens (erinnern Sie sich noch an „Mexico mi amor“ 1986?) sei an dieser Stelle der Mantel des Schweigens gelegt.

"Zeit, dass sich was dreht"

Richtig schlimm aber wurde es, als profesionelle Künstler damit anfingen, für die Fankurve zu schreiben statt bloß für die Fifa. Placido Domingo war 1982 der erste. So inbrünstig und eingängig, wie er „El Mundial“ intonierte, schien es, als hoffe er ernsthaft, das Publikum würde es ihm im Stadion gleichtun. Übertroffen wurde diese Anbiederung an den Fangesang bislang nur von Herbert Grönemeyer 2006: „Olé, olé, olé... Zeit, dass sich was dreeeht, was dreheeehet, was dreheeehet...“

"Fans lassen sich ungern Lieder verordnen"

Kein einziges dieser Auftragswerke hat es je ins Liederbuch der Fans geschafft. „Fans lassen sich ungern Lieder verordnen“, erklärt der Musikhistoriker Guido Brink, der sich mit der Kultur des Fangesangs wissenschaftlich auseinandergesetzt hat im Interview mit dem Magazin „Kulturwest“. Außerdem passe nicht jedes dieser Lieder zu den musikalischen Fähigkeiten des durchschnittlichen Stadionbesuchers: Beim eingestrichenen f versagt beim männlichen Gelegenheitssänger meist schon die Stimme. Geht es höher, muss er auf Kopfstimme umschalten. Das aber klinge eunuchenhaft, sagt Brink: „Also genau so, wie sich ein Fan nicht anhören möchte.“

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Kinderlieder als Vorbild

Wer einen Hit fürs Stadion schreiben möchte, dem rät der Experte deshalb, sich an Kinderliedern zu orientieren. Gerade Taktart, Dur-Tonart, gemächlich vor sich hin leiernde Melodie: Dann klappt’s auch mit dem Fan. Wie sieht das aus beim aktuellen WM-Song „Live it up“ von Nicky Jam, Will Smith und Era Istrefi? Der Refrain ist auf ein banalstes „Oooh Ooooooh“ eingedampft, das sich in mittlerer Tonlage lediglich über eine Quint erstreckt. So was kann auch der gemeine Fußballfan noch schaffen.

"Ein Hoch auf uns"

Vielleicht kommt es auf die Fantauglichkeit aber auch gar nicht mehr an. „Ein Hoch auf uns“ reiht ganz simpel Schlagworte der Bierseligkeit aneinander („Ein Hoch auf uns / Auf dieses Leben / Auf den Moment / Der immer bleibt / Ein hoch auf uns / Auf jetzt und ewig / Auf einen Tag / Unendlichkeit...“). In einer Fankurve hat man den Song zwar bis heute zu nicht hören bekommen. Zu kompliziert ist der Refrain, zu verschlungen die Melodie.

Richtiges Rezept kann einfach sein

Und doch hat Bourani richtig spekuliert: Sobald sich zu diesem penetrant vorgetragenen Prosit noch der visuelle Eindruck deutscher Tore gesellt, muss das Publikum sein Liedchen auf ewig mit dem wohligen Gefühl des Triumphs verbinden – erst recht in diesen Tagen nach dem trostlosen Ausscheiden der deutschen Elf. Das richtige Rezept für einen erfolgreichen WM-Song kann sehr einfach sein.

Die Lieder zum Turnier

Von den Fantastischen Vier bis zu Max Giesinger: In diesem Jahr haben sich besonders viele Musiker an einem eigenen Lied zur Fußball-Weltmeisterschaft versucht. Wir stellen eine Auswahl vor.

  • „Zusammen“ von den Fantastischen Vier und Clueso: Die flockig-fröhliche Freundschaftsnummer ist der offizielle WM-Song des DFB. Es ist ein Lied, dass sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ihm niemand böse sein kann. Vor allem die ARD nudelt es in diesen Wochen während ihrer Übertragungen so lange durch, bis Doktor Müller-Wohlfarth kommt. „Bei jedem großen Turnier träumt man davon, einen Fußballhit zu haben“, sagt Smudo von den „Fantastischen Vier“. Dass es jetzt so weit ist, überrascht ihn nicht. „Die Nummer passt.“

    Die Fantastischen Vier | Bild: Jens Kalaene
  • „The Bravest“ von Sir Rosevelt: „The Bravest“ heißt eigentlich „Der Mutigste“. Tatsächlich aber klingt das Ergebnis dieser Nummer wie „Der Bravste“. Lyrisch direkt aus der Phrasenhölle („Yon can be Champion“ und so weiter) stammend, und mit klischeetropfendem „Ohohohoh“ unterlegt, fehlt der Nichthymne jeglicher Charme. Übrigens: Hinter dem Bandnamen „Sir Rosevelt“ steckt der US-amerikanische Countrysänger Zac Brown.

    Bildunterschrift
    Sir Rosevelt | Bild: Steve C. Mitchell
  • „Fluchtlicht“ von Adel Tawil: Ganz tief in die Kiste mit den „ooohh ohhhs“ hat auch der deutsche Songwriter (bekannt als Teil des Duos „Ich + Ich“) gegriffen. Der Beitrag des Berliners tropft vor Klischees und ist deshalb wenig weltmeisterlich. Mit dem üblichen Pathos in der Stimme knödelt sich Tawil durch einen seltsamen Refrain: „Das Fluchtlicht um uns brennt, denn das ist unsere Zeit/ wir werden zu Helden, sind stark in Einigkeit / Wir feiern den Moment, denn das ist, was bleibt.“ Alles an diesem Song wirkt klebrig. Und durchkalkuliert.

    ARCHIV – Der Musiker Adel Tawil sitzt am 11.04.2017 in Berlin in einem Sessel. Sein neues Album «So schön anders» erscheint am 21. April 2017 über das Label Island (Universal Music). (zu dpa «Adel Tawil: "Ich bin froh, am Leben zu sein"» vom 18.04.2017) Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa – Bildfunk+++
    Adel Tawil | Bild: Britta Pedersen
  • „Legenden“ von Max Giesinger: Wie schon mit „80 Millionen“ vor zwei Jahren grätscht der 29-Jährige von hinten in die Beine der offizielleren Beiträge. Giesingers neue Single ist nämlich gar kein richtiger WM-Song, er wird nur zufällig kurz vorm Turnier veröffentlicht und ist nur zufällig voller Traumtor-in-der-119.-Minute-Sätze wie „Suchen den Moment, wo alles stimmt / Wir für einen Augenblick Legenden sind“. (Steffen Rüth)

    Max Giesinger
    Max Giesinger | Bild: Uwe Anspach (dpa)