Der „Plastikpakt“, den unsere Familie Anfang des Jahres geschlossen hatte, hält gut – auch nach über vier Monaten haben wir noch nicht damit aufgegeben, auf Plastikverpackungen zu verzichten, wo es nur geht. Mein Sohn Paul, der die Idee dazu hatte, ist voll mit dabei. Sogar in seiner Schule ist unser Projekt mittlerweile ein Thema geworden, beim nächsten Schulfest werden wir einen eigenen Stand haben und über unsere Erfahrungen informieren.

So sieht ein Einkaufswagen aus, wenn man nicht auf Plastik verzichtet. Alles ist eingeschweißt oder verpackt – egal ob Gurke, Bananen, Tomaten oder Nudeln.
So sieht ein Einkaufswagen aus, wenn man nicht auf Plastik verzichtet. Alles ist eingeschweißt oder verpackt – egal ob Gurke, Bananen, Tomaten oder Nudeln. | Bild: Fotografie Trautmann

Natürlich hat sich für uns grundätzlich etwas verändert: Wir kaufen ganz anders ein als früher und schauen ganz anders auf die Produkte, die wir in den Einkaufswagen legen. Wie ich in den Serienteilen zuvor berichtet habe, klappt das natürlich nicht immer und manchmal gar nicht. Wir gehen immer noch zum Discounter, denn auch wir müssen auf unsere Haushaltskasse achten. Doch was wir dort nicht unverpackt bekommen, kaufen wir auf dem Markt, beim Metzger, im Hofladen oder in der Molkerei ein. Es macht uns mittlerweile fast Spaß, wenn wir wieder eine plastikfreie Variante gefunden haben – sogar für die Kekse haben wir jetzt eine Lösung: Es gibt sie bei unserem Lieblingsbäcker und alle sind hoch zufrieden. Für uns ist das Plastiksparen fast zu einem Sport geworden und stachelt unseren Ehrgeiz an.

So viel Müll entstand bei meinem Probeeinkauf. Nudel-, Milch- oder Obstverpackungen stapeln sich zu einem kleinen Berg.
So viel Müll entstand bei meinem Probeeinkauf. Nudel-, Milch- oder Obstverpackungen stapeln sich zu einem kleinen Berg. | Bild: Fotografie Trautmann

Immer wieder werde ich gefragt, ob das Einkaufen nicht mühsamer geworden ist und ob ich nicht viel mehr Zeit dafür brauche. Beides ist ein bisschen richtig, stört mich aber nicht. Ich habe grundsätzlich nur freitags und samstags Zeit, überhaupt den Wocheneinkauf zu machen, und das klappt auch seit der Einführung unseres Plastikverzichtes. Ich verbinde den Besuch auf dem Markt, beim Metzger und Bäcker mit einem Spaziergang durch die Stadt – das macht auch den Kindern Spaß. Natürlich wäre es einfacher, in einen Riesen-Supermarkt zu fahren und alles in den Wagen zu laden, was wir so brauchen. Aber wenn ich sehe, wie viel überflüssiger Müll danach in unserem gelben Sack landet, dann weiß ich wieder, warum ich mir die Mühe mache.

Ohne Plastik geht es auch: In diesem Wagen liegen nur Produkte, die (fast) ganz ohne Kunststoffverpackung auskommen.
Ohne Plastik geht es auch: In diesem Wagen liegen nur Produkte, die (fast) ganz ohne Kunststoffverpackung auskommen.

Für diesen Artikel habe ich den Test gemacht und zwei Mal den normalen Wocheneinkauf besorgt – einmal „normal“, einmal plastikfrei. Im Einkaufswagen waren Milch, Saft, Gemüse, Obst, Fleisch, Wurst, Joghurt, Käse, Duschgel, Seife, Reinigungs- und Waschmittel – eben alles, was eine vierköpfige Familie so braucht. Für die „normalen“ Einkäufe zahlte ich 48,56 Euro, für die plastikfreie Variante 61,13 Euro. Die Differenz beträgt 12,57 Euro – ein Betrag, den ich für nicht allzu hoch halte, gemessen an dem Erfolg in Bezug auf die Plastikvermeidung. Denn der eine Plastikeinkauf produzierte eine beachtliche Menge an Müll, beim plastikfreien Einkauf blieben gerade einmal zwei Kunststoff-Fenster der Nudelpackungen und die Lasche für die Waschmittel-Pappbox übrig (siehe Bilder unten).

Die Müllbilanz meines "Unverpackt"-Einkaufs: Eine Plastiklasche und zwei kleine Fenster der Nudelpackungen.
Die Müllbilanz meines "Unverpackt"-Einkaufs: Eine Plastiklasche und zwei kleine Fenster der Nudelpackungen. | Bild: Fotografie Trautmann

Teurer sind vor allem die Kosmetik- und Reinigungsmittel, die ich mittlerweile bestelle und in Glasflaschen geliefert bekomme. Aber wenn ich es mit dem Verzicht auf Kunststoff ernst nehme, muss ich konsequenterweise ein wenig mehr dafür bezahlen. Milch und Käse sind übrigens unschlagbar günstig in der Molkerei, in der ich sie beziehe. Für einen Liter Milch zahle ich 85 Cent, für Joghurt 55 Cent pro 100 Gramm, Bergkäse kostet gerade einmal 1,05 Euro pro 100 Gramm. Bei Obst und Gemüse greife ich auf die losen Produkte beim Discounter zurück. Dass Fleisch und Wurst vom Metzger teurer sind, liegt auf der Hand. Aber ich gebe gerne mehr Geld für qualitativ hochwertiges Fleisch aus, statt Schnitzel aus fragwürdiger Massentierhaltung zum „Knallerpreis der Woche“ auf den Grill zu legen, die dazu noch in einer riesigen Plastik-Umverpackung liegen.

