Jeder Vierte leidet hierzulande im Laufe des Jahres irgendwann an Nackenschmerzen. In 90 Prozent der Fälle sind sie harmlos, doch die Betroffenen fühlen sich schlecht und suchen Hilfe. Das Problem: Den meisten Therapien fehlt der Nachweis für ihre Wirkung. Doch der Patient kann etwas tun.

Die Schmerzen sind hartnäckig und nervtötend, können vom Nacken bis in Kopf und Schulter hinaufziehen, und mitunter haben sie sogar Schwindel und Sehstörungen im Gepäck: Das Halswirbelsäulen(HWS)-Syndrom kann das Leben zur Qual machen. Es zählt daher in Deutschland zu den Hauptgründen für einen Besuch beim Physiotherapeuten. Doch eine aktuelle Untersuchung im Auftrag des Kölner Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) meldet Zweifel an, ob das immer hilfreich ist.

Studienlage ist mager

Die Forscher fanden nur drei brauchbare Studien zum Nutzen von Physiotherapie beim HWS-Syndrom, in denen zudem unterschiedliche und kaum vergleichbare Anwendungen wie Krankengymnastik und Massage untersucht wurden. Das bedeutet, so das IQWiG, dass man eigentlich nicht beurteilen könne, ob der Besuch beim Physiotherapeuten dem HWS-Patienten tatsächlich weiterhilft. Dazu bräuchte man „weitere qualitativ hochwertige Studien mit ausreichend langer Nachbeobachtungsdauer“.

Physiotherapie mag also im Einzelfall durchaus helfen, wenn der Nacken schmerzt – möglicherweise aber auch nicht. Doch das gilt auch für andere Behandlungsmethoden. „Wir haben einfach keine Therapie, die man als Gold-Standard für das HWS-Syndrom empfehlen könnte“, erläutert Martin Scherer, Präsident von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM).

Was aber nicht heißen soll, dass sich der Patient gleich ganz den Weg zum Arzt sparen kann. Denn der kann – auch wenn es nur in zehn Prozent der Fälle vorkommt – abklären, ob hinter den Nackenschmerzen eine ernsthafte Ursache steckt, wie etwa Osteoporose, ein Tumor oder auch Unfälle oder Medikamente.

Experte rät von Halskrause ab

Zudem ist ein fehlender Behandlungsstandard kein Grund für therapeutischen Nihilismus. „Es gibt schon das eine oder andere, das man zur Linderung der Beschwerden unternehmen kann“, betont Martin Scherer, der an den medizinischen Leitlinien zur Behandlung des HWS-Syndroms mitgearbeitet hat. Wichtig sei vor allem, dass man nicht den Hals des Patienten mit einer Halskrause ruhigstellt.

„Der Patient sollte versuchen, weiter seinen Alltagsaktivitäten nachzugehen“, rät Scherer. Um dabei den Bewegungsablauf zu erleichtern, könne man kurzfristig eine Schmerztablette einnehmen, wie etwa Ibuprofen oder Diclofenac. Die lange Zeit üblichen Muskelrelaxantien wie Tetrazepam seien hingegen – aufgrund ihrer Nebenwirkungen – überholt, betont Scherer: „Da würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.“

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Auch die Spritze ist von gestern

Ebenfalls überholt: die Spritze. Sie wird zwar von den Patienten oft gewünscht, zwecks einer schnellen Linderung der Beschwerden. „Das bezeichnen wir heute gerne als Dawos-Methode“, erzählt Scherer. „Womit gemeint ist: man spritzt da, wo‘s weh tut.“ Doch über einen Placebo-Effekt hinaus werde damit keine sonderliche Wirkung erzielt.

Besser stehen da die Chancen für eine chirotherapeutische Anwendung. Allerdings hängt der Erfolg auch hier, wie bei der Physiotherapie, wesentlich von demjenigen ab, der sie durchführt. Und den – oft von einem deutlich wahrnehmbaren Knacken begleiteten – Manipulationen an der Halswirbelsäule kann Scherer insgesamt nur wenig abgewinnen.

„Es sollte eher um eine milde Mobilisation im Hals gehen“, so der Allgemeinmediziner. Da könne es dann auch sinnvoll sein, die Brustwirbelsäule mit einzubeziehen. „Denn mitunter kommen die Nackenschmerzen auch von dort“, so der Allgemeinmediziner.

Ängstliche gehören zur Opfergruppe

Ihr entscheidendes Merkmal besteht jedoch darin, dass sie in der Regel mit einer Muskelverspannung einhergehen. Gerade ängstliche oder gestresste Menschen leiden oft an Nackenschmerzen, weil sie permanent die Nacken- und Schultermuskeln anspannen. Aus der unbewussten Sorge heraus, ihren empfindlichen Hals vor vermeintlichen Angriffen schützen zu müssen.

„Deswegen ist man ja überhaupt auf die Idee gekommen, das HWS-Syndrom mit einem Muskelrelaxans zu behandeln“, erläutert Scherer. Aber risikoärmer, und keineswegs weniger wirkungsvoll seien da Entspannungsübungen, wie etwa Yoga, Autogenes Training oder das Tiefenentspannungstraining nach Jacobsen.

Hilfe durch stabileren Muskel

Das derzeit im Wellness-Bereich stark angesagte Pilates könnte – weil es gezielt auf die tiefer liegenden, kleinen und meist schwächeren Muskelgruppen wirkt – sogar in besonderem Maße hilfreich sein. Es erzielte in einer Studie der Hacettepe University in Ankara einen ähnlich positiven Effekt auf den Nackenschmerz und Lebensqualität wie Yoga und ein statisches (isometrisches) Muskeltraining.

„Doch es war das einzige Verfahren, dass auch zu einer Stärkung des Musculus semispinalis capitis führte“, berichtet Studienleiterin Naime Ulug. Dieser Muskel verläuft tief an der Halswirbelsäule, dort leistet er einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität. Was bedeuten könnte, dass Pilates nicht nur kurzfristig die Nackenschmerzen lindert, sondern auch langfristig vor ihnen schützt. Und ein wesentliches Problem des HWS-Syndroms besteht ja darin, wie Scherer zu berichten weiß, „dass es zwar oft wieder von allein verschwindet, aber eben auch oft wiederkehrt“.

Schlaf auf dem Stützkissen

Ganz tief in die Entspannung führt schließlich eine Studie, die soeben ein italienisches Forscherteam veröffentlicht hat. Darin hat man 64 Probanden entweder eine systematische Einweisung in einen nacken- und rückenfreundlichen Lebensstil gegeben, oder aber vier Wochen lang auf einem „Spring pillow“, also einem Nackenstützkissen mit 60 Taschenfederkernen schlafen lassen. Am Ende hatten die Testschläfer deutlich weniger Schmerzen als die Seminarteilnehmer.

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