Herr Düssel, wie können Sie in einen 15-jährigen, unbezahlten Urlaub gehen?

Ich bin Beamter und es gibt die Möglichkeit, einen Antrag auf Sonderurlaub ohne Dienstbezüge zu stellen. Das habe ich gemacht und der Gemeinderat hat dem freundlicherweise zugestimmt, wofür ich sehr dankbar bin. Sonst hätte ich um meine Entlassung bitten müssen. Dann hätte ich aber keinen Pensionsanspruch, wenn ich mit 67 Jahre in den Ruhestand trete. Abschläge muss ich natürlich hinnehmen, aber das kann ich verkraften.

Gut, damit wären die Formalitäten geklärt. Aber wie können Sie es sich leisten, 15 Jahre lang kein Gehalt zu beziehen?

Ich bin ein sehr genügsamer Mensch und habe es schon als Berufsanfänger bei kleinem Gehalt immer geschafft, etwas zur Seite zu legen. Das habe ich beibehalten. Ich lebe in einer abbezahlten Eigentumswohnung, fahre einen Gebrauchtwagen, habe keine Frau, keine Kinder und keine aufwendigen Hobbys. Mein voll funktionstüchtiges Smartphone hat mir meine Nichte geschenkt. Sie wollte unbedingt das neue Apple-Gerät und hatte keine Verwendung mehr für das alte (lacht). Da kam über die Jahre einiges zusammen, und wenn wir nicht in eine totale Inflation abrutschen, kann ich davon die nächsten Jahren leben.

Während seiner Amtszeit musste Udo Düssel häufig den Rotstift zücken – das ist jetzt vorbei. Der Kämmerer verabschiedet sich.
Während seiner Amtszeit musste Udo Düssel häufig den Rotstift zücken – das ist jetzt vorbei. Der Kämmerer verabschiedet sich. | Bild: Pichler

Mit diesem Modell dürften Sie ein Trendsetter sein.

Ja, meine Kollegen waren auch sehr neugierig. Aber ich habe mir das gut überlegt. In den vergangenen Jahren sind in meinem Bekanntenkreis mehrere Menschen gestorben, die zwischen Ende 40, Anfang 60 waren. Da habe ich mich gefragt: Warum sollte ich bis 67 arbeiten? Dann bin ich alt und die Wahrscheinlichkeit steigt, krank zu werden. Es gibt für mich einfach keinen Grund, weiterzuarbeiten.

Verdient haben Sie eine schöne freie Zeit auf jeden Fall nach den vergangenen Wochen.

Ja, hätte ich geahnt, dass Corona kommt, hätte ich den Antrag zum 31. Dezember 2019 gestellt (lacht). Die Krise hat ein ungekanntes Ausmaß und ich habe hier früher schon Zeiten erlebt, in denen es finanziell richtig schlimm war. Aber damit ist nichts vergleichbar.

Zum Beispiel?

2002 und 2003 waren solche Jahre, nach der Steuerreform 2000/2001 von Gerhard Schröder. Da sind die Gewerbesteuereinnahmen dramatisch eingebrochen. Rheinfelden war nie eine reiche Stadt, darüber dürfen auch nicht die Rekordeinnahmen der vergangenen Jahre hinwegtäuschen.

Die Stadt hat gegengesteuert und weiteres Gewerbe angesiedelt, um breiter aufgestellt zu sein.

So ist es und wir sind da in guter Hoffnung, aber niemand kann garantieren, dass die Firmen auch Gewinne erwirtschaften. Unternehmen zahlen Steuern auf Gewinne. Rheinfelden hat immer noch Einnahmen, die weit unter dem Durchschnitt anderer Kreisstädte liegen. Auf der anderen Seite erwarten aber die Bürger das volle Leistungsspektrum.

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Ein Leistungsspektrum, das der Gemeinderat seinen Bürgern – und Wählern – gerne bietet. Mussten Sie manchmal die Faust in der Tasche machen, wenn politische Entscheidungen getroffen wurden, die sich die Stadt eigentlich nicht leisten konnte?

