In der Stadt Rheinfelden praktizieren zu wenige Hausärzte, mehrere stehen kurz vor dem Ruhestand. Als vor vier Jahren die Stadtverwaltung eine Suchaktion startete und Ärzte anschrieb, sich hier niederzulassen, kam nur ein neuer Mediziner. Am Dienstagabend haben im Bürgersaal vor rund 200 Besuchern Fachleute aus verschiedenen Positionen ihre Standpunkte zur Lage und Entwicklung erläutert.

Unterschiedlicher Versorgungsgrad

Rheinfelden steht mit der zu geringen Anzahl an Hausärzten im Landkreis Lörrach am Ende der Skala. Ellen Hipp, Leiterin der Stabsstelle Gesundheit im Landratsamt, erläutert den Versorgungsgrad. Die Bedarfspläne werden aus der jeweiligen Einwohnerzahl errechnet, sie sehen hier auf rund 1600 Einwohner einen Allgemeinmediziner vor. Der Kreis ist dazu in drei Mittelbereiche aufgeteilt. Im Bereich Lörrach/Weil sind die möglichen Hausarztstellen zu 103 Prozent besetzt, im Bereich Schopfheim zu 100 Prozent, aber in Rheinfelden liegt der Versorgungsgrad nur bei 95 Prozent. Zum Versorgungsbereich Rheinfelden gehören auch die beiden Nachbargemeinden. Derzeit sind vor Ort 23 Hausärzte aktiv, in Grenzach-Wyhlen sechs und in Schwörstadt keiner.

Auch Ärzte werden älter

Für die örtlichen Ärzte sprach Matthias Forstmann vom Hausarztzentrum in der Friedrichstraße über die verschiedenen Betriebsformen. Vier der Praxen in der Stadt sind mit zwei und mehr Ärzten besetzt. Fachärzte sind durchweg alleinige Betreiber. Zurzeit nehmen sieben Praxen noch neue Patienten auf, allerdings sehr eingeschränkt, etwa Familienangehörige. Drei Praxen nehmen noch neu zugezogene Einwohner auf, uneingeschränkt lässt keine Praxis neue Patienten zu.

Das Interesse ist groß – etwa 200 Zuhörer kamen zum Diskussionsabend über die Ärzteversorgung.
Das Interesse ist groß – etwa 200 Zuhörer kamen zum Diskussionsabend über die Ärzteversorgung. | Bild: Rolf Reißmann

Dies verdeutliche den erheblichen Fehlbestand an Ärzten. Forstmann wies darauf hin, dass bei wachsendem Anteil älterer Patienten der Behandlungsbedarf steige, gleichzeitig aber älter werdende Ärzte gerne ihr Arbeitspensum etwas reduzieren möchten, ein derzeit unlösbarer Widerspruch. Allein deswegen lehnt er die strikte Einhaltung der Bedarfspläne ab. Gleichzeitig sei der nichtmedizinische Arbeitsanteil erheblich gestiegen. Von durchschnittlich 52,9 Stunden pro Woche leistet der Hausarzt etwa 37,7 Stunden Behandlung von Patienten und weitere siebeneinhalb Stunden ohne Patienten. Nochmals sechseinhalb Stunden sind Praxismanagement und Fortbildung. Doch gerade dies falle auch Ärzten kurz vor dem Ruhestand schwer.

Das könnte Sie auch interessieren

Genereller Ärztemangel

„Wir brauchen mehr Studienplätze und attraktivere Arbeitsbedingungen für Hausärzte“, sagte Johannes Fechner von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Deutschlandweit sollten 6000 Studienplätze mehr eingerichtet werden, derzeit existierten rund 10.000. Die Hochschulen unseres Bundeslandes allerdings hätten noch keine weiteren Plätze geschaffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr als die Hälfte der Studierenden seien Frauen, sie gingen auch mit Vorstellungen über Familien und zeitgemäßes Leben in die berufliche Praxis. Das heiße, sie setzten auch auf Teilzeitangebote, seien auf einigermaßen pünktliche Arbeitszeiten angewiesen, um zum Beispiel die eigenen Kinder zu betreuen. Jungmediziner setzten heute völlig andere Prioritäten als die Generationen zuvor. Arbeitsplätze für Lebenspartner, Kinderbetreuung, Schulen am Ort und Notdienstbelastungen stünden ganz vorne bei ihrer Auswahl des künftigen Arbeitsorts. Hier setze die Verantwortung der Kommunen an.

Das könnte Sie auch interessieren

Bei Fachärzten bestehe im Kreis Lörrach vielfach eine gute Versorgung, allerdings sei die regionale Aufteilung sehr unterschiedlich. Die Kassenärztliche Vereinigung dürfe den Ärzten bestimmte Orte für ihre Ansiedlung nicht vorschreiben, deshalb müssten sich Patienten auch künftig auf lange Anfahrten zu den Fachärzten einstellen.

Kommune will helfen

„Die Ansiedlung von Ärzten hängt entscheidend von den kommunalen Leistungen ab, anderseits gehört die medizinische Versorgung zu den generellen Standortfaktoren“, sagte Oberbürgermeister Klaus Eberhardt. Sowohl bei der Versorgung mit Praxisräumen als auch bei Kinderbetreuung und Schulen könne geholfen werden. Die Stadt müsse aber auch für Patienten umdenken. Wenn etwa mehr Gemeinschaftspraxen und Versorgungszentren entstehen, sollte mehr öffentlicher Zielverkehr aus allen Ortsteilen dorthin eingerichtet werden. Gerade jetzt, da etwa 40 Prozent der Hausärzte im Landkreis älter als 60 Jahre sind, seien schnelle Lösungen notwendig. Den Gedanken im Krankenhaus, wenn es frei wird, ein neues Versorgungszentrum einzurichten, findet Eberhardt gut, aber eine moderne Arztpraxis in der Stadt habe auch ihre Vorteile.

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.