Freiburg bietet viele beschauliche Winkel. Hektisch wird die südbadische Metropole nur an einer Stelle: an der Kaiser-Joseph-Straße, die als Hauptgeschäftsstraße die Innenstadt in zwei Hälften teilt. Mit starrem Blick hasten Passanten zwischen Straßenbahn und Geschäften. Die Shopping-Meile bietet fast alles, was den Geldbeutel des Konsumenten erleichtern kann.

An einer Stelle plötzlich ballen sich Menschen zusammen, sie bleiben verzückt stehen. Wo sich sonst Einkauftaschen drängen und stoßen, wird es mit einem Moment sentimental, Musik erklingt. Das Volk der Einkäufer staut sich vor einem braunen Klavier auf gelben Rädern, an dem ein kleiner Junge sitzt und eine Sonate von Wolfgang Amadeus Mozart spielt.

Bruggner, fast wie Bruckner

Der Knabe heißt Anton Bruggner. Rein vom Namen her erinnert er an den berühmten österreichischen Komponisten Anton Bruckner. Doch deshalb bleiben träumende Großmütter und Jugendliche nicht stehen. Anton spielt tatsächlich fabelhaft.

Mit großer Sicherheit gleiten seine zierlichen Hände über die 88 Tasten. Seine Interpretation ist ziemlich rasant, die schnellen Läufe bereiten dem Steppke sichtlich das allergrößte Vergnügen. Die langsamen Sätze der Sonate dagegen sind nicht seine Sache; er spielt sie technisch korrekt, doch große Gefühle legt er da nicht hinein. Der Junge liebt das Tempo.

Nervös? Kein bisschen

Anton ist ein Bühnentalent. Keine Spur von Aufregung. Er gehört zu der der seltenen Minderheit von Musikern, die im Schweinwerfer der Öffentlichkeit besser werden. Ihre Nervosität verschwindet hinter produktiver Präsenz. Bei Erwachsenen nennt man solche nervenstarke Menschen dann Rampensau.

Das zeigt sich auch, wenn der Junge ein Stück beendet hat und einen Schluck trinken will: Er setzt einen mächtigen Schlussakkord, steht von seinem Hocker auf und verbeugt sich artig nach allen Seiten. Erst zur Straße hin, dann zu den Zuhörern vor dem Schaufenster, in dem eine Puppe fürs Ballett wirbt.

Dann stellt Anton ein Schild auf mit der Aufschrift „Pause“. Seine Mutter hat es ihm gemalt, ebenso wie andere Plakate, die an der Rückseite des Klaviers geklebt sind mit dem Namenszug.

Jetzt hat der Junge auch Zeit für ein kurzes Gespräch. Neun Jahre alt ist er. Trotz lausigen Temperaturen von sieben Grad und einem steten Wind friert es ihn nicht. Er ist in eine senffarbene Thermojacke eingemummelt. Klavier war sein Wunschinstrument, sagt er. Er hat seit knapp drei Jahren Unterricht und übt viel zu Hause. Ob er eines Tages Pianist werden will, kann er nicht sagen.

Die Eltern schauen zu

Im Hintergrund sitzt ein Ehepaar und beobachtet die Szene. Das sind die Eltern von Anton. Seine Familie wohnt in Gottenheim am Kaiserstuhl, einige Kilometer westlich von Freiburg. „Wir fahren unseren Sohn jeden Samstag in die Stadt“, berichtet sein Vater. Die gelben Räder hat er an das Instrument geschraubt.

Der Klavierspieler ist zu klein, deshalb hat ihm sei Vater ein Podest für die Füße gebaut.
Der Klavierspieler ist zu klein, deshalb hat ihm sei Vater ein Podest für die Füße gebaut. | Bild: Fricker, Ulrich

„Ich bin vor allem fürs Handwerkliche zuständig“, sagt der Vater im breiten Alemannisch. Seine Frau sitzt schmunzelnd neben ihm, einen guten Kopf kleiner. Sie stammt von den Philippinen und hat eine geübte Hand fürs Malen und Zeichnen. Die Cartoons am Klavier stammen von ihr.

Während der Pause füllt sich der Spendenhut mit Münzen und manchem wertigen Schein. Das Publikum gibt gerne, bevor es auf den Münsterplatz zur Münsterwurst weiterzieht oder ins nächste Geschäft. Wieviel nimmt der Neunjährige an einem Samstag ein? „Über Geld spricht man nicht“, sagt der junge Mann völlig ungerührt. Das nennt man dann cool.

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Und sein Name? Immerhin heißt der flinke Musiker gleich wie der der berühmte Komponist Anton Bruckner (auch wenn sich der lebende Anton mit „gg“ schreibt). Den Eltern war diese Parallele bei der Taufe des Sohnes gar nicht bewusst. „Mein Großvater hieß auch schon Anton“, sagt der Vater ungerührt. So einfach ist das also mit der Genialität.