Jorge Mario Bergoglio ist der erste Papst, der sich Franziskus nennt, und wer die Brisanz dieser Entscheidung verstehen will, braucht sich nur die Biografie des heiligen Franz von Assisi vorzunehmen. Mit den Tieren soll dieser gesprochen haben, eine Art Urvater der Umweltbewegung gewesen sein – doch das allein ist es nicht. Das Besondere an seinem Leben liegt vielmehr in seiner kritischen, bisweilen gar rebellischen Haltung gegenüber der Kirche begründet. Mancher Historiker sieht in ihm einen Vorläufer Martin Luthers, mit dem Unterschied, dass die Kirche diesen unbequemen Geist noch in ihren Reihen zu halten verstand und ihn nach seinem Tod sogar heiligsprach.

Das Kirchenleben aufgemischt

Als der italienische Theaterautor Dario Fo den heiligen Franziskus 1999 in einem Bühnenmonolog als Gaukler porträtierte, der das schon zu seiner Zeit erstarrte Kirchenleben aufmischte, war das eine raffinierte Provokation: Kamen doch hinter den ironisch gefärbten Anekdoten aus dem 13. Jahrhundert überdeutlich die damals aktuellen Verkrustungen Roms zum Vorschein. Wie aber wirkt das Stück 20 Jahre später, in einer Kirche, deren Papst sich selbst Franziskus nennt?

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Die Antwort auf diese Frage wurde am Freitagabend in einem Konstanzer Gotteshaus gegeben. Nun ist die Christuskirche St. Konrad altkatholisch und damit dem päpstlichen Einfluss ohnehin entzogen. Zudem sollte sich früh zeigen: Was Ende der 90er-Jahre noch provozierend angemutet haben mag, hat sich längst verflüchtigt.

Franziskus im Hoodie

Renate Winkler ist teils Erzählerin, teils Franziskus selbst. Für die ambivalente Rolle hat sie sich – mehr Kapuziner denn Franziskaner – einen grauen Hoodie übergeworfen. In ihm läuft sie monologisierend in der Kirche auf und ab, besteigt mal die Empore, mal die Kanzel, um dann wieder vor dem Altar zu stehen. Das ganze Kirchenschiff als Bühne: ganz schön viel für eine einzige Akteurin.

Renate Winkler als Franziskus in der Konstanzer Christuskirche St. Konrad.
Renate Winkler als Franziskus in der Konstanzer Christuskirche St. Konrad. | Bild: Bjørn Jansen

Sie erzählt vom heiligen Franziskus, wie er die Bürger von Bologna dazu brachte, den Frieden zu wählen statt des Krieges. Und zwar indem er die vermeintlichen Vorzüge des „Hauens, Stechens, Mordens und Plünderns“ auf so überzogene Weise würdigte, dass auch dem Letzten die Absurdität des auf dem Schlachtfeld erworbenen Ruhms bewusst werden musste. Wir erfahren, wie er mit einem Wolf sprach und ihm beibrachte, keine anderen Tiere mehr zu töten (in Hartmut Baums Übersetzung wird aus dem Vegetarier gar ein Veganer). Und wie er sich gegen den anfänglichen Widerstand des Papstes ein Recht auf öffentliches Predigen erstritt.

Nett und harmlos

Das alles ist so nett wie harmlos. Und weil der Hall im sakralen Gemäuer auch noch die akustische Verständlichkeit beeinträchtigt, will die Aufmerksamkeit schon nach wenigen Minuten hart erkämpft werden. Was genau hat Franziskus nach seiner Begegnung mit dem Wolf getan? Und was geschah noch mal danach? Man ertappt sich bei der Vorstellung, die Details notfalls einfach später im Internet nachzuschlagen.

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Eine auf Lässigkeit getrimmte Sprache verleiht dem Ganzen einen eher unangenehmen Ton. Der Papst hat „gerade seine Tage“, des Priors Hunde beißen dem heiligen Franziskus „in die Arschbacken“: Gut möglich, dass bei Dario Fo – umstrittener Literaturnobelpreisträger 1997 – solche Formulierungen zu finden sind. Doch was damals sprachlich subversiv gewesen sein mag, klingt heute nur noch angestrengt.

Aktion im Leerlauf

Das Bemühen um Aktion in diesem Leerlauf ist an diesem Abend (Regie: Axel Krauße) ständig mit Händen greifbar. Renate Winkler spricht schnell mit expressiver Gestik und Mimik, bezieht demonstrativ das Publikum ein, wuchtet sich einen grauen Sack erst über den Kopf und dann auf die Schulter, um Franziskus‘ Tätigkeit als Maurer zu verdeutlichen. Dann wieder greift sie zur Flöte, spielt zu jeder Anekdote ein passendes Motiv („Peter und der Wolf“ zum Beispiel). Doch es nutzt nichts: Der Raum ist zu groß, der Stoff zu weit weg, die Langeweile übermächtig.

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Die Leistung des Franz von Assisi, sagte Dario Fo einmal, habe darin bestanden, das eigentliche Wunder unserer Welt zu beschreiben. Es liege in den scheinbar selbstverständlichsten Dingen verborgen: im Licht, im Wasser, in der Luft. Das Drama unserer Gegenwart besteht darin, dass wir in der irrigen Hoffnung auf noch größere Wunder genau diese Elemente zerstören.

Es lohnt sich also gerade angesichts des Klimawandels, das Wirken des heiligen Franziskus heute wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Hoffnung ist, dass es der Kirche besser gelingt als dem Theater.

Kommende Vorstellungen von „Franziskus – Gaukler Gottes“: am 13. und 26. Oktober, jeweils um 20 Uhr in der Konstanzer Christuskirche St. Konrad. Weitere Informationen unter: http://www.theaterkonstanz.de

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