Büchel besteht aus 442 Häusern, in denen 1154 Menschen leben, die 752 Autos fahren. Es gibt drei Gaststätten, eine freiwillige Feuerwehr, eine katholische Kirche und einmal im Jahr ist Kirmes. Der kleine, windige Ort in den Hügeln der Vulkaneifel ist auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere auch. Wäre da nicht etwas, das es nirgendwo sonst in Deutschland gibt: Rund 20 Atombomben, jede für sich mit der vierfachen Sprengkraft der Bombe von Hiroshima.

Die Bücheler nennen die tödlichsten Waffen in ganz Deutschland nur spöttisch „die 20 Eier“. Offiziell gibt es sie gar nicht. Jeder weiß aber, dass sie streng bewacht von einer US-Spezialeinheit in Metallbunkern auf dem Fliegerhorst der Bundeswehr lagern, der nur einen Kilometer vom Dorfkern entfernt liegt. Niemand bezweifelt oder dementiert das.

Der Radarturm und der Tower des Bundeswehr Fliegerhorstes in Büchel. Auf dem Luftwaffenstützpunkt sollen US-amerikanische Atombomben vom Typ B61 lagern.
Der Radarturm und der Tower des Bundeswehr Fliegerhorstes in Büchel. Auf dem Luftwaffenstützpunkt sollen US-amerikanische Atombomben vom Typ B61 lagern. | Bild: Thomas Frey/dpa

Die Atombomben gehören ungefähr so lange zu dem Dorf in Rheinland-Pfalz wie Willi Rademacher. Der parteilose Bürgermeister ist heute 62. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie er als Kind in den 60er-Jahren zum ersten Mal US-Soldaten begegnet ist, die für „Munitionstransporte“ auch schon mal die Straßen sperrten. Rademacher hat fast sein ganzes Leben in Büchel verbracht. Neben den Bomben. Angst haben sie ihm nie gemacht. „Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird“, sagt der ehemalige Bundeswehrsoldat. Viel gefährlicher seien die Gewehre, die Granaten und Raketen, die nach Syrien geschickt würden. „Dort sterben jeden Tag Menschen. Da wird nicht drüber gesprochen. Über die Eier, die hier bisher sicher lagern, darum wird ein großer Aufstand gemacht.“

"Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird."<br><br>

<b>Willi Rademacher</b>, Bürgermeister von Büchel, über die Atombomben (20 Eier), die dort wahrscheinlich lagern.
"Das ist hirnrissig, was hier für ein Thema um die 20 Eier gemacht wird."

Willi Rademacher, Bürgermeister von Büchel, über die Atombomben (20 Eier), die dort wahrscheinlich lagern. | Bild: Thomas Frey/dpa

So wie Rademacher denken viele in Büchel. Der Flugplatz ist mit 2000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber in der Region. Nervig ist allenfalls der Fluglärm der Tornado-Kampfjets, aber auch daran haben sich die Anwohner gewöhnt. „Wir regen uns da nicht sonderlich auf. Es gehört zum Geschäft Flugplatz hinzu“, sagt Rademacher. Angst hat man in Büchel allenfalls davor, dass der Flugplatz dichtmacht, wenn die Bomben abgezogen werden.

Wenn man einen Gegner der Bomben finden will, muss man acht Kilometer weiterfahren, nach Leienkaul. Dorthin ist die Apothekerin Elke Koller 1985 aus Norddeutschland gezogen. Von ihrem Haus kann sie nachts die Lichter des dreieinhalb Kilometer entfernten Towers sehen. Lange Zeit hat die heute 74-Jährige nichts von den Bomben gewusst. Als 1995 ein Spiegel-Artikel darüber erschien, war sie geschockt – und begann, Proteste zu organisieren. „Ich habe Angst vor einem Unfall“, sagt sie. Wenn sie eine Feuerwehrsirene höre, zucke sie zusammen. Außerdem sei der Fliegerhorst ein potenzielles Angriffsziel, sagt Koller. Sie selbst fühle sich als „Zielscheibe“.

Nicht alle Einwohner rund um Büchel sind mit der Lagerung der atomaren Waffen einverstanden. Regelmäßig kommt es zu Demonstrationen.
Nicht alle Einwohner rund um Büchel sind mit der Lagerung der atomaren Waffen einverstanden. Regelmäßig kommt es zu Demonstrationen. | Bild: Thomas Frey/dpa

1996 fand die erste Demonstration statt. Koller wurde angefeindet. „Das war am Anfang ganz extrem“, sagt sie. In der Apotheke bekam sie von Kunden zu hören: „Von Ihnen lasse ich mich nicht bedienen, Sie wollen mir ja den Arbeitsplatz wegnehmen.“

Ein Stück Amerika in Büchel

Am Eingang des Stützpunkts weht ganz vorne die US-Flagge, dahinter die deutsche – obwohl es ein Flugplatz der Bundeswehr ist. Journalisten sind auf dem Gelände nicht willkommen und werden auf nächstes Jahr vertröstet. Selbst wenn man auf das Gelände kommt, ist ein Thema von vornherein tabu: die „nukleare Teilhabe“ Deutschlands. Der abstrakte Begriff aus dem Nato-Vokabular steht dafür, dass Deutschland sich seit 60 Jahren aktiv am atomaren Schutzschirm des Bündnisses in Europa beteiligt. Weitere US-Atombomben sind in Italien, Belgien, den Niederlanden und der Türkei stationiert. Die deutsche Teilhabe besteht darin, dass nach einem Einsatzbefehl des US-Präsidenten und Bestätigung der Nato-Zentrale die Tornados die Bomben einklinken und über dem Ziel abwerfen.

Die US-Flagge weht vor dem Haupteingang des Bundeswehr-Fliegerhorsts in Büchel. Dahinter, nur anhand des goldenen Streifen zu erkennen, die deutsche Fahne.
Die US-Flagge weht vor dem Haupteingang des Bundeswehr-Fliegerhorsts in Büchel. Dahinter, nur anhand des goldenen Streifen zu erkennen, die deutsche Fahne. | Bild: Thomas Frey/dpa

Die Bomben von Büchel heißen B61-4, sind 3,58 Meter lang, sehen aus wie kleine Raketen und haben eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen. Die Informationen, die über sie kursieren, hat man einer Handvoll internationaler Wissenschaftler zu verdanken, die vor allem offene US-Quellen auswerten und daraus Rückschlüsse für Büchel ziehen. Bundeswehr und Bundesregierung schweigen.

Seit ein paar Jahren erlebt die nukleare Abschreckung aber wieder eine Renaissance. Die Gefahr eines Atomkriegs wird von Experten so hoch eingeschätzt wie seit den Hochzeiten des Kalten Krieges nicht mehr. Drei Entwicklungen sind dafür verantwortlich: das Atomprogramm von Nordkorea, das wankende Atomabkommen mit dem Iran und die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine.

Auf dem Fliegerhorst Büchel startet ein Tornado-Kampfjet. Diese können auch als nukleare Waffenträger dienen.
Auf dem Fliegerhorst Büchel startet ein Tornado-Kampfjet. Diese können auch als nukleare Waffenträger dienen. | Bild: Harald Tittel / dpa

Alle Atommächte investieren in die Modernisierung ihrer Waffen. Alleine die Ausgaben der USA dafür werden für die nächsten zehn Jahre auf 400 Milliarden US-Dollar (336 Milliarden Euro) geschätzt. Gleichzeitig gibt es eine Gegenbewegung. Im Juli beschlossen zwei Drittel der Mitglieder der Vereinten Nationen ein Verbot aller Atomwaffen. Der Vertrag verbietet den Unterzeichnern, Atomwaffen zu entwickeln, zu besitzen, zu lagern, zu stationieren oder zu finanzieren. Das Problem: Keiner der neun Staaten, die sicher oder mutmaßlich im Besitz von Atomwaffen sind, hat diesen Vertrag unterzeichnet. Das Anti-Atom-Bündnis Ican, das sich jahrelang für das Abkommen eingesetzt hat, erhält dafür den Friedensnobelpreis.

 

Ein Bündnis gegen Atomwaffen

  • Wer oder was ist die Ican?
    Die Organisation IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War; Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung) ist ein internationaler Zusammenschluss von Human-, Tier- und Zahnärzten, die sich vor allem für die Abrüstung atomarer Waffen in der Welt einsetzten. Vor Jahren hat die Organisation die Ican (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen) gestartet. Sie ist in zwölf Ländern vertreten und besteht aus 450 Mitgliedsorganisationen. Diese wird nun am Sonntag mit dem Friedensnobelpreis in Oslo ausgezeichnet.
  • Was ist das Ziel der Kampagne?
    Die Ican möchte auf die Gefahren der noch bestehenden 14¦935 Atomwaffen hinweisen, die es seit dem Kalten Krieg weltweit gibt. Die internationale Kampagne möchte durch die öffentlichen Diskussionen Druck auf die Atommächte und Regierungen ausüben. Sie möchte Atomwaffen per internationalem Vertrag verbieten.
  • Wieso bekommt die Ican den Friedensnobelpreis?
    Ican hat maßgeblich am UN-Abkommen zum Verbot von Nuklearwaffen mitgewirkt, das im Juli in New York unterzeichnet wurde. Dieses verbietet Herstellung, Besitz, Einsatz und Lagerung von Atomwaffen. 122 Staaten haben es ausgehandelt, 53 davon haben es bereits unterzeichnet. Darunter ist aber keine einzige Atommacht. Die Jury des Friedensnobelpreises sieht in Ican eine Art Graswurzelbewegung gegen Atomwaffen und zeichnet sie auch stellvertretend für viele andere Initiativen aus. „Der diesjährige Preis ist ein Tribut an jeden, der sich gegen Atomwaffen einsetzt“, sagt die norwegische Nobel-Komitee-Chefin Berit Reiss-Andersen. (dpa/kst)

 

 

Statt Abrüstung ist ein anderes Szenario wahrscheinlicher. In ein paar Jahren könnten die Atombomben durch modernere ersetzt werden. Die Vorbereitungen dafür wurden bereits 2010 von US-Präsident Barack Obama eingeleitet. Die ersten Tests der Nachfolge-Bombe B61-12 sind 2015 erfolgt. Bis Mitte der 2020er-Jahre könnte der Austausch der US-Atombomben – auch in Büchel – erfolgen, schätzen Experten.

 

Bild: Quelle: SPIRI / Grafik: DPA / SK

 

 

Schon gewusst?

Auch in unserer Region lagerten einmal ganz offiziell Atomwaffen: Im damaligen Munitionslager Mottschieß bei Pfullendorf im Landkreis Sigmaringen hatten die US-Streitkräfte 1969 ein Sonderwaffenlager erstellt. Darin waren Atomwaffen für die 10. Panzerdivision der Bundeswehr in Sigmaringen gelagert. Das zuständige Artillerie-Regiment war in der Generaloberst-von-Fritsch-Kaserne stationiert. In den 1980er-Jahren wurden die Lagerhallen geräumt und die dort stationierten Einheiten wurden aufgelöst. Das Gelände ist im Besitz der BImA (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) – eine Käufersuche blieb erfolglos. Das Gelände wurde Teil des Ausbildungszentrums Spezielle Operationen. Seit 2010 wird es von der Bundeswehr zum Verkauf angeboten. (jüw)