Es war eine kleine Fleißarbeit, die der grüne Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Matthias Gastel und seine Mitarbeiter sich da vorgenommen hatten: Sie wollten wissen, was jenseits von der Debatte um die Anbindung der Gäubahn in Stuttgart wirklich los ist mit dem Zugverkehr auf der Gäubahn-Strecke zwischen Stuttgart und Singen. Und ihre Auswertung zeigt: ziemlich wenig.

Demnach herrschte an jedem fünften Tag im Jahr 2022 Stillstand auf der wichtigsten Bahnstrecke von Stuttgart Richtung Bodensee und in die Schweiz. An 19,5 Prozent der Tage, so Gastels Analyse, war die Gäubahn in diesem Jahr durch Baustellen unterbrochen – und diese Zahl betrifft nur ganztägige Beeinträchtigungen, also etwa keine Sperrung wegen Nachtbaustellen. „Rechnet man diese Sperrungen hinzu, gab es sogar an jedem vierten Tag baustellenbedingte Einschränkungen“, teilt Gastel mit.

Davon betroffen seien im Jahr 2022 rund 4300 Zugfahrten gewesen. Und dabei sind die tagelangen Ausfälle durch die jüngste Stellwerkstörung am Stuttgarter Hauptbahnhof noch gar nicht mitgerechnet. Dadurch waren Ende Juli tagelang alle umsteigefreien Züge der Schweizerischen Bundesbahnen zwischen Stuttgart und Zürich ausgefallen.

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Und auch derzeit liegt ein Teil der Gäubahnstrecke brach: Noch bis 11. September müssen Fahrgäste von oder nach Stuttgart aufgrund von Bau- und Stellwerksarbeiten zwischen Rottweil und Eutingen im Gäu ersatzweise auf Busse umsteigen, der Regionalverkehr der Bahn ist zudem stark eingeschränkt oder fällt ganz aus. Grund sind- Stellwerk- und Gleisarbeiten. Gastels Statistik dürfte am Jahresende also noch deutlich schlechter ausfallen.

„Aber eine Streckenverfügbarkeit von 75 bis 80 Prozent ist viel zu gering, um einen verlässlichen Bahnverkehr anbieten zu können“, kritisiert der Verkehrsexperte das Baustellenmanagement der Deutschen Bahn. Gastel gehört seit kurzem dem Aufsichtsrat der DB Netz AG und der Beschleunigungskommission Schiene der Bundesregierung an.

Dort hat man jüngst bei einer Pressekonferenz öffentlich zugesagt, die Baustellenplanung zu ändern und mehr auf Korridormaßnahmen zu setzen: Es sollen alle Arbeiten, die an einem Streckenabschnitt fällig oder absehbar sind, innerhalb eines Zeitraums angegangen werden, damit nicht für jede einzelne Maßnahme gesperrt werden muss – wie es derzeit erfolgt.

Jede Bahn-Sparte baut für sich

Denn jeder der Geschäftsbereiche der Bahn plant im Moment seine eigene Baustelle – etwa die DB Netz für Schienen- und Gleisarbeiten, die DB Station und Service etwa für Bahnsteigarbeiten. So kommt zustande, dass eine Strecke ein paar Wochen gesperrt ist, dann ein paar Wochen der Bahnverkehr läuft, bevor sie für eine ganz andere Maßnahme erneut gesperrt wird. „Statt dass die sich absprechen und absehbare Arbeiten koordinieren“, so Gastel.

Keine der Baumaßnahmen sei verzichtbar. „Aber wenn ein Korridor baustellenbedingt gesperrt werden muss, dann müssen gleich alle absehbaren Baumaßnahmen innerhalb eines möglichst kurz zu haltenden Sperrfensters mit erledigt werden. Es geht darum, Baumaßnahmen konsequent zu bündeln, um die Strecke in möglichst großem Maß betriebsbereit zu halten.“

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Viel Hoffnung, dass sich etwas ändert, hat der Grünen-Politiker aber nicht. „Ein besseres Baustellenmanagement wurde schon mehrfach versprochen, und jetzt eben noch einmal“, so Gastel, der aber auf auch schwerwiegende Nebenwirkungen verweist.

Werde eine Strecke auf einem längeren Abschnitt komplett gesperrt, müsse es Umleitungen für den Zugverkehr geben, etwa für den Güterverkehr. Und das wiederum habe Einschränkungen für den Personenverkehr auf den Umleitungsstrecken zur Folge.

Die schlechten Aussichten für die Gäubahn

Aber auch insgesamt hat Gastel nur begrenzte Hoffnungen darauf, dass sich der Ausbau der gesamten Gäubahnstrecke nach der jüngsten Berichterstattungswelle um die Anbindung nach Stuttgart verbessert. Eher im Gegenteil.

„Es tut sich rein gar nichts“, sagt Gastel, „alles hat sich jetzt in der Diskussion auf den Pfaffensteigtunnel und die Anbindung an Stuttgart reduziert und konzentriert. Mir ist nicht klar, wer hier außer uns überhaupt noch Druck auf den weiteren Gäubahn-Ausbau macht.“