Einfach ist es nicht, als Geflüchteter in einer anderen Kultur zurechtzukommen. Saif Ali Abdulwahid hat, als der IS seine Heimatstadt Mossul überrannt hat, den Irak verlassen und es in fünf Jahren und sechs Monaten, die er nun in Deutschland lebt, geschafft, Fuß zu fassen, Deutsch zu lernen, einer Arbeit nachzugehen und sich zu integrieren. Dabei hat er eine ungewöhnliche persönliche Wandlung durchgemacht. Er ist vom Islam zum Christentum übergetreten und heute aktives Mitglied der evangelischen Johannesgemeinde.

Thomas Mürle, der Vorsitzendes des Ältestenkreises hat größte Freude an dieser Entwicklung. Die 1650 Mitglieder der Gemeinde aus Minseln, Karsau, Adelhausen und Eichsel sind ebenso begeistert über Abdulwahid als Mitglied, denn bei den Wahlen zum Kirchengemeinderat im Dezember erzielte er in der geheimen Wahl das viertbeste Ergebnis und ist festes Mitglied im achtköpfigen Ältestenkreis. „Saif ist einfach da“, erzählt Mürle. Er besucht die Gottesdienste und fragt, wo er helfen kann.

Als Journalist in Mossul nicht mehr sicher

Den Islam hat der Iraker als Muslim in seiner Heimat nicht aktiv gelebt und nicht fünf Mal am Tag gebetet. Das sei soweit akzeptiert worden, denn auch Minderheiten wie Jesiden oder Christen habe es als geschlossene Gemeinschaft gegeben. Mit der Eroberung durch den IS konnte sich Saif Abdulwahid aber seines Lebens als Journalist nicht mehr sicher sein.

Erste Kontakte zum Christentum

Als Geflüchteter in Rheinfelden hat ihn der Glaube dann aber beschäftigt. Was er im Islam nicht fand, erlebte er im Christentum und der evangelischen Kirche. Die befreundete Familie half ihm, mit Religion in Berührung zu kommen und in einen Sonntagsgottesdienst in Minseln mit dem damaligen Pfarrer Ivo Bäder-Butschle. „Ich wollte mehr Information, wie der Glaube ist“, erinnert er sich noch ganz genau.

Nach rund zwei Jahren steht der Entschluss

Es folgten weitere Gespräche und dabei gefiel ihm sehr, dass im Unterschied zum Islam keine Angst verbreitet werde: „Bei Muslimen ist Gott ein Diktator“. In der evangelischen Kirche aber entdeckte er, gibt es „Glaube ohne Angst“.

Er spricht begeistert davon, wie er erkannt habe, was ihm von Anfang an gefallen hat: „Zwischen Mensch und Gott gibt es keinen Menschen“. Der Reifeprozess dauerte noch etwa zwei Jahre, ehe er in einem Gottesdienst zusammen mit einem Baby getauft wurde. „Das ist nicht peinlich“, für ihn, der bekennt: „Ich glaube an Gott.“

Der Kirchenbezirksbeauftragte im Markgräflerland für Flucht und Migration, Jörg Hinderer, weiß, dass ein solches Glaubensbekenntnis nicht oft vorkommt. Er hat Saif Abdulwahid über eine Flüchtlingsfamilie kennengelernt, die in der Kommunität Beuggen lebte, später habe ihn Bäder-Butschle kontaktiert, weil der Iraker trotz Aufenthaltsgestattung in ein Verfahren gekommen sei, wo es nur noch um Duldung ging.

Im Rechtsanwaltgespräch konnten unklare Punkte aufgearbeitet werden, das Verfahren aber sei noch nicht abgeschlossen. „Aber wir rechnen uns Chancen aus“, meint Hinderer. Bei Saif Abdulwahids sieht er auch Möglichkeiten für einen Härtefallantrag, denn er „ist ein Vorbild, finanziert sich selber und hat nur deutsche Kontakte“.

Abdulwahid macht ein frohes Gesicht, wenn er von sich in Rheinfelden erzählt. Er hat schon bei Lidl, Takko und Kaufland gearbeitet und ist jetzt in der Vacono-Produktion der Aluminium. Da fühlt er sich sehr wohl. Inzwischen lebt er nicht nur als Christ, sondern macht auch den Führerschein. Die theoretische Prüfung hat er gleich beim ersten Mal bestanden mit „nur einem Fehler“. In der Fahrpraxis fehlen noch zehn Stunden.

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