Klar, das kam schon vor. Aber ich verstehe das auch: Die Meinung eines Finanzexperten weicht zwangsläufig von manchen politischen Prioritäten ab. Ich sehe mich in der Rolle des Ratgebers,dessen Rat oft aber nicht immer gefolgt wurde. Da kommt es auch darauf an, Sachverhalte gut zu erklären. Ich lag manche Nacht wach und habe überlegt, wie ich Dinge überzeugend vermitteln kann.

Was waren denn solche erklärungsbedürftigen Entscheidungen?

Da fällt mir die Neuvergabe der Strom- und Gaskonzession mit der Gemeinde Grenzach-Wyhlen ein. Das ist rechtlich ein schwieriges Geschäft, weil man immer Gefahr läuft, dass die unterlegenen Parteien klagen. Oder der Aufbau der Nahwärme, das Projekt habe ich 2014 als „weißes Blatt“ übernommen, kurz nachdem ich Kämmerer wurde. Das ist ein reiner Wirtschaftsbetrieb und steht in Konkurrenz zu anderen Anbietern. Da fragt man sich schon: Lohnt es sich finanziell? Wie sieht die Situation in ein paar Jahren oder Jahrzehnten aus?

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Macht es Ihnen Spaß, sich in so komplexe Sachverhalte reinzufuchsen?

Wenn‘s läuft, macht es richtig Spaß und es ist auch interessant, sich in Sachen einzuarbeiten, von denen man keine Ahnung hat. Was weiß ich als Verwaltungsmensch vom Netzbetrieb? Das Abwärme-Projekt mit Evonik ist auch so etwas: Richtig kompliziert, aber wenn es funktioniert ein Leuchtturmprojekt.

Was ist rückblickend betrachtet eine besondere Leistung Ihres Berufslebens?

Das war 2010/2011 die Umstellung auf das neue kommunale Haushaltrecht. Wir waren eine der ersten Kommunen im Land, die umgestellt haben, es gab noch keine Rechtsrahmen, keine Stelle, die sich damit auskannte, auch das Rechenzentrum hatte keine Erfahrung, die Software war fehlerhaft. Wir haben im Team tausende Aspekte untersucht und zwar allein, ohne beratende Fremdfirma. Da sind Hunderte von Überstunden angefallen. Die erste Eröffnungsbilanz 2014 hat die GPA (Gemeindeprüfungsanstalt) ausdrücklich gelobt. Die Lösungen, die wir erarbeitet haben, werden heute übrigens von der GPA benutzt. Diese Leistung von meinem Team und mir macht mich stolz. Das werde ich nie vergessen.

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Klingt aber so, als hätten Sie viel Freude am Beruf. Wird Ihnen das nicht fehlen?

Ich habe Zeit meines Lebens gerne gearbeitet, aber Arbeit war nie mein Lebensinhalt. Seit ich 15 Jahre alt bin spiele ich intensiv Schach, bis 2013 in der Oberliga. Dann lese ich unheimlich viel, am liebsten Science-Fiction und Fantasy, bin aber auch geschichtlich sehr interessiert und reise viel. Und ich spiele gerne Computerspiele. Sie sehen, ich beschäftige dauernd mein Hirn, das war schon immer so (lacht). Für all das hatte ich in den letzten Jahren viel zu wenig Zeit.

Herr Düssel, nicht jeder von uns wird Ihr Modell umsetzen können – aber vielleicht ein bisschen was davon. Welchen Tipp haben Sie für eine gut geführte Haushaltskasse?

Nicht mehr ausgeben, als man hat. Darlehen für Konsum sind Blödsinn, das ist der Weg in den Ruin. Schulden machen für eine Wohnung oder ein Haus ist in Ordnung, damit schafft man ja einen Wert. Aber nicht für Urlaub, Möbel oder Autos. Wer sich den neuesten Mercedes nicht leisten kann, kauft eben einen gebrauchten.

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