Das Beste kommt zum Schluss. So war es auch am „Tag wie ein Gedicht“ in Schloss Bonndorf. Nadja Küchenmeister, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin aus Berlin, zeigte moderne Lyrik auf, gönnte dem Schwarzwälder Publikum sogar vor der offiziellen Premiere erste Einblicke in ihren demnächst neu erscheinenden Gedichtband „Im Glasberg“. Schon am nächsten Tag sollte sie Auszüge dieses Werkes in der Deutschen Oper in Berlin vortragen.

Nicht allein die Gedichte, auch die Person Nadja Küchenmeister fesselte die Zuhörer. Interessierte Fragen der Kulturdezernentin Susanna Heim ließen den Vortrag zum Dialog werden. Die Dichterin nahm das Publikum mit in ihre Welt, gab Persönliches preis. Etwa, wie die Erkrankung des Vaters sie vor zehn Jahren beinahe scheitern ließ. „Ich dachte, das Schreiben kannst du jetzt vergessen“, gibt die Frau – im wahrsten Sinn des Wortes – ungeschminkt zu. Ein Gedicht müsse zwingend Thema des Autors sein, man könne nicht beliebig wählen.

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Die logische Konsequenz ist also, dass just die väterliche Krankheit Nadja Küchenmeister zu Texten wie „Mittelfellraum“, „Leibchen“ oder „Wurzeln“ bewegte. Zu ihren Wurzeln und auch denen der Eltern in Berlin-Hellersdorf, dem einstigen Osten, blickt sie sowieso häufig zurück. Ihr viel beachtetes Gedicht „Staub“ ist ausgesuchter Beleg dafür, ebenso „Keller“ mit den Erinnerungen an das erste, vom Taschengeld mühsam ersparte Fahrrad.

Beeindruckende Wortspiele finden sich im „Rauperich“. Abschiedsschmerz hingegen führte die Autorin wohl zu den sinnigen Überlegungen in „Die Mittagsstunde“, erlebte sie doch selbst das Gefühl „Was dir im Arm liegt, ist nicht das, was dir bleibt“ und auch „Was die einstmals geliebte Hand berührt, wird zu Stein“.

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Weshalb schreibt Nadja Küchenmeister Gedichte? Sie habe es mit Prosa versucht, jedoch bald feststellen müssen, dass die Lyrik mit ihren „schwebenden Inhalten“ mehr Raum lasse. Dabei sehe sie sich Traditionen verpflichtet. „Wer sich mit Kunst beschäftigt, steht immer in Traditionen“, konstatiert die Schriftstellerin. Und sie räumt außerdem ein, dass sich in ihren Werken Querverweise zu Ingeborg Bachmann, Rainer Maria Rilke und sogar Udo Jürgens finden. Lyrik verlange, den Schlüssel zur Sprache zu finden, sich auf etwas einzulassen, das man mit der Vernunft allein nicht begreifen könne. Es gebe viele Wege, sich ein Gedicht zu erschließen und, ja, am besten gelinge dies, wenn man ein Gedicht laut lese, also höre. Jeder interpretiere anders. So habe ein namhafter Literaturkritiker ihr Gedicht „Nebel“ als Liebesgedicht verstanden.

Beim Verfassen lag der Autorin stattdessen der Gedanke an den Tod zugrunde. Nadja Küchenmeister ermutigt: „Man muss keine vorauseilende Ehrfurcht vor Lyrik haben. Trotzdem haben viele Menschen Angst, vor den Texten zu versagen.“ Das müsse nicht so sein. Wer sich auf den Lyriktag im Schloss eingelassen hat, fühlte sich nach Klassikern, Mundartkunst und moderner Lyrik bestätigt.