So etwas, das lässt sich an diesem Abend vielfach vernehmen, habe es in dieser Stadt noch nie gegeben. Das ist bemerkenswert, denn die Stadt, der diese Aussage gilt, heißt Konstanz. Und auf ihrer Homepage heißt es zur Stadtgeschichte: „Die ältesten Siedlungsspuren weisen bis in die jüngere Steinzeit zurück.“

Steinzeit hin oder her: 600 Bürger gemeinsam auf einer Bühne, theaterspielend, singend, musizierend, das alles außerhalb der Fasnachtszeit und in einem gigantischen Zeltbau – so etwas hat es vielleicht tatsächlich noch nie gegeben.

Im Lustschloss am Konstanzer Seerhein gab es „Daheim – Eine Odyssee“ zu erleben.
Im Lustschloss am Konstanzer Seerhein gab es „Daheim – Eine Odyssee“ zu erleben. | Bild: Ilja Mess

Dass dieses Szenario nun in eindrucksvoller Weise Wirklichkeit wurde, verdankt sich einem zweiten weißen Fleck in der Geschichte dieser Stadt. Ein Konzerthaus nämlich hat es bis heute in Konstanz ebenso wenig gegeben wie das besagte Projekt „Daheim – eine Odyssee“.

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Das in der Bodenseestadt beheimatete Orchester, die Südwestdeutsche Philharmonie, leidet seit jeher darunter. Seine Konzerte muss es im akustisch miserablen Saal des Konzils geben, jenem Gebäude, in dem Papst Martin V. gewählt wurde. Zum Bau eines Konzerthauses, das diesen Namen auch verdient, wurden bereits vor einigen Jahren schon einmal die Bürger befragt. Damals lehnten sie das Vorhaben mehrheitlich ab.

Vor diesem Hintergrund ist „Daheim – eine Odyssee“ als raffinierter Schachzug des inzwischen nach Ludwigshafen abgewanderten Intendanten Beat Fehlmann zu sehen: Will ein Orchester die Bürger auf seiner Seite wissen, muss es sie einbinden, sie teilhaben lassen an seinem musikalischen Leben.

Jedes einzelne Kostüm ist mit Liebe gemacht.
Jedes einzelne Kostüm ist mit Liebe gemacht. | Bild: Ilja Mess

Viele Monate lang haben Musiker des Orchesters mit 400 Kindern und Jugendlichen aus örtlichen Schulen gearbeitet. Weitere Freiwillige aus allen Gesellschaftsschichten kamen zu regelmäßigen Chorproben unter der Leitung des Kirchenmusikdirektors am Konstanzer Münster, Steffen Schreyer. Andere wirkten in einer Tanzgruppe mit. Eine ganze Stadt strebt auf die Bühne.

Die Aufführung ist so bunt, wie man es in einem Zirkuszelt erwartet.
Die Aufführung ist so bunt, wie man es in einem Zirkuszelt erwartet. | Bild: Ilja Mess

Das Ergebnis dieser von Projektleiterin Corinna Bruggaier koordinierten Arbeit beeindruckt schon durch seine schieren Ausmaße. Ganze Scharen von Kindern und Jugendlichen erzählen zu Musik von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Sebastian Bach, Gustav Mahler und Edvard Grieg ihre ganz eigene Odyssee.

In der Ferne verirrt hat sich dieses Mal nicht ein griechischer Sagenheld, sondern die Musik selbst. Nur mithilfe von mutigen Kindern kann sie ihren Heimweg finden (Regie und künstlerische Leitung: Silke Schumacher-Lange).

Es geht um Musik bei „Daheim – Eine Odyssee“.
Es geht um Musik bei „Daheim – Eine Odyssee“. | Bild: Ilja Mess

Manche von ihnen erblickt man vor Beginn der Veranstaltung noch draußen am Zelt mit erhitzten Gesichtern und nervösen Mienen. „Wahnsinnig aufgeregt“ sei sie, sagt ein Mädchen. Und fügt hinzu, manche hätten vor Nervosität sogar „spucken“ müssen.

Umso erstaunlicher wirkt dann das Bühnenerlebnis: Nervosität? Keine Spur! Die Kinder spielen sich geradezu in einen Rausch, jeder Satz sitzt, jede Geste ist überlegt, und das auf einer riesigen Bühnenfläche vor rund tausend Besuchern im ausverkauften Zelt: eine eindrucksvolle Leistung.

Hier knallt‘s: Sie lassen goldenes Konfetti regnen.
Hier knallt‘s: Sie lassen goldenes Konfetti regnen. | Bild: Ilja Mess

Oliver Wnuk, in Konstanz gebürtiger Filmschauspieler, ist Stargast und kalkulierter Störfaktor. Denn immer, wenn es mit dem Kindergewusel arg bunt zu werden droht, unterbricht der 43-Jährige mit seinen ganz persönlichen Überlegungen zum Thema Heimat und Daheim.

Der aus Konstanz stammende Schauspieler Oliver Wnuk ist ein wichtiger Teil des Projekts.
Der aus Konstanz stammende Schauspieler Oliver Wnuk ist ein wichtiger Teil des Projekts. | Bild: Ilja Mess

Die werden schon mal politisch, wenn auch nicht polemisch: Zum Heimatbegriff der AfD gibt es eher einen Seitenblick als einen Seitenhieb.

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Bei alldem kann es zwar auch mal passieren, dass man als Besucher den Überblick verliert. Dafür entschädigen aber prachtvolle Kostüme, spektakuläre Effekte und natürlich: die Musik.

Wenn in schier endlos anmutender Folge ein Chormitglied nach dem anderen die Bühne betritt, bis man fast die halbe Stadt auf ihr versammelt wähnt, und dieser enorme Klangkörper dann unter Schreyers Leitung Beethovens „Ode an die Freude“ in schönster Artikulation anstimmt – dann ist das ein ergreifendes Ereignis.

Video: Elisabeth Schwind

Das Zelt wird nicht von Dauer sein, die „Odyssee“ war bereits gestern Abend zum letzten Mal zu erleben. Möglich gemacht hat sie die Exzellenzförderung des Deutschen Bundestags.

Ob dieses Mammutprojekt den Bau eines Konzerthauses aus Stein statt aus Zeltstoff nun wahrscheinlicher gemacht hat? Die Ovationen des Publikums lassen zumindest einen Schluss zu: Bei einer erneuten Bürgerbefragung könnten die Aktien künftig besser stehen. (sk)