Eigentlich wollte Philip Schlaffer im Milchwerk in Radolfzell nur seine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Ex-Neonazis, eines „Menschenfängers“, wie der 42-Jährige selbst sagt, der in Lübeck und Wismar sein „Fußvolk“ hinter sich scharrte, in rechten Kameradschaften ihr Anführer war. Der als Jugendlicher auf Demonstrationen ging, sie als Erwachsener selbst plante. Der in Wismar radikale Clubs betrieb und mit rechten Parolen aufstachelte. Und: Der nach fast zwanzig Jahren in der Szene, seinem Zuhause, den Ausstieg wagte, als er mitbekam, wie seine Kameraden einen Mann gemeinschaftlich ermordeten, ihm die Kehle durchschnitten. Der Fall ging als Silvestermord von Wismar in die Schlagzeilen ein. „Das war selbst mir zu viel“, sagt Schlaffer heute. Hinzu kamen Depressionen, die ihn zum Ausstieg trieben.

Von all dem will Schlaffer im Milchwerk eigentlich erzählen. Doch schon am Abend vor der Veranstaltung – Schlaffer war in einem Hotelzimmer in Engen – seien ihm über Pizza- und Dönerlieferdienste Botschaften aufs Zimmer geschickt worden, die sagen sollten, „wir wissen, wo du bist, wo du dich aufhältst.“ Über die Rezeption sei ein Anruf zu ihm geleitet worden. „Ein Mann brüllte durchs Telefon: Ich werde dich töten.“ Er habe ihn und seine Lebensgefährtin bedroht. Nur kurze Zeit später habe die Polizei in Konstanz einen Anruf erhalten: Ein anderer Hotelgast fühlte sich von Schlaffer bedroht. Als die Verkehrspolizei Mühlhausen-Ehningen die Ermittlungen aufnahm und im Hotel eintraf, habe sich aber herausgestellt, dass der Gast überhaupt nicht existierte.

Drohungen bekommt Schlaffer öfter

Auch während der Veranstaltung im Milchwerk gibt es sie: Momente, an denen Dönerlieferungen und eine Flasche Champagner, unter falschem Namen, an Schlaffer ins Milchwerk gesendet werden. Und Momente, an denen Drohnachrichten auf seinem Handy aufleuchten, wie er erzählt.

Für Schlaffer nichts Ungewöhnliches. Das passiere öfter, sagt er, am Morgen nach der Veranstaltung. Er habe sich daran gewöhnt, kann damit umgehen. „Ich lasse mir durch sowas nicht den Mund verbieten.“ Dass so ein Ausstieg auch einen hohen Preis hat, zeigt im Milchwerk der vom Präventionsrat bestellte Sicherheitsdienst.

Auch die Polizei ist mit zwei Beamten die ganze Zeit vor Ort. Denn Schlaffer hat in seinen 42 Jahren so einiges durchlebt, sagt er, sitzt die Beine übereinandergeschlagen neben dem Kreisjugendreferenten Stefan Gebauer und erzählt. Was erzählt man nach einem Leben mit einer solchen Wende? Wo fängt man an? Wo hört man auf? Schlaffer geht chronologisch vor und beginnt mit der Kindheit. Er war nie einer von denen, die keine Perspektive hatten. „Ich war gut in der Schule, kam aus einem bürgerlichen Haushalt“, meint Schlaffer. Und doch war da ein einschneidendes Erlebnis in seiner Kindheit. Der Umzug seiner Familie ins englische Newcastle. Er war damals zehn Jahre alt. Entwurzelt.

Die Eltern: das erste Feindbild

In der englischen Schule sei er der gemobbt, als Nazi beschimpft worden – ein Wort, das er damals noch gar nicht kannte. Man verprügelte ihn. „Es hieß: Die Deutschen sind böse. Mit dem Jungen spielst du nicht.“ Schlaffer kämpfte gegen die Vorurteile. Auch als er Freunde fand, traute sich kaum jemand zu ihm nach Hause. Das Gerücht, dort hinge Hitler an der Wand, hielt sich hartnäckig. Und trotzdem schaffte es Schlaffer irgendwie heimisch zu werden. „ich hatte England lieben gelernt“, sagt er – um doch nur wieder entwurzelt, zu werden.

„Das soll jetzt keine Opfer-Geschichte werden“, sagt Schlaffer.
„Das soll jetzt keine Opfer-Geschichte werden“, sagt Schlaffer. | Bild: Daniela Biehl

Es ging zurück nach Deutschland. Da war er 14 Jahre alt. Wieder stand er ohne Freunde da, fühlte sich von seinen Eltern nicht richtig geliebt – „Liebe gab es nur für gute Noten“ – und die blieben aus, Schlaffer blieb auf dem Gymnasium sitzen. War wütend, haute von Zuhause ab. Und fühlte sich einsam.

„Das soll jetzt keine Opfer-Geschichte werden“, sagt Schlaffer. Ihm gehe es um etwas anderes: „Um den bereiteten Boden, auf den Extremismus fällt, damit er wachsen kann.“ In seinem Fall waren die Eltern das erste Feindbild. Die Einsamkeit und Wut: ein Katalysator. In einer Gang von wütenden Außenseitern und im Rechtsrock fand Schlaffer schließlich Halt. „Die Musik gab mir eine Stimme.“ Dass die Texte rassistisch oder antisemitisch waren, störte ihn nicht. „Du gehörst zu einer Herrenrasse, du kannst stolz sein.“ Ein solches Bild vermittelte der Rechtsrock – und mit einem Mal fühlte sich der inzwischen 16-Jährige als Teil eines Ganzen. Vor allem aber nicht mehr als Opfer.

Drogen, Hausdurchsuchungen

Mit der Musik veränderte sich Schlaffer: Er rasierte seinen Kopf kahl, ließ sich provozierende Tattoos unter die Haut stechen – ein SS-Logo und ein Hakenkreuz. Er schlug sich durch finstere Milieus, fing Schlägereien an, wurde verhaftet, hing sich Hakenkreuze ins Zimmer, die seine Mutter zwar ab-, aber er wieder aufhängte. Und in einem schleichenden Prozess geriet Schlaffer immer tiefer in die braune Ideologie. Er gründete eigene Kameradschaften, wurde deren Anführer. Er handelte mit Drogen. Die Polizei wurde zum Dauergast in seinem Leben. Seine Telefone wurden abgehört, sagt er, seine Wohnung dutzende Male durchsucht.

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Schlaffers Ausstieg war ein langer. Im Kopf war die braune Ideologie tief verankert. „Viele Brüche hat es gebraucht, bis ich draußen war.“ Sein erster mit den Kameraden. „Als sie dem Mann die Kehle durchschnitten, wusste ich, ich muss da weg.“ Ein zweiter Zusammenbruch folgte: Es war das Versteckspiel mit der Polizei, der Versuch, die Fassade zu wahren, die ihn krank und depressiv machte.

Dann, beinahe unerwartet, wurde Schlaffer wegen Drogendelikten verurteilt. Weil ehemaligen Kameraden ihn in einem von der Polizei verwanzten Auto als Strippenzieher nannten. Und genau dort findet er wieder zu sich.

Ein wenig ist Schlaffer anzumerken, wie fremd ihm dieses Bild von sich selbst geworden ist. Als er Fotos von damals zeigt, schaut er verlegen auf den Boden. Als er von seiner Zeit im Gefängnis spricht, erzählt Schlaffer, wie er dort seinen Spiegel mit einem, dann mit mehreren Handtüchern abhängte, weil er sein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen konnte. Und als im Publikum jemand fragt, wie er mit seiner Schuld umgehe, sagt Schlaffer, „es ist längst nicht alles vergeben.“ Er versteht, dass Leute ihm längst nicht alles verzeihen können.

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