Es stellt sich zudem immer mehr heraus, dass das plastikfreie Einkaufen dazu führt, dass wir viel mehr regionale Produkte kaufen, die keine weiten Transportwege hinter sich haben. Damit stärken wir die hiesige Landwirtschaft und auch die Metzger, Bäcker, Käseläden oder Getränkehersteller aus unserer Region. Warum soll ich Lidl- oder Aldi-Apfelsaft kaufen, wenn es bei uns am Bodensee unzählige Streuobstwiesen gibt, deren Äpfel zu bestem Saft gemacht werden? Warum soll ich Erdbeeren aus Spanien kaufen, wenn es viele Obstbauern gibt, die diese bei uns anbauen? Insgesamt sind meine Familie und ich mittlerweile viel nachhaltiger im Alltag geworden. Wir reden über die Probleme, die der viele Plastikmüll mit sich bringt – und mein Sohn nimmt die Sache sehr ernst.

Paul und Linus beim Plastikmüll-Sammeln am Strand von Sardinien.
Mein Sohn Paul (links) mit seinem Freund Linus bei ihrer Müllsammelaktion am Strand in Sardinien. | Bild: Kerstin Mommsen

Als wir über Pfingsten im Urlaub auf Sardinien waren, wurden Paul und seine beiden Freunde Linus und Finn zu kleinen Müllsammlern. An jedem Strand fingen sie von sich aus an, Plastikmüll einzusammeln. In einer einzigen Stunde kamen so sieben (!) Tüten Müll zusammen, den die drei Jungs in den Dünen, im Sand oder im Meer gefunden hatten. Für mich ein Zeichen, dass wir mit unserem Plastikfasten-Projekt auf dem richtigen Weg sind und es weiter verfolgen werden – denn Plastikmüll ist einfach überall.

Paul und Linus beim Plastikmüll-Sammeln am Strand von Sardinien.
In nur einer Stunde sammelten Paul und Linus sieben Säcke Plastikmüll. | Bild: Kerstin Mommsen

 

Noch mehr Tipps zur Plastikvermeidung

Es macht uns fast schon Spaß, auf Plastik zu verzichten, wo es nur geht. Unser Anspruch ist es nicht, gar keinen Müll mehr zu produzieren. Das schaffen wir im Alltag nicht, so viel ist uns klar. Aber irgendwo kann jeder damit anfangen, Kunststoff zu vermeiden.

  • Repaircafés: In vielen Städten gibt es sie bereits, die Repaircafés, in denen defekte Geräte wieder repariert werden. Statt einen Toaster wegzuschmeißen, weil der Schalter nicht mehr funktioniert, kann man ihn dort günstig reparieren lassen, das spart oft Geld und schont vor allem die Umwelt. Es gibt sie bereits in Gottmadingen, Friedrichshafen, Bad Säckingen, Rheinfelden, Konstanz, Bad Dürrheim, Donaueschingen, Überlingen, Markdorf und vielen anderen Orten in unserer Region. Auch in Elektrogeräten steckt viel Plastik.

  • Weniger ist mehr: Dieses Prinzip gilt eigentlich überall. Wenn Sie versuchen, auf Plastik zu verzichten, kaufen Sie automatisch immer nur so viel ein, wie sie wirklich brauchen. Statt einer abgepackten 500-Gramm-Packung Möhren nehmen Sie dann nur so viele, wie sie wirklich brauchen. Plötzlich haben Sie kaum noch Essensreste, die am Ende überflüssigerweise im Müll landen.

  • Probieren Sie es selbst: Machen Sie mal einen Spaziergang und nehmen eine Mülltüte mit. Schauen Sie, wie viel Plastikmüll sie so finden – Sie werden garantiert erstaunt sein. Wenn Sie einmal damit angefangen haben, fällt Ihnen erst auf, wo überall Plastikflaschen, Verpackungen oder Mülltüten herumliegen, meist nicht in den Abfalleimern, sondern am Seeufer, in den Büschen oder im Gras. Viele Gemeinden veranstalten Dorf- oder Seeputzete. In Friedrichshafen sammelten die Helfer im Februar diesen Jahres zehn Kubikmeter Müll – darunter Klobürsten, Planen, Regenschirme oder Shampooflaschen.

  • Beschweren Sie sich: Wenn Ihnen auffällt, dass Produkte in unnötig viel Plastik verpackt sind, können Sie die Hersteller oder Handelsketten darauf hinweisen. Wenn viele Menschen beginnen, Druck auf die Industrie auszuüben, ändert sich vielleicht schneller etwas. Sie können auch Ihre Landtags- oder Bundestagsabgeordneten auf das Thema ansprechen und fragen, was die Politik tut. (mom)