Wer keine Kinder hat, ist abgehängt. Der weiß nicht, was in den Schulen los ist. Was wird gelehrt, wie sieht das Geschichtsbild aus, gibt es noch einen Literaturkanon, gemeinsame Werte? Keine Ahnung. Lehrer gelten als Weltfremde, die, kaum der Hochschule entronnen, in die Schule zurück flüchten, statt sich in der freien Wirtschaft zu bewähren.

In Wirklichkeit ist Lehrer der wichtigste aller Berufe, schon allein deshalb, weil jeder von uns einmal Lehrerinnen und Lehrer hatte. Untersuchungen ergaben: Pädagogische Reformen, Didaktik und Methodik sind zweitrangig, das Wichtigste ist die Persönlichkeit des Lehrers.

Auf die Persönlichkeit kommt‘s an

Ob der Lehrer für sein Fach begeistern kann, ob er alle gleichwertig und gerecht behandelt, ob er sich einfühlen kann – und ob er authentisch ist. Jugendliche wittern schnell, wenn ein Lehrer keine Substanz hat. Von Heinrich Manns „Professor Unrat“ (1905) bis zum Film „Fack ju Göhte“ (2013): Es zählt die Persönlichkeit der Lehrer.

In China sind Lehrer am meisten angesehen, in Israel am niedrigsten – das weiß der sogenannte „Global Teacher Status Index“, der weltweite Lehrerstatus-Index. Bei der Missachtung des Lehrerberufs liegen die Schweiz und Deutschland ganz vorne. Alle anderen europäischen Länder schätzen den Lehrerberuf weitaus mehr, und das gilt auch für die USA, Ägypten, Neuseeland, Südkorea und die Türkei.

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Umfragen ergaben: Drei Viertel der Lehrpersonen fühlen sich von der Gesellschaft „eher weniger respektiert“. Und sie sind schlechter bezahlt als Leute in der freien Wirtschaft mit vergleichbarem Anforderungsprofil. Berufe, die mit Schwachen zu tun haben, mit Kindern, Jugendlichen, Kranken oder Alten, werden öffentlich gelobt und insgeheim missachtet.

In Spanien und den USA würden immerhin über 40 Prozent ihrem eigenen Kind raten, Lehrer zu werden. In Deutschland sind es lediglich 20 Prozent. Lehrer haben ein schlechtes Image. Ihre gesellschaftliche Geringschätzung trägt Mitschuld am aktuellen Lehrermangel.

Beneidet und verachtet zugleich

Die Nachwuchskrise ist nicht neu. Theodor W. Adorno stellte sie bereits 1977 fest. In seinem überaus lesenswerten Essay „Tabus über dem Lehrberuf“ gibt er umfassend Auskunft über die Vorurteile. Lehrer gelten als Akademiker zweiter Klasse, sie stellen sich nicht der Konkurrenz. Sie werden beneidet wegen ihrer Sicherheit und gleichzeitig deswegen verachtet.

Sie sollen Kindern ihre Eigenarten austreiben und werden dabei selber „starr, verkrampft, und ungeschickt“. Der Lehrer wird von Teenagern umschwärmt, ist aber ein „aus der erotischen Sphäre ausgeschlossenes Wesen“. Eingespannt in eine Kinderwelt gelten Lehrer selber als infantil, Lehrerinnen schon weniger.

Lehrer als Vertreter des Geistigen gelten als Verlierer in einer profitorientierten Welt. Man kann es jedoch auch umgekehrt sehen. Eine Gesellschaft, die Lehrer und Ausbilder missachtet, wird Verlierer in der auf Wissen und Bildung basierenden Zukunftsgesellschaft sein. Lehrer – ein schöner, schwerer, unschätzbar wichtiger Beruf.