Machen wir uns nichts vor, auch unsere Gesellschaft kennt den Begriff der Ehre. Zwar hat sein Ruf aus historischen Gründen stark gelitten, weshalb kaum jemand heute noch der Idee verfällt, öffentlich auf „Ruhm und Ehre“ zu pochen oder gar im Namen der Ehre Politik zu betreiben. Vor allem die dünkelhaften, dunklen Seiten der Ehre haben wir gelernt, anderen Kulturkreisen zuzuschreiben – etwa den Extremfall Ehrenmord.

Gesellschaft ohne Ehrgefühl ist Illusion

Gerade die bisweilen hysterisch geführten Debatten um Stilfragen in jüngerer Zeit zeigen jedoch, wie viel Selbstbetrug hinter diesen Zuschreibungen steckt. Denn unter dem Deckmantel der Liberalität ist die Ehre längst mit Macht zurückgekehrt, allein die Begriffe haben sich gewandelt: Statt Ehre sagen wir Integrität, und was einst ehrabschneidend war, ist heute diskriminierend. Eine Gesellschaft ganz ohne Ehrgefühl erweist sich zunehmend als Illusion. Was macht das mit uns?

"Bernarda Albas Haus"

Die Literatur kennt viele Antworten, Konflikte um die Ehre sind der klassische Bühnenstoff schlechthin. In Stuttgart hat nun Calixto Bieito einen spanischen Klassiker inszeniert. Federico García Lorcas Tragödie „Bernarda Albas Haus“ trägt die Ehre schon im Titel: Alba bedeutet Weiß, und um genau diese Reinheit ist die betagte Hauptfigur eifrig bemüht.

Nicole Heesters ist Bernarda Alba.
Nicole Heesters ist Bernarda Alba. | Bild: Thomas Aurin

Fünf Töchter hat sie, allesamt unschuldig, unberührt. Wenn sie überhaupt jemals einen Mann bekommen sollen, dann muss es schon ein Märchenprinz sein: Von den Dorftrotteln jedenfalls darf allenfalls der beste unter ihnen, Pepe el Romano, sich blicken lassen. Ihm ist die älteste Tochter Angustias versprochen. Alle anderen verbringen den Tag mit Sticken und Nähen im Haus. W, wer dabei nicht spurt, bekommt den Gürtel der Alten zu spüren. Tugendterror im Haus der Reinheit.

Sittsamkeit hat oberstes Gebot in Bernarda Albas Haus.
Sittsamkeit hat oberstes Gebot in Bernarda Albas Haus. | Bild: Thomas Aurin

In Stuttgart beginnt der Horror mit seinem Ende: Vor einer bühnenhohen, strahlend weißen Rückwand (Bühne: Alfons Flores) baumelt die jüngste Tochter Adela erhängt am Strick, laut tönt dazu die Totenglocke. Die alte Magd Poncia (Anke Schubert) beklagt bitterlich weinend das Schicksal der Kinder.

Bild: Thomas Aurin

Mit dieser gespenstischen Einstiegsszene markiert Regisseur Bieito die Vorahnung des Todes als Grundschwingung eines Familienalltags. Er zeigt sich in den schwarzen Trauergewändern der Witwe Bernarda Alba und ihrer Töchter. Er zeigt sich aber auch in der strengen Sittsamkeit, mit der sie bald zu Tisch sitzen: Jedes Lachen, jedes Sprechen gilt als potenzieller Angriff auf die Würde der Familie.

Aufs Äußere bedacht

Bernarda (Nicole Heesters) ist aufs Äußere sehr bedacht, auf ihr eigenes wie auf das ihres Umfelds. In ihrem Habitus vereinen sich Dünkel, Herrschsucht und Absturzangst. Wenn es drauf ankommt, peitscht sie ihren Töchtern die Moral auch schon mal mit dem Gürtel ein. Wichtiger als deren Zuneigung ist ihr, dass die gute Ordnung gewahrt bleibt, nach innen, vor allem aber nach außen. „Mit euren Gefühlen geb‘ ich mich nicht ab“, sagt sie: „Aber ich will, dass ihr nach außen hin gute Miene macht!“

Poncia (Anke Schubert, rechts) versucht vergeblich, Einfluss auf Bernarda (Nicole Heesters) zu nehmen.
Poncia (Anke Schubert, rechts) versucht vergeblich, Einfluss auf Bernarda (Nicole Heesters) zu nehmen. | Bild: Thomas Aurin

Wenn sie denn überhaupt einmal nach außen kämen: Die Wahrheit ist, dass die Töchter in ihrem Haus lebendig begraben sind. Eingesperrt in ihren vier Wänden dürsten und lechzen sie förmlich nach Leben. Ihr ganzes Reden und Denken dreht sich um nichts als die Sünde schlechthin: Männer. Sie sind nie zu sehen und doch allgegenwärtig in diesem Stück, als beständige Gefahr und Verheißung zugleich.

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Die Ehre erweist sich als Gefängnis: Nichts hält eine Seele fester im Griff als ihre Selbstkonditionierung. Gerade weil die Mädchen am eigenen Leib die Verlockungskraft der Sünde kennen, wenden sie die mütterlichen Moralvorstellungen umso konsequenter selbst an. „Schlagt sie tot!“, rufen sie, als Poncia von einer unglücklichen jungen Kindsmörderin aus dem Dorf erzählt.

Jede gegen jede: So lautet die Devise der fünf Töchter.
Jede gegen jede: So lautet die Devise der fünf Töchter. | Bild: Thomas Aurin

Die Sicherheitslücke in diesem Knast lautet Pepe. Dass Angustias (Josephine Köhler) ihn empfangen darf, bringt ihr den Neid der Schwestern ein. Schon bald macht sich Adela (Nina Siewert) an ihn heran, was wiederum den Argwohn von Martirio (Paula Skorupa) hervorruft. Es dauert nicht lange, da sprühen die zu klösterlicher Harmonie verdammten Frauen vor Hass und Missgunst. Wohin das führt, wissen wir bereits: Von mütterlicher Gewalt und geschwisterlichem Neid in die Enge getrieben, nimmt sich die junge Adela das Leben. Ein Selbstmord im Namen der Ehre.

Großartiges Schauspielertheater

Es ist großartiges Schauspielertheater, das diesem Stoff einen packenden Psychothriller abgewinnt. Vor allem Josephine Köhler, Nina Siewert und Paula Skorupa beeindrucken als fatales Trio, das im Kampf um den einen potenziell verfügbaren Mann den von der Mutter auferlegte Ehrbegriff immer wieder raffiniert umzudeuten versteht.

Schwarze Energie

Über alle Maßen beeindruckend aber ist Nicole Heesters. Die 82 Jahre alte Schauspielerin zeigt eine von schwarzer Energie getriebene Despotin, die in ihrer unerbittlichen Konsequenz nicht nur den Töchtern Angst macht, sondern sogar das Publikum vergessen lässt, dass hier nur eine fiktive Figur auf der Bühne steht – wie immer wieder empörte Ausrufe verraten. Allein diese große Schauspielerin erleben zu können, ist ein Theaterbesuch wert.

Kommende Vorstellungen: am 24. März sowie am 7., 12. und 19. April, jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Informationen: http://www.schauspielstuttgart.de