Herr Voelpel, Ihre Jungbrunnenformel beschreibt, wie wir bis ins Alter gesund bleiben können. Dazu zählen Sie eine positive innere Einstellung, gute Ernährung, viel Bewegung und ausreichend Schlaf, achtsame Atmung, Entspannung und soziale Kontakte. Sind alle gleich wichtig, oder lassen sich einzelne durch andere kompensieren?

In der Tat sind alle Aspekte der Jungbrunnenformel gleich wichtig. Wenn man sie kombiniert, können sie sich gegenseitig verstärken. Marginal lassen sie sich auch gegenseitig kompensieren. Wenn ich beispielsweise viel Zucker esse und viele tierische Fette zu mir nehme und dazu viel Alkohol trinke, dann brauche ich auch mehr Schlaf. Denn der Körper braucht einfach länger zur Regeneration.

Ernähre ich mich dagegen gesund mit ausreichenden Pausen zwischen den Mahlzeiten, brauche ich nicht so viel Schlaf. Hier setzt die Jungbrunnenformel an: Integriert man ihre Faktoren in seinen Alltag, kann man den Alterungsprozess verlangsamen und Krankheiten in Schach halten.

Nehmen wir einen Mann Mitte 40 mit den ersten Fettpolstern auf den Hüften, der Bauch wölbt sich... Womit fängt er am besten an, um nicht gleich entmutigt zu werden?

Es lohnt sich in jedem Lebensabschnitt, damit anzufangen, denn dafür ist es niemals zu früh und nur selten zu spät. Jeder einzelne Schritt zählt. Man sollte die Bewegung in seinen Alltag einbauen, beispielsweise die Treppen nehmen statt den Aufzug. Doch man sollte nur das tun, was einem Spaß macht. Es bringt nichts, wenn ich jeden Tag 20 Minuten joggen gehe, Joggen aber hasse.

Wichtig ist die goldene Mitte: So braucht man auch nicht radikal jeden Schluck Alkohol zu meiden, denn sehr wichtig ist dabei auch die soziale Interaktion mit anderen, die wiederum für die Gesundheit enorm wichtig ist.

Sven Voelpel, 46, Altersforscher, ist Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University in Bremen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen demographischer Wandel und Leadership. Er berät Organisationen wie die Allianz, die Bundesagentur für Arbeit, Daimler und die Deutsche Bahn und hat u. a. zahlreiche Bücher zum Thema Alter veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie in Bremen.
Sven Voelpel, 46, Altersforscher, ist Professor für Betriebswirtschaft an der Jacobs University in Bremen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen demographischer Wandel und Leadership. Er berät Organisationen wie die Allianz, die Bundesagentur für Arbeit, Daimler und die Deutsche Bahn und hat u. a. zahlreiche Bücher zum Thema Alter veröffentlicht. Er lebt mit seiner Familie in Bremen. | Bild: Jacobs-University

Es gibt viele über 100-Jährige und Forschungen über Menschen, die in den sogenannten „Blauen Zonen“ leben, wie auf Inseln in Japan, Costa Rica, Griechenland oder auf Sardinien, und außergewöhnlich alt werden. Was machen sie anders?

Was alle diese Menschen eint, ist die Gemeinschaft, die sie bis ins hohe Alter erleben. Sie sind sozial in ihr Umfeld eingebunden, trinken abends beispielsweise ihren Ouzo, tanzen und singen. Keiner war übergewichtig und alle haben eine positive Einstellung zum Leben.

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Sie schreiben, dass wir, wenn wir dem Alter ein Schnippchen schlagen wollen, die Entzündungsprozesse, die dann im Körper vermehrt ablaufen, möglichst gering halten müssen. Warum ist das so, und wie stellen wir das am besten an?

Wer beispielsweise zu viel Glukose im Blut hat, altert schnell. Denn die Zuckermoleküle heften sich im Körper an die Eiweiße, sodass es zu einer Verklebung kommt. Wenn man dagegen zwölf Stunden nichts isst, also Intervallfasten macht, beginnt die sogenannte ketonische Verbrennung: Die Leber produziert Ketone, zuckereigene Baustoffe und verbrennt 96 Prozent Fett und baut vier Prozent Eiweiß ab. Das ist gut, weil je mehr Fette wir im Körper haben, desto mehr Giftstoffe lagern sich im Gewebe zwischen den Körperzellen und den Gefäßen an, wo normalerweise der Sauerstoffaustausch stattfindet.

Sind diese Zwischenräume verstopft, kann der Sauerstoff nicht mehr bis zu allen Zellen gelangen, wo er benötigt wird. Einige Mediziner gehen davon aus, dass diese Prozesse die Entstehung von Krankheiten wie Diabetes, Herzkreislauferkrankungen und auch Krebs befördern können.

Bei Sven Voelpel ist man sich nie sicher, wann er wieder ein Kunststück mit seinem Körper machen wird: Der Altersforscher lehrt an der Jacobs University in Bremen, wo er mit seiner Familie lebt.
Bei Sven Voelpel ist man sich nie sicher, wann er wieder ein Kunststück mit seinem Körper machen wird: Der Altersforscher lehrt an der Jacobs University in Bremen, wo er mit seiner Familie lebt. | Bild: Patrick Runte

Was kann man rasch mit der Ernährung verändern, und welche Nahrungsmittel wirken entzündungshemmend?

Rasch geht es sofort: Was ich esse, macht sich im Körper sofort bemerkbar. Wenn man zum Beispiel Aroniabeerensaft trinkt, dann senkt das den Blutdruck. Auch Ananas und Staudensellerie haben diese Wirkung. Antioxidantien wirken entzündungshemmend.

Dem Entzündungsaltern kann man deshalb vorbeugen mit Gemüse, fructosearmem Obst, Nüssen, aber auch Gewürzen, wie Ingwer, Chili und Kurkuma. Zucker, Weizenprodukte und Fleisch betätigen sich im Körper dagegen als regelrechte Brandstifter. Sie sollten entsprechend seltener auf dem Speiseplan stehen.

Es gibt Studien darüber, dass wer 50 Gramm Apfel pro Tag isst bei der gleichen Kalorienmenge wie jemand, der das nicht macht, fünf Kilogramm weniger wiegt, obwohl er eigentlich mehr Kalorien zu sich nimmt. Durch die Apfelsäuren im Apfel nimmt man nämlich ab.

Sven Voelpels Buch: „Die Jungbrunnenformel“, rowohlt Verlag, 256 Seiten, 16 Euro
Sven Voelpels Buch: „Die Jungbrunnenformel“, rowohlt Verlag, 256 Seiten, 16 Euro | Bild: rowohlt

Wie ist es bei der Bewegung – reicht denn schon tägliches Treppensteigen, oder sollte man tatsächlich ins Schwitzen kommen?

Unabhängig von den Lebensjahren, die man auf dem Buckel hat, gehören Bewegung und Aktivität zu den wirkungsvollsten Waffen, die man dem eigenen Alterungsprozess entgegensetzen kann. Eigentlich sollte man einmal am Tag ins Schwitzen kommen. Der Blutzuckerspiegel sinkt durch Bewegung. Herz und Kreislauf profitieren schon von 30 Minuten moderater Bewegung, wie zum Beispiel Treppensteigen.

Wirkt sich die körperliche auch auf die geistige Fitness aus?

Ja. Jedes Mal, wenn wir uns bewegen, werden neue Synapsen im Gehirn gebildet. So wirkt sich Bewegung unmittelbar auf die geistige Leistungsfähigkeit aus. In einer 12-monatigen Studie an der Jacobs University konnte nachgewiesen werden, dass sowohl Ausdauersport
als auch Gymnastik sich leistungssteigernd auf das Gehirn älterer Menschen auswirken.

Schlaf als Jungbrunnenquelle

Sie raten insbesondere Sportmuffeln zu Calisthenics, dem Training mit dem eigenen Körpergewicht. Warum?

Das beste Fitnessgerät für unseren Körper ist – unser Körper. Kniebeugen, Liegestütze, Brücke und Klimmzüge gehören zu den vier Grundübungen im Calisthenics. Liegestütze kann ich auch an der Wand machen, indem ich nur meine Hände abdrücke. Wenn ich immer weiter von der Wand weggehe, kann ich die Intensität steigern.

Macht man sieben Minuten am Tag ein High-Intensity-Training mit 40 Sekunden Belastung, 20 Sekunden Pause, wird der Grundumsatz für zwei Tage erhöht. Über 48 Stunden wird Fett verbrannt, auch im Schlaf. Man kann auch über den Tag verteilt ein paar Kniebeugen machen oder immer wieder ein paar Liegestütze.

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