Wenn im Kino dieser Tage Frauen gefragt sind, die unbeirrt ihren Weg gehen, dann ist Jessica Chastain meist nicht weit. Ob als Lobbyistin in „Die Erfindung der Wahrheit“ oder als Veranstalterin illegaler Poker-Abende in „Molly’s Game“ – immer ist die zweifach Oscar-nominierte Schauspielerin zur Stelle, um sich auf eigene Faust in von Männern dominierten Milieus durchzusetzen. Ihr neuer Film passt in diese Reihe, wie schon der Titel „Die Frau, die vorausgeht“ erkennen lässt.

Basierend auf wahren Ereignissen erzählt Regisseurin Susanna White, die fürs Kino zuletzt die John Le Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ inszenierte, die Geschichte von Catherine Weldon (Chastain). In den 1890er Jahren bricht die Malerin nach dem Tod ihres Mannes aus ihrer behüteten Existenz in New York ganz allein nach Westen auf. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, in Dakota den Stammeshäuptling Sitting Bull (Michael Greyeyes) zu porträtieren, der lange Zeit auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher des Landes geführt wurde. Nicht nur das Militär vor Ort, allen voran Colonel Silas Grove (Oscar-Gewinner Sam Rockwell), rät Weldon dringend von ihrem Vorhaben ab. Doch die gleichermaßen kämpferische wie naive Frau lässt sich von dem Plan nicht abbringen und knüpft tatsächlich Kontakt zum Oberhaupt der Hunkpapa-Lakota-Sioux. Nach anfänglichem Misstrauen und Berührungsängsten kommen die beiden sich menschlich immer näher und werden zu freundschaftlichen Verbündeten.

Schon seit geraumer Zeit rücken Neo-Western auch die Perspektive der Ureinwohner ins Zentrum, doch sie dabei auch zu den alleinigen Protagonisten ihrer Geschichten zu machen, traut sich noch immer kaum jemand. Ähnlich wie zuletzt etwa in „Hostiles“ ist also auch in „Die Frau, die vorausgeht“ eine weiße Figur Dreh- und Angelpunkt des Geschehens, was den Film bedauerlicherweise immer wieder in die Nähe von klischeebehafteten Erzählungen rückt, in denen es stets einen weißen Helden braucht, der die Minderheit „rettet“.

Dass es sich hier dabei um eine Frau handelt, die ihrerseits im späten 19. Jahrhundert eine gesellschaftlich unterdrückte Außenseiterin war, gewinnt der Sache immerhin eine interessante emanzipatorische Facette ab. Und Weldon ist ohne Frage eine spannende Protagonistin. Weil man Chastain in dieser Rolle und vor allem Michael Greyeyes als ihrem Counterpart unglaublich gerne zusieht und Kameramann Mike Eley beeindruckende Bilder auf die Leinwand zaubert, ist man dann doch gewillt, die Schwächen von „Die Frau, die vorausgeht“ zu ignorieren.

Abspann

Regie: Susanna White

Darsteller: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell, Ciarán Hinds

Produktionsland: USA 2017

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Fazit: Feministisch angehauchter Western mit guten Hauptdarstellern