Die Zukunft einer einzigartigen Organisation ist gesichert: Die private Russland-Stiftung von Doris Epple wird von der Caritas Osnabrück vollständig übernommen. Damit ist das Lebenswerk der 89 Jahre alten Privatfrau und Mäzenin aus Wangen (Landkreis Konstanz) bewahrt. Epple will sich aus Altersgründen aus diesem Geschäft zurückziehen und macht dafür auch gesundheitliche Gründe geltend.

Im Gespräch mit dem SÜDKURIER bezeichnet die Rentnerin diese Lösung als Glücksfall. Denn die Caritas im fernen Osnabrück (Niedersachsen) ist die einzige, die seit vielen Jahren einen Russlandreferenten beschäftigt: In Ottmar Steffan sieht Frau Epple die richtige Person, um ihre Stiftung zu übernehmen und die treuen Spender zu betreuen. Steffan fährt bisher vier bis fünf Mal jährlich nach Russland, um nach dem Rechten zu sehen.

Das erste Mal kam sie als Touristin

Vor 24 Jahren begann Doris Epple ihr russisches Engagement. Damals war sie in St. Petersburg als Touristin unterwegs. Sie sonderte sich aber bald ab von der Gruppe, um hinter die schönen Fassaden der prächtigen Häuser am Newski Prospekt zu schauen.

In den Seitenstraßen wurde sie auf die Not im post-sowjetischen Land aufmerksam, das damals von Boris Jelzin regiert wurde. Im selben Jahr noch richtete sie eine Suppenküche ein, die es bis heute gibt. Sie öffnet täglich und händigt den Bedürftigen Suppe, Brot und Tee aus.

Doris Epple erhielt auch das Bundesverdienstkreuz (2002). Der Orden war nützlich: Bei ihren Reisen steckte sie ihn an das schwarze Jackett, was ihre Gesprächspartner mächtig beeindruckte.
Doris Epple erhielt auch das Bundesverdienstkreuz (2002). Der Orden war nützlich: Bei ihren Reisen steckte sie ihn an das schwarze Jackett, was ihre Gesprächspartner mächtig beeindruckte. | Bild: SK

Das Hilfswerk wuchs rasch. Die Armenküche eröffnete Nebenstellen. Epple mietete eine Wohnung für besonders bedürftige Menschen an. Kleiderspenden wurden organisiert, Krankenhausaufenthalte bezahlt.

Der Schreibtisch war die Zentrale für ein großes Werk

Das Hilfswerk ruhte lange Zeit auf den Schultern nur dieser Frau. Sie könnte auch nur ihren Ruhestand genießen, aber das wollte sie nicht. Die ehemalige Optikermeisterin mit eigenem Geschäft gründete keinen Verein. Vielmehr steuerte sie allein den Einsatz des Jahresbudgets (im sechsstelligen Bereich).

Ihr Schreibtisch diente als altertümliche Zentrale. In ihrem Haus in Wangen auf der Höri stand das Möbel – stets beladen mit Schriftstücken, Überweisungen, Bildern, Bastelarbeiten. Sie betrieb die Russlandhilfe als Ein-Frau-Unternehmen. Später wurde dem Projekt der Status einer Stiftung zuerkannt. Damit konnte die Pensionärin auch Spendenquittungen ausstellen.

Doris Epple in ihrem Element: Auch 2007 besuchte sie St. Petersburg und andere Städte in Russland, wo ihre Stiftung arme Menschen unterstützt. Sie sind ihr dankbar bis heute.
Doris Epple in ihrem Element: Auch 2007 besuchte sie St. Petersburg und andere Städte in Russland, wo ihre Stiftung arme Menschen unterstützt. Sie sind ihr dankbar bis heute. | Bild: SK

Berühmt sind ihre Dankesbriefe. Sie waren alle von Hand geschrieben und mit Bastelarbeiten garniert. Ihre Handschrift ist wie gemalt – ähnlich der Handschrift ihres Mannes Bruno, der als Dichter und Maler des Bodensee bekannt geworden ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Doris Epple ist eine Bastelmeisterin. Sie hat mehrere Bücher über das Basteln mit Material wie Steinen, Kernen und Körnern verfasst. Entsprechend individuell waren die Danksagungen immer, die ein Spender in seinem Briefkasten fand.

Schreibmaschinen nutzte sie nicht, Computer schon gar nicht. Das modernste Geräte des Hausbüros ist eine Briefwaage. Die Suppenküche in St. Petersburg wurde nicht digital, sondern mit der Hand angekurbelt. Und es funktioniert.

Ohne Computer: Viel Arbeit verwandte Doris Epple auf ihre von Hand gestalteten Dankesbriefe.
Ohne Computer: Viel Arbeit verwandte Doris Epple auf ihre von Hand gestalteten Dankesbriefe. | Bild: Fricker, Ulrich

Jeden Tag saß sie am Schreibtisch

Die Arbeit am Schreibtisch – zwischen Schere und Kuverts – hatte ihren Preis. Die mittlerweile 89-Jährige saß jeden Tag über ihren Briefstapeln und Ordnern. „Ich habe nie Urlaub gemacht“, berichtet sie. Klagen tut sie dennoch nicht, höchstens über Kreuzschmerzen wegen des vielen Sitzens.

Auch Sonntags schrieb sie, klemmte sich nach dem Besuch der Messe hinter den Schreibtisch. Sie lebt in den Schicksalen der Kinder, die für eine Suppe anstehen. „Es geht immer ums Überleben dort“, erzählt sie.

Eine Klasse mit älteren Förderschülern in St. Petersburg (2010). In der Mitte im schwarzen Jackett sitzt Doris Epple.
Eine Klasse mit älteren Förderschülern in St. Petersburg (2010). In der Mitte im schwarzen Jackett sitzt Doris Epple. | Bild: Fricker, Ulrich

Das letzte Mal war sie 2017 drüben. Mit ihrer St. Petersburger Treuhänderin Irina besichtigte sie einmal im Jahr alle Orte, in denen die Stiftung aktiv ist. Sie wurde nie enttäuscht, hatte Glück mit dem Personal.

Empfangen wurde sie wie eine Ministerin. An ihrem schwarzen Jackett trug sie stets das Bundesverdienstkreuz, das ihr in der Amtszeit von Erwin Teufel verliehen worden war. Das hat den lokalen Autoritäten imponiert und manche Tür geöffnet.

Das alles ist jetzt Geschichte. Sie kann loslassen im Vertrauen auf das große organisatorische Dach der Caritas.

